Joachim B. Schmidt: ‘Kalmann’

Der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt wanderte in 2007 mit seiner Familie nach Island aus und lebt seitdem in Reykjavik. Kalmann (2020) spielt im winzigen Fischerdorf Raufarhöfn, an der nördlichsten Spitze der Halbinsel Melrakkaslétta.

Schon vom logistischen Aspekt betrachtet ist Kalmann also alles andere als ein gewöhnlicher Roman. Doch auch die Geschichte – und vor allem die Titelfigur – hält einiges an Überraschungen bereit.


Als klassischer Krimi beginnt der Text mit dem Fund einer Blutlache. Dass ausgerechnet Kalmann diese entdeckt, kann zu einigen Folgerungen führen – da der junge Mann ein wenig anders ist als die restlichen Dorfbewohner. Wie im Klappentext des Romans erwähnt wird, laufen “in Kalmanns Kopf […] die Räder manchmal rückwärts.” (1)


Er ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn. Tag für Tag wandert er über die weiten Ebene um das beinahe ausgestorbene Dorf, jagt Polarfüchse und legt Haiköder im Meer aus, um den Fang zu Gammelhai zu verarbeiten. […]. Als er eines Winters eine Blutlache im Schnee entdeckt, überrollen ihn die Ereignisse.” (1)


Im Mordfall ermittelt nun die Polizei, das Dorf wird plötzlich von den Kameras eines Fernsehsenders beobachtet, und Kalmann steht in der Mitte der Ereignisse. Da er seiner Emotionen nicht immer Herr ist, müssen Freunde und Familie eingreifen – gefühlt abwechselnd um Kalmann vor anderen und andere vor Kalmann zu schützen. Doch der junge Mann hat ein eigenes Geheimnis.



Kalmann wird mit Forrest Gump verglichen: Er hat ein außergewöhnliches Talent zum Haifischjagen und bereitet den besten Gammelhai Islands zu. Er ist imstande, eine sehr detailgetreue Karte von Island aus dem Kopf heraus zu zeichnen. Doch seine sozialen Kompetenzen gleichen denen eines pubertären Jungen. Immer wieder muss die Mutter ihn bändigen, oder die anderen Fischer ihm helfen, die blinde Aggression, die Kalmann oft überkommt, zu unterdrücken.


Was eben schön zu betrachten ist, ist wie die Dorfbewohner ihren selbsternannten Sheriff (da sein auf Island stationierter Vater ihm vor der Rückkehr in die USA einen Sheriffstern, einen Cowboyhut und eine Pistole schenkte, wurde das zu Kalmanns Identität) als vollwertiges Mitglied der Gemeinde behandeln, und es einfach hinnehmen, dass der junge Mann einige Sachen einfach nicht kann. Ob sie nun immer mit ihm oder auch manchmal über ihn lachen – solange Kalmann dabei ist, stört ihn das nicht. Er hat gelernt, solche Blicke und Kommentare längst zu ignorieren.


Mit seiner naiven Weisheit und dem Mut des reinen Herzens wendet er alles zum Guten. Kein Grund zur Sorge.” (1)


Schmidts Roman tarnt sich anfangs als Krimi, ist aber am ehesten als psychologischer Thriller und vor allem gekonnte Darstellung eines ungewöhnlichen Charakters zu beschreiben. Seine Schwächen definieren ihn nicht. Die fehlerhafte Menschlichkeit, die geistige Behinderung, und zeitgleich die absolute Sicherheit im Beruf und seiner Identität als Jäger machen aus Kalmann eine der mit Abstand interessantesten Figuren, die ich dieses Jahr das Vergnügen hatte, zu verfolgen.

Weder über die halsbrecherische Schlussszene des Romans noch zur entsetzlichen Auflösung des Mordfalls verliere ich an dieser Stelle ein Detail.


In diesem Buch stecken viele wichtige und einzigartig verpackte Gedanken zu grundlegenden menschlichen Charaktereigenschaften. Zudem übt Schmidt einiges an Kritik an Großkonzernen aus, durchleuchtet wirtschaftliches Mobbing anhand von Fangquoten, und beschreibt auf eine faszinierende Art die Stille, die Leere und die Schönheit Islands.

Kalmann ist ein großartiger, vielschichtiger, unglaublich spannender Roman, der jedem dringend zu empfehlen ist.



(1) Kalmann: Klappentext und Buchinfos im Diogenes Verlag

Ein großartiges Interview mit Kalmann-Autor Joachim B. Schmidt

Hier geht’s zur Leseprobe.


(Foto von hier)



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