Literarische Abenteuer: Ferdinand von Schirach: „GOTT“

Mit Kurzgeschichten hat Ferdinand von Schirach die deutsche Literaturwelt erobert, nun probiert der Autor sich mit Theaterstücken aus. Was steckt hinter dem provokativen Titel, und ist der Inhalt wirklich bühnentauglich?


© Penguin Random House Verlagsgruppe

„GOTT“ beschäftigt sich mit Fragen, die weit über alltägliche Reflexionen hinausgehen, und diskutiert über Themen, die einem Menschen meistens erst im Angesicht von Verlust und Trauer begegnen.

„Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod?“ Steht bereits auf dem Buchdeckel. Die Geschichte dreht sich grundlegend um den 78-jährigen Witwer Richard Gärtner, der nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben möchte, obwohl er körperlich und geistig gesund ist. Eine Ethikkommission bespricht den Fall Gärtner und bringt unterschiedliche Perspektiven zum Suizid und Suizidhilfe aus Perspektiven von informierten Spezialisten zutage.

Man kann sich keine klare Meinung zu solchen Themen bilden, ehe man sie reflektiert hat, und von Schirach tut der breiteren Öffentlichkeit den Gefallen, sie auf seine Gedankenreise mitzunehmen.

Als Theaterstück sieht dieser Band sicherlich mehr Resonanz und Aufmerksamkeit als ein wissenschaftlicher Artikel, dessen Gehalt er ebenso hätte. Von Schirach stellt einen dringenden Anspruch für aktive Diskussion, worin der sehr hohe Wert des Stückes schließlich auch besteht – trotz subjektiver Kritikpunkte bezüglich der inhaltlichen Entscheidungen sollte dieser im Vordergrund und Hinterkopf bleiben.


Bereits auf informativer Basis bietet „GOTT“ einiges zum Verdauen an. Die Sachlage und ihre Nuancen werden aus einer medizinischen, theologischen, rechtlichen und persönlichen Perspektive erläutert. Gärtner selbst kommt im Stück allerdings am wenigsten zu Wort – hat er sich ja nun auch der Kommission als Diskussionsobjekt angeboten.

Die größte Frage ist nicht, ob sein Wille ihm genehmigt werden soll oder nicht – eine reflektierte Diskussion über die Argumentierenden und ihre Argumente macht diese Entscheidung (die dem Leser und Zuschauer übrigens am Ende abverlangt wird) relativ einfach. Es bleibt eher in der Luft hängen, warum Gärtner seine Autonomie einerseits behalten möchte, andererseits an die herrschenden Institutionen abgibt. Denn für seine Zwecke wären auch andere Handlungswege vorhanden und durchführbar.


Ein kritischer Hinweis gilt dem maßlos übertriebenen Umgang mit der Rolle der Kirche. Dass ein Bischof zur Ethikkommission gehört, ist bereits fragwürdig. Dass allerdings seitenlang über die Meinungen der Kirchenväter und mittelalterlicher Theologen diskutiert und die Bibel hin- und her zitiert werden muss, wenn es um medizinische und rechtliche Fragen im 21. Jahrhundert geht, ist milde gesagt verwerflich.

Dennoch ist die weiterhin bestehende Rolle der Kirche auch im heutigen Alltag – sosehr diese hinterwäldlerischen Umstände kritisch denkende Individuen des Öfteren verärgern – nicht zu leugnen, und der Einfluss religiöser Traditionen in der europäischen Geschichte prävalent. Es bleibt zu hoffen, dass von Schirach mit seiner Entscheidung, so viele Seiten hierfür einzunehmen, ebenso eine kritische Gegenperspektive unterstützen und Kritik gegen kirchlichen Einfluss auf Privatangelegenheiten anregen wollte. Zumindest interpretativ ist dies plausibel.


„GOTT“ ist eine gehaltvolle Abhandlung zu einem der schwierigsten Themen im Ethikdiskurs. Es ist ein perfektes Buch für Diskussionsrunden, fundierte Unterhaltungen und allgemeinte Weiterbildung zum Thema Suizidhilfe – denn von Schirach hat hier ein beeindruckendes Maß an Informationen gesammelt. Dieses Stück lehrt nicht nur das kritische, multiperspektivische Denken und Diskutieren über heikle Sachverhalte, es bietet ein umfangreiches Maß an neuem Wissen bezüglich der Historie, Gegenwart und Entwicklungen in puncto medizinischer Ethik, Palliativmedizin, Rechtsgeschichte, – sowie Religions- und Kirchengeschichte.

Man muss sich als Leser zu Beginn des Stückes entscheiden, ob die Bereitschaft besteht, über so ein gehaltvolles Thema zu diskutieren – es ist zunächst nicht einfach, in die Materie reinzuschlüpfen. Meinerseits lege ich das Stück jedem ans Herz, der in der Lage ist oder sein möchte, kritisch über das Leben und den Tod, die Grundprinzipien der persönlichen Moralphilosophie und den gesellschaftlichen Ethikdiskurs zu reflektieren.


Hast Du das Stück bereits gesehen oder gelesen? Welche Entscheidung hast Du im Fall Gärtner getroffen?
Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich.

Hier geht’s zur Leseprobe.


Bibliografie:

Titel: Gott
Autor: Ferdinand von Schirach
Seitenzahl: 160
Erscheinungsdatum: 14.09.2020
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87629-0

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