Literarische Abenteuer. Der Lesemonat im Rückblick, 08/2020

Und schon ist er vorbei…

Im Monatsrückblick lasse ich nochmal die Leseerlebnisse und -Eindrücke der vergangenen Wochen Revue passieren.


Die Buchvorstellungen der Monatsrückblicke sind kurz und bündig – zur tiefergehenden Rezension und Analyse folge dem jeweiligen Link hinter den Buchtiteln.


Hier sind meine Gedanken zum Lesemonat August:



Cormac McCarthy: Blood Meridian (1985)


Obwohl ich No Country for Old Men gerade wegen Cormac McCarthys besonderem Stil, intensiven Figuren, und seinen spannenden, skrupellosen Schilderungen voller blutiger Gewalt als Lesestoff sehr genossen habe, waren es bei Blood Meridian genau dieselben Aspekte, die mir hier die Leseerfahrung versauert haben.


Eigentlich bin ich ein Fan von McCarthy und mag seine Romane, konnte diesem Buch aber kaum etwas abgewinnen.

Die Landschaftsbeschreibungen sind auch in diesem Fall reichhaltig, das Milieu der gefährlichen Existenz eines Einzelgängers in der Wüste und eines Soldaten, dessen einziges Kapital sein Leben ist, sind zwar auf eine Hemingway’sche Art intensiv und faszinierend in ihrer morbiden, nihilistischen Existenz – und doch hat mich die starke Männlichkeit dieses Romans in eben solchem Maße kalt gelassen, wie No Country mich angezogen hatte.

Die Geschichte selbst bleibt in ihrem Inhalt zu vage, die Perspektive scheint sich nicht selber zu finden, ständig sind neue Figuren im Zentrum der Erzählung – und die Zusammenfassungen zum Kapitelbeginn wirken eher irritierend als hilfreich.

Unglücklicherweise war Blood Meridian nicht das Buch für mich.



Hubert Selby Jr: The Demon (1976)
und Requiem for a Dream (1978)


Selby ist eine unglaublich interessante Person und ebenso ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Seine eigenen Erfahrungen mit harten Drogen, zunehmenden Gesundheitsproblemen und jahrelanger Armut verhalfen ihm zu einem einzigartigen Blick auf Alkoholiker, Prostituierte, Diebe, Arbeiter und andere Mitglieder der unteren Gesellschaftsklassen.

Selby seiht aus diesen dunklen Existenzen und Köpfen die düstersten Gedanken und beschreibt mit einer zugleich erstaunlichen und erschreckenden Detailgenauigkeit die Dämonen und Ängste, die in diesen Köpfen wohnen. Seine Art, in kleinsten Schritten ganz präzise auszuführen, wie eine Person dem vollständigen Wahnsinn verfällt, ist unübertroffen.


Requiem ist sicherlich das bekanntere von beiden Büchern – schon wegen der Filmversion von Darren Aronofsky –, ist Demon meiner Meinung nach das Kronjuwel von Selbys Œuvre. Selby beschreibt den wachsenden Appetit von Harry White nach Anerkennung, Status und Kontrolle – und beobachtet gleichzeitig, wie der Mann nach und nach in jeder Abteilung seiner Existenz die Oberhand verliert.

Wie Selby an Harrys tagtägliche Leiden, den ständigen Kampf seiner Schuldgefühle gegen seinen Verlangen, und die nie haltbar bleibende, kurz gewonnene Stabilität herangeht und diese als immerwährenden Kampf darstellt, ist gleichzeitig makaber und faszinierend zu beobachten.



Harrys Lebensgeschichte ist mit Nachdruck eine der schmerzvollsten Leseerfahrungen meines gesamten Leserdaseins.

Daher würde ich gerade The Demon an diejenigen von euch dringend weiterempfehlen, die keine Angst haben, in die Tiefen ihrer schlimmsten Ängste zu blicken.



Marlene Steeruwitz: Partygirl (2002)

Obwohl der Titel dieses Romans auf eine Geschichte der Jugend und ein Leben voller besonderer Anlässe deutet, ist in Steeruwitz’ Roman weder die Party noch das girl im Vordergrund. Es handelt sich um eine tragische Geschichte voller Kindheitstraumata, verlorener Liebe, Trauer, Leiden und Hoffnungslosigkeit.

Partygirl basiert auf einer Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe, deren Vorlage jedoch von Steeruwitz in puncto Tragik, Perversion und Verlassenheit bei weitem übertrifft. Ihre Madeline ist eine Protagonistin, deren Leben nur unerträglicher wird – und obwohl ihr Bruder Rick ihr am Anfang ihrer Leidensgeschichte noch zur Seite steht, schrumpft auch seine Empathie für Madelines emotionale und körperliche Schmerzen ins Nichts.


Das Schlimmste hierbei ist die unveränderbare Passivität der Protagonistin: Ob es ihrem Geschlecht, ihrer sozialen Rolle, ihrer Vergangenheit oder allen drei Faktoren verschuldet ist, Madeline ist unfähig, etwas an ihrem Leben zu ändern und bleibt eine Zuschauerin ihrer eigenen Verwesung.

Eine furchtbare Geschichte, und dennoch psychologisch spannend, emotional äußerst mitreißend und bewegend. Meines Erachtens sicherlich eine wertvolle Leseerfahrung.




Jackie Thomae: Momente der Klarheit (2017)

Dieses Buch ist kurz gesagt ein Trennungsroman vom Feinsten. Die Erzählung dreht sich um einzelne entscheidende Momente, die zur Trennung der Figuren führen und beitragen.

Es geht der Autorin immer wieder um den genauen Augenblick, in denen ihren Figuren der Schleier der Empathie, der Idealisierung, des Sich-etwas-vormachens und der Pheromone von den Augen fällt.



Die humorvolle Geschichte setzt sich aus zahlreichen Geschichten zusammen, die aus den jeweiligen Perspektiven der sich zur Trennung entscheidenden Parteien geschildert werden.

“Momente der Klarheit” ist vor allem ein Roman für Leser mit Humor. Noch wichtiger ist jedoch, dass eine Autorin hier den Mut gefunden hat, die Nuancen der schwierigsten Entschlüsse im Leben einer Person zu untersuchen.


Ein wahrhaftig origineller Roman, der beibringt, trotz Schmerzen zu lächeln und innere Kraft im Angesicht einer Niederlage zu finden.



Lauren Wilkinson: American Spy (2019)


Lauren Wilkinsons Debütroman ‘American Spy’ wurde bereits in seiner englischen Form weitestgehend gepriesen und als hervorragender Spionagethriller bezeichnet. Sogar Barack Obama nahm den Roman in seiner renommierten Sommerleseliste auf.

Die Hauptfigur ist trotz stürmischen Lebenslaufs und gefährlicher Berufslaufbahn vorrangig eine Mutter, die ihren Söhnen eine Geschichte erzählt.


Schnell schaltet die Mutter dann immer wieder in Agentinnenmodus um, denn Maries Beziehungen zu allen anderen Menschen in ihrem Umfeld sind von Vorsicht und Misstrauen geprägt – keineswegs möchte die Agentin jemals mehr von sich preisgeben, als für die jeweilige Situation notwendig.

Das Tempo der Handlung ist durchgängig nicht zu schnell, um detaillierte Situationen zu vernachlässigen – und doch zügig genug, um stets Spannung aufrecht zu erhalten. Die stilistischen Entscheidungen sind kohärent und der Inhalt selber überlegt und interessant.

Für ein Debüt ist “American Spy” gelungen.



(Fotos: 1 2)



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