Literarische Abenteuer. Tove Ditlevsen: „Jugend“

Der zweite Band in Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie* berichtet über die ersten Schritte der jungen Protagonistin im selbstständigen Leben und erste Begegnungen in Dichterkreisen.

Auch Toves Jugend ist von einer tiefgreifenden Trauer und Sehnsucht geprägt, die die Autorin auf eine stilistisch unvergleichbare Art beschreibt.


Nachdem ich bereits von „Kindheit“ und dem Zauber von Ditlevsens Lyrik geschwärmt hatte, die ihrer feinfühligen Melancholie innewohnt, geht es nun weiter mit Teil zwei der Kopenhagen-Trilogie.

Die im ersten Roman aufgegriffenen Themen bezüglich Toves persönlichen und beruflichen Wünschen und Träumen werden im Großen und Ganzen linear weiterentwickelt.

Der Leser darf beobachten, wie die Protagonistin sich in Richtung einer selbstbewussten Schriftstellerin und Frau weiterentwickelt und sogar beginnt, ihre Träume der Veröffentlichung von Gedichten zu verwirklichen.

In „Jugend“ gelingt es der Protagonistin ebenso, sich in gewissem Umfang aus den Klammern des Elternhauses zu befreien und die Beziehung zu den Eltern mit einer gewissen emotional positiven Substanz zu füllen – obwohl sie sich bei weitem noch nicht auf Augenhöhe bedingen.

Die im ersten Band prominente tiefe Melancholie ändert im zweiten Buch zwar ihre Form, bleibt aber dennoch im Vordergrund. Eine emotional unglaublich intensive Stelle beschreibt ihr Gefühl, „immer allen Männern Lebwohl“ sagen zu müssen:


Er schwingt seinen grünen, breitkrempigen Hut in einem eleganten Bogen, setzt ihn auf den Kopf und eilt auf dem Boulevarden davon. Ich bleibe stehen und sehe ihm nach, solange meine Augen ihm folgen können.
Ich habe das Gefühl, ich müsste immer allen Männern Lebwohl sagen und stehen bleiben und ihrem Rücken nachblicken und hören, wie sich ihre Schritte im Dunkeln verlieren.
Und nur selten drehen sie sich um und winken mir zu.“


Tove ist auf der Suche nach sich selbst, nach jemandem, der sich um sie kümmert – und vor allem nach der Möglichkeit, ihr Werk mit anderen zu teilen. Während die Karriere als Autorin beginnt, herrschen die innere Leere und das Gefühl des fehl am Platz seins jedoch weiterhin. Die Protagonistin kämpft auch außerhalb des Elternhauses durchgängig damit, ihr Leben beginnen und ihre Persönlichkeit entfalten zu dürfen.

„Jugend“ ist eine organische Weiterführung derjenigen Geschichte, der ich bereits in „Kindheit“ mit Begeisterung gefolgt bin. Stilistisch und inhaltlich sind auch hier die gefühlvollen Nuancen der Introspektive hervorzuheben: Ditlevsens Art, die tiefe Sehnsucht und das ergreifende Verlangen der Protagonistin zu schildern lassen das Buch sehr nah ans Herz wachsen.


Ohne hier mehr verraten zu wollen – denn auch dieser Band ist vom Umfang her knapp – verspreche ich denjenigen, die bereits mit „Kindheit“ einen Lesegenuss gefunden haben, eine Weiterführung und Intensivierung dieser Gefühle. Ich meinerseits konnte das Buch nicht aus der Hand legen und habe sofort nach Teil drei gegriffen.

Auf eure Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Jugend
Autor: Tove Ditlevsen
Seitenzahl: 154
Erscheinungsdatum: 15.02.2021
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

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  1. Von den Büchern wird, in verschiedenen Rezensionen wie auch in der Werbung, abwechselnd als Roman oder als Biografie gesprochen… Was trifft es denn nun eher?

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    • Ditlevsens Werk wird als „Autofiktion“ bezeichnet – also ist es entweder autobiografisch inspirierte Fiktion, oder eine mit fiktiven Elementen geschmückte Autobiografie. Daher haben die meisten Recht und Unrecht zugleich, weswegen ich versuche, den Biografiebegriff vollständig zu meiden und den allgemeineren Begriff des „Romans“ zu verwenden. 😉

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  2. Ich bin sehr gespannt auf die Trilogie, werde sie allerdings dann lesen, wenn der dritte Band die Reihe komplettiert. Viele Grüße

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