Literarische Abenteuer. Jemma Wayne: „Der silberne Elefant“

Der Debütroman von Jemma Wayne verbindet drei Frauenschicksale im Kampf gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit. Eine auf Anhieb starke Erzählung mit interessanten Biografien, die zunächst überzeugt – und zum Schluss enttäuscht.


© NetGalley

Die Exposition des Romans ist zweifelsohne hervorragend.

Wayne beschreibt ihre drei Protagonistinnen mit ausreichend emotionaler Finesse. Sie beschreibt im Laufe der Erzählung das Ausmaß Trauma ihre Figuren zu überwinden haben, um ein vollwertiges Leben genießen zu können.

Die Vielfalt an Emotionen und individuellen Geschichten beeindruckt und zieht zunächst mit.

Allerdings bricht der Bann schnell wieder.

Die Erzählung beginnt und endet mit der Ruanderin Emily, der es gelang, als einzige Überlebende in ihrem Dorf vor den Hutu zu flüchten.

Obwohl die junge Frau an den Bildern ihrer Vergangenheit leidet und mögliche Emotionen zunächst vollständig blockiert, bemüht sie sich darum, in die neue Umgebung einzublenden und anzupassen – wenn es nur einer Grundversorgung dient.


Emily schließt eine Ausbildung als Pflegekraft ab und wird daraufhin bei der 59-jährigen krebskranken Lynn eingestellt, die nur noch einige Wochen zu leben hat. Zeitgleich kämpft Lynns werdende Schwiegertochter Vera mit den Geheimnissen ihrer Vergangenheit und bemüht sich, an die konservativ-christliche Ideologie ihres Verlobten anzupassen – denn anhand ihrer Sünden hält sie sich für seiner unwürdig. Bis er von ihrer schlimmsten Tat erfährt.

Im Grunde genommen kann man bereits am Titel des Romans erkennen, wie unreflektiert die mutmaßliche Symbiose der Frauen dargestellt wird. Auch wenn die individuellen Portraits erstmal überzeugen. Vom dilettantischen Umgang mit medizinischen und historischen Details (sowohl zum Tumor als auch zum Genozid) über Versuche einer pseudo-Therapie hin zu absurden Charakterentwicklungen und inkonsequenten Nebenfiguren bereitet der Roman bei jeder Reflexionsrunde immer mehr Ärger.


Der silberne Elefant, der als Mitbringsel-Nippes in Lynns Haus rumsteht und ein geradezu mangelhaftes Allgemeinwissen über den Kontinent seiner Herkunft bezeugt, indiziert keineswegs Lynns altruistische Sympathie gegenüber Emily oder Emilys töchterliche Bewunderung gegenüber Lynn. Diese emotionalen Bindungen gibt es nicht.

Er indiziert die unbeholfene Staffelei von Themen, die weder die Figuren noch die Autorin zu genüge verstehen, beschreiben und bewältigen kann. Dass Lynns eine standardisierte Gutmenschen-Logik an den Tag bringt und denkt, Emilys Existenzqualität verbessern zu können, illustriert dies nur allzu gut. Der GENSUR-Dialog (Inhalte werde ich hier dennoch nicht spoilern) ist irgendwo zwischen verwirrend und irritierend einzustufen.

Das letzte Viertel des Romans, wo angeblich Lösungen und Befreiung stattfinden sollen, stellt nur noch mehr offene Fragen in den Raum. Und konstruiert absurde Kontakte zwischen den Figuren.

Dabei gäbe es so viele interessante Nuancen auszuschöpfen: das Thema Religion bleibt im Sinne einer Bindung zwischen den Figuren unreflektiert, die männlichen Figuren besitzen kaum intrinsische Charaktermerkmale, auf die Bindungen zwischen den meisten Figuren wird nur oberflächlich eingegangen.

Es gäbe doch noch so viel zu erforschen…


So gut wie Wayne anhand der Exposition des Romans eigentlich schreiben und den Leser in ihren Bann ziehen kann, wünsche ich mir in ihrem nächsten Roman einen reflektierten Umgang mit ernsthaften Themen und nicht einen leicht dahin geworfenen oberflächlich recherchierten Faktenbündel, um die Figuren „interessant“ zu machen.

„Der silberne Elefant“ ist im Großen und Ganzen also unreflektierte, jedoch nicht leichte, Unterhaltungsliteratur. Der Roman würde einem rein emphatisch gesteuerten, anderweit unreflektierten Leser sicherlich trotzdem Vergnügen bereiten und ironischerweise sogar die Gelegenheit bieten, zu meinen, man interessiere sich für die Weltgeschichte.

Ein Leser, der noch nicht über den Genozid in Ruanda gehört hat, könnte hier tatsächlich eine erste Anlaufstelle finden.

Für mich persönlich bleiben nach diesen Äußerungen nur noch weitere – zahlreiche – Kritikpunkte im Raum hängen.

Wie hat Dir Waynes Debüt gefallen? Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr.

Bibliografie:

Titel: Der silberne Elefant
Autor: Jemma Wayne
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 15.03.2021
Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-105-8

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