Bas Kast: ‘Das Buch eines Sommers’

Bas Kasts neuer Roman Das Buch eines Sommers fasst sich selber mit dem Untertitel Werde, der du bist treffend zusammen. Inhaltlich und philosophisch geht es ums Selbstwerden und Selbstfindung, um das wahre, individualistische, von gesellschaftlichen Normen unabhängige Glück.

Und obwohl diese große Botschaft in den Rahmen einer ergreifenden Familiengeschichte zusammengefasst wird, hätten die letzten zwanzig Seiten des Buchs in aller Ruhe gestrichen werden können – obwohl auch diese an sich nicht schlecht geschrieben sind.

Vom Niveau: Coelho, mit Macken. Große Botschaften, gekonnt beschrieben. Doch dann folgt eine unbedachte Kehrtwendung, für den Roman lebensgefährlich… Lesen oder nicht lesen? Das ist hier die Frage.


Als junger Mann träumt Nicolas von einer Karriere als Schriftsteller, als Autor, als Nachfolger seines Onkels, der sich mit seinen Büchern einen Namen gemacht und Ansehen erhalten hat. Der Kreativität freien Lauf zu lassen und das Leben voller Gefühle und Genuss zu gestalten ist das, wonach auch Nicolas sich sehnt.



Doch sein Leben wird in andere Bahnen geleitet, als Nicolas die Firma seines Vaters übernimmt und sein Leben der Entwicklung von revolutionären Medikamenten widmet. Fast zu spät entdeckt Nicolas, wie verheerend die Konsequenzen sein können, wenn man sich die eigenen Träume aus den Händen reißen lässt.




Die Magie im Heim des Onkels, die Nicolas zu sich selbst zurück führt, ist – wenn für einige Geschmäcker auf eine viel zu esoterische Art und Weise geschrieben – unausweichlich und kann ebenso als eine als Personifikation seiner Emotionen und Erinnerungen interpretiert werden. Die These, dass eine Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit unglaubliche Zauberwesen ins Leben rufen kann, bleibt, wenn auf wackligen Füßen, grundlegend bestehen.

Der Protagonist findet in seinen Gedankengängen und Beobachtungen nach und nach zum Wesentlichen, und skizziert durch gravierende Entscheidungen, die ihm einiges an Risiko und Vertrauen abverlangen, sein Leben neu. Nicolas wagt schließlich den Schritt ins Unbekannte. Vieles ist jedoch fast viel zu einfach realisierbar – die Schwere und Last dieser Biografie bleibt geradezu betont im Hintergrund und wird nicht ausgeschöpft.

Obwohl die Kernbotschaft die Unabhängigkeit von elterlichen Konventionen und Überwindung der Furcht vor der Bestreitung eines ungewöhnlichen Lebenspfads sein soll, wird die dementsprechende Vorbelastung von Nicolas seitens seines Vaters, dessen Vaters, und der restlichen Familiendynamik kaum erwähnt. Ist diese Taktik mit der individuellen Belastung des Lesers gelungen, der sich den Rest selber ausmalen soll? Schwer zu sagen.




Die Ironie der Bedingungen des Glücklichseins verbirgt sich hier in der recht mutigen Feststellung, dass man zwar seiner wahren Berufung folgen kann und soll – wobei auch der von den Fesseln seiner Vorväter Befreite dennoch die pragmatischen Aspekte seines Lebens, beispielsweise als Familienvater nicht außer Acht lassen darf. Schlussendlich liegt der Clou in der Balance zwischen dem Leben für sich selbst und für andere.

Und plötzlich wendet sich die bis jetzt wunderbar entwickelnde Geschichte in eine esoterische Richtung, die freundlich gesagt fragwürdig ist.

Ob für intellektuell fundierte Romane über geistig fortgeschrittene Individuen wirklich Geister der Vergangenheit auftauchen müssen, obwohl die Identitätskrise durch den gesunden Menschenverstand bereits größtenteils als überwunden gilt? Das Ende des Romans erfüllte meine Erwartungen und hinterließ warme Gefühle – doch der letzte Passus der Erzählung war für die Geschichte selbst geradezu unnötig. Wer Coelho mag, wer King mag – dem wird er jedoch gefallen.


Bas Kast kann hervorragend schreiben, und hat mit Das Buch eines Sommers eine herzhafte Geschichte über den Weg zu sich Selbst entworfen – jedoch wurden hier zwei diskrepante Erzählungen aneinander gebunden. Die Ereignisse passen einfach nicht zum Rest des Buchs, weswegen ich den Roman an sich zwar sehr interessant fand, und die Figuren in ihrer Entwicklung mit Genuss verfolgte – dennoch minderten die letzten Entwicklungen für mich den Leseeindruck erheblich.

Schade, denn der Autor kann offensichtlich sowohl einen kohärenten und interessanten Roman für Erwachsene als auch ein zauberhaftes Kinderbuch schreiben.

Sofern Kast sich bei der nächsten Veröffentlichung wieder für stilistische Stabilität entscheidet, bin ich trotz allem guter Dinge. Mein Interesse am Autor bleibt zweifelsohne bestehen.



Categories: Home, Literarische Abenteuer

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