Literarische Abenteuer. Ottessa Moshfegh: „Der Tod in ihren Händen“

Ottessa Moshfegh ist eine außergewöhnliche und ungewöhnliche Schriftstellerin. Die Romane „Eileen“ und „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ forderten mit den Innenwelten ihrer weiblichen Protagonisten bereits die äußersten Rahmen und Grenzen konventioneller Denkmuster heraus.

Diesmal dekonstruiert Moshfegh jedoch ein ganzes Genre. Ihr neuer Krimiroman „Der Tod in ihren Händen“ behandelt sowohl die Rolle des Erzählers als auch die Methoden des Mysteriums auf eine erfrischend erfinderische Art. Sogleich kann das Buch als scharfe Kritik am Genre selbst interpretiert werden.


In diesem Buch kommt zweifelsohne eine Mordgeschichte vor. Allerdings hat diese bei Weitem nicht den Ausgang, den man von ihr zu Beginn der Erzählung erwarten würde.

Eines morgens entdeckt Vesta beim Waldspaziergang mit ihrem Hund einen Zettel im Moos. Auf diesem steht geschrieben: Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.

Vesta beginnt, den Spuren und Hinweisen zu folgen, um Magdas Mörder auswendig zu machen.

Nach und nach macht sie Fortschritte in der Rekonstruktion der Umstände des Mordes – allerdings nur in ihrer eigenen Fantasie. Zeitgleich enthüllt die Erzählung mehr über Vestas Leben, umso mehr sie versucht, das von Magda zu rekonstruieren.

Graduell zeigen sich die Umrisse einer Realität, die wesentlich verstörender ist als eine Leiche, die im Wald liegen soll.


Vesta hat sich nach dem Tod ihres Mannes in eine Waldhütte zurückgezogen, um den Rest ihres Lebens in Ruhiger und naturnaher Umgebung zu verbringen. Allerdings empfindet die 72-jährige eine starke Abneigung gegenüber den übergewichtigen, geistig eingeschränkten Einwohnern und lebt vorwiegend in Isolation. Ihre Tage verbringt sie im Wald, in der Bibliothek oder in ihrer Hütte. Auf die in ihrem See liegende Insel zu rudern steht noch auf der to-do Liste, die sie jeden Tag neu schreibt und wieder zerreißt.

Vesta beginnt zwar, den Mordfall und vor allem Magdas Leben im Detail zu rekonstruieren – doch tut sie dies in der Bibliothek. Sie konstruiert eine fiktive Biografie mit fiktiven Konflikten und Mordmotiven.

Nun liest man plötzlich einen Antikrimi, der die Fiktion in der Fiktion mit Witz und Scharfsinn entblößt. Vesta hält sich bei ihrer Konstruktion an eine Anleitung mit Titel „Tipps und Tricks zum Krimi schreiben“, die sie aus dem Internet heranzieht, und muss bereits nach der ersten Runde des Charakteraufbaus folgern:


Der Kriminalroman war ein kunstloses Genre,
so viel war schon einmal klar.“ [93]


Die Selbstironie ist unübersehbar, und dennoch höchst amüsant.

Die folgende Geschichte um den Mord von Magda hat nichts mit der Realität zu tun. Bis Vesta einer ihrer konstruierten Figuren begegnet und die eigene Realität Fantastische Züge annimmt. Denn auf Vesta lauert tatsächlich Gefahr – an einer Stelle, wo niemand mit ihr rechnen würde.

Zeitgleich wird Vestas entsetzliche Lebensgeschichte unauffällig aufgedeckt.

In kurzen Erwähnungen und aus einem Satz bestehenden Beschreibungen wird Vestas Jugend und Leben rekonstruiert. Obwohl die Protagonistin wiederholt und überzeugt die Ansicht vertritt, dass sie ein schönes Leben hatte, wird diese durch schockierende Tatsachen bestritten. Ihr Ehemann hat sie durchgehend tyrannisiert, klein gemacht, benutzt und missbraucht.


Ein gutaussehender Mann muss ziemlich grausam sein,
wenn er bei seinen Mitmenschen so viel Unbehagen auslöst.
Wäre Walter hässlich gewesen, hätte man ihn verachtet.“


Walters Verhalten hat Vesta allerdings für die Norm gehalten und sich beherrschen, betrügen und diminuieren lassen. Das aus der Rolle der Ehefrau eines Professors entstehende gesellschaftliche Ansehen und die finanzielle Stabilität, die er Vesta bot, berechtigten Walter ihres Erachtens zu einem Verhalten, das aus der Sicht des Lesers sehr deutlich Vestas Würde untergrub und verletzte.

In diesem Sinne ist das Ende des Romans als geradezu kathartisch zu verstehen, obwohl aus der Lösung die vollständige Hoffnungslosigkeit der Situation der Protagonistin noch klarer hervorsteht.
Mehr verrate ich hierzu allerdings nicht.


Moshfegh erzählt eine Geschichte über eine Mordgeschichte, aus der eine wiederum neue Geschichte hervorgeht. Das Erzähltempo ist absichtlich gemäßigt, der Leser wird zum Teil durch die Täuschung irritiert und doch zur Aufmerksamkeit gezwungen, da sich in fast jedem Satz der komplexen Erzählung wichtige Informationen verbergen.

Zudem ist der Roman gefüllt mit unerwarteten Kehrtwendungen und verwischt andauernd die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Die Steuerung der Leseremotionen wird offen, gar selbstkritisch vorgenommen – und gelingt dennoch.

„Der Tod in ihren Händen“ ist ein einzigartiger Roman, welcher dem reflektierten Leser so manches zum Verdauen hinterlässt. Allerdings werden weder ungeduldige noch schwach besaitete Leser an Moshfeghs Meisterstück Freude finden.

Nun bin ich gespannt auf Deine Meinung. Hast Du einen Lieblingsroman von Moshfegh? Hast Du „Der Tod in ihren Händen“ bereits gelesen?

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr.

Hier geht’s zur Leseprobe.


Bibliografie:

Titel: Der Tod in ihren Händen
Autor: Ottessa Moshfegh
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 25.01.2021
Verlag: Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26940-8

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