Literarische Abenteuer. Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“

Britisch-japanischer Autor Kazuo Ishiguro ist argumentativ ein Meister des reflektierten, kulturell vielschichtigen, emotional intensiven Erzählens. Mehrere seiner Romane gehören zu meinen Lieblingsbüchern und sollten aus einem gut ausgestatteten Regal nicht fehlen.

Wie verhält sich jedoch Ishiguros neuester Roman „Klara und die Sonne“ im Vergleich zum Gesamtwerk des literarischen Giganten?


Das Makabre und Mechanische sind nicht nur seit der modernen Industrialisierung feste Bestandteile des literarischen Panoptikums. Rudimentäre Formen von künstlicher Intelligenz sind bereits aus der griechischen Mythologie bekannt.1 Vom aus jüdischer Tradition stammenden Golem über Frankenstein zu ultramodernen Cyborgs – auf ihre Zeit zugeschnittene Konzepte von KI sind zu jeder Zeit auch in der Weltliteratur auffindbar.

Als Vorreiter im zeitgenössischen KI-Diskurs im Kontext der Robotik gilt allerdings weiterhin Japan. Diese Tendenz spiegelt sich auch stark in der fiktiven Sphäre. Romane, Erzählungen, Mangas, Animes, Filme oder Kunstwerke dienen zu einer sich aktiv entwickelnden Vielfalt an futuristischen und dystopischen Ideen bezüglich unserer jetzigen Realität, dem bionischen Ausbau der menschlichen Physis und der virtuellen Transzendenz.


© Penguin Random House Verlagsgruppe

Ishiguro selbst ist bereits in dieser Tradition verwurzelt: sein ergreifender Roman „Alles was wir geben mussten“ wird aus den Perspektiven von Klonen erzählt, die als Organbanken fungieren und denen das Überleben nur gewilligt wird, wenn sie ihre Fähigkeit zur echten, wahren Liebe nachweisen können.

Nun schildert Ishiguro im neuen Roman „Klara und die Sonne“ die Realitätswahrnehmung von Klara, einer KF oder auch Künstlichen Freundin, auf ihrem Weg zur Erfüllung der einzigen Mission für das absolute Glück – Gefährtin eines heranwachsenden Jugendlichen zu werden.

Ishiguro entwirft eine Dystopie mit vielen komplizierteren Ebenen. Die sich dem Leser durch Klaras Augen öffnende Welt, im ersten Teil des Romans auf den Ladenraum und den Blick aus dem Schaufenster begrenzt, besteht aus einsamen Individuen und Klassen, zwischen denen eine tiefe Kluft herrscht.


KFs haben die Primärfunktion, „gehobenen“ Kindern als Begleiter zu fungieren, sie in ihrer emotionalen und pädagogischen Entwicklung zu unterstützen, ihre Einsamkeit zu minieren. Sie erfüllen die Funktionen einer Freundin und einer großen Schwester – denn scheinbar sind die im Roman vorkommenden Kinder wenige Überbleibsel einer sich mit genetischen Manipulationen neue erfindender Gesellschaft, die noch mit ernsthaften gesundheitlichen Konsequenzen ihrer Ambition zu kämpfen hat.

Wer wird hier als Antagonist positioniert? Es wird nicht viel über die gesellschaftlichen Strukturen, die politischen Entscheidungen oder historische Ereignisse verraten, die den Status quo herbeigeführt haben. Dies dient jedoch der vollständigen Authentizität, ist der Erzähler doch eine Maschine mit begrenzter Erkenntnis der sie umgebenden Umstände.

Einerseits ist es faszinierend, Klara auf ihren Gängen zu verfolgen. Ihre Umwelt besteht visuell aus Kästchen, sie speichert ähnlich zu einem Saugroboter die Positionen von Möbelstücken und sieht bei großen Menschenmengen nur Formen ohne Gesichter – bis zur folgenden Personenerkennung. Ein äußerst befremdendes Bild, welches mich an das Bild der als identische Personen maskierter Gesellschaft von Kōbō Abe erinnerte.

Andererseits sind die Beobachtungen geradezu frustrierend. Klara verfügt zwar über ein unglaublich hohes Auffassungsvermögen, wenn es um Beziehungen und menschliche Emotionen geht – besitzt auf einer intellektuellen, pragmatischen oder wissenschaftlichen Ebene noch nicht einmal Basiskenntnisse.


Scheinbar besitzt die KF auch keine Kenntnis über ihre Akkulaufzeit oder den Ladezustand über ihre subjektive emotionale Beschaffenheit hinaus – lediglich fühlt sie sich schwach, wenn die Sonne ihre Energiebatterie nicht genügend aufladen kann – und hat eine grundlegende Angst davor, nicht genug Sonnenenergie speichern zu können, um zu überleben.

Ebenso scheint Klara kein Fachwissen über ihre eigene körperliche Beschaffenheit, Einzelteile, Zubehör oder technische Leistungen zu besitzen.

Die Höhe des Lächerlichen wird allerdings erst erreicht, als die künstliche Intelligenz ein heliozentrisches Weltbild zu tage bringt.

Wie bitte?


Die Ironie der Sachlage ist natürlich eindeutig und unübersehbar: zur Schwachstelle der Maschine wird schlussendlich ihre – imitierte – Menschlichkeit, für die so viel Können seitens ihrer Erfinder aufgebracht wurde. Klaras Entscheidungen zum Zweck ihres Schützlings führen nicht zu den gewünschten Ergebnissen, sondern schaden nur ihr selbst, ohne die Lage zu verbessern.

Und im Grunde genommen ist es für die Endlösung des Romans auch irgendwie sinnlos – denn schließlich ist Klara nur eine Künstliche Freundin, eine Künstliche Figur und niemand, der für einen anderen Menschen von Bedeutung sein könnte. Mehr möchte ich allerdings auch zum Inhalt des Romans nicht verraten.


Ganz klar ist hier das herausragende erzählerische Talent Ishiguros zu erkennen, der sich für ein ruhiges Tempo in reflexivem Ton entscheidet, die Handlung gezielt in diverse sehr interessante Richtungen lenkt und sich zu guter Letzt für eine in vielerlei Hinsicht enttäuschende, dennoch realistische Endlösung entscheidet.

Klara ist zwar eine Maschine – und doch ist sie als Protagonistin sehr charismatisch. Zurückhaltend, überlegt und höflich, überzeugt die KF mit ihrem Altruismus, ihrem emotionalen Investment und hohem Maß an Beistand für „ihr“ Kind. Als Leser neigt man des Öfteren dazu zu vergessen, dass genau das Klaras einzige Funktion und Existenzgrund ist. Wenn sie für einen singulären Zweck programmiert ist, kann sie sich außerhalb dieser Grenzen bewegen?

Und doch fiebert man mit und hofft auf diverse Ausgangsmöglichkeiten, die die Geschichte glücklich, tragisch, unkonventionell ausgehen lassen würden. Bis es am Ende einfach… ausgeht.

Bis zum Ende nimmt der Roman den begeisterten Leser mit, lässt ihn an Klaras (künstlichen) Emotionen teilhaben und ihre Pläne unterstützen. Sobald man am Schluss angekommen ist, fühlt man sich allerdings ein wenig betrogen – denn irgendwie war alles nur eine Lüge, und die Erzählung ist bereits vorbei.

Nach langer Reflexion bin ich bis in diesen Moment hinein unschlüssig, ob dieser Roman empfehlenswert ist. Dennoch werde ich auch zu den ersten gehören, die Ishiguros nächsten Roman mit einer frischen Begeisterung in die Hand nehmen.


Und nun bin ich gespannt auf Deine Gedanken zum Buch, zum Autor und zur Grundproblematik. Was ist Dein Lieblingsroman von Kazuo Ishiguro? Welche anderen Empfehlungen zum Thema künstliche Intelligenz möchtest Du mir geben?

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!

„Klara und die Sonne“ habe ich in Synergie und Austausch mit Paulina von Books.and.Twins gelesen. Meine hiesigen Gedanken sind meine eigenen. Paulinas Eindrücke zum Roman findest Du hier.

1 – Xanke; Bärenz, S. 36.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Klara und die Sonne
Autor: Kazuo Ishiguro
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 15.03.2021
Verlag: Blessing
ISBN: 978-3-89667-693-1

Klara und die Sonne bestellen: Thalia * | bücher.de * | buch24.de *


Mehr Literarische Abenteuer:

Literarische Abenteuer. Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“
Literarische Abenteuer. Young-ha Kim: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“


Mehr zum Thema künstliche Intelligenz:

Japanliteratur.net: Dystopien.
Lobe, Adrian: Schreiben Roboter bald Romane? (Spektrum.de)
Wikipedia: List of artificial intelligence films.
Xanke, Lisa; Bärenz, Elisabeth: Künstliche Intelligenz in Literatur und Film. (Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, 4(2012))


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Kategorien:Home, Literarische Abenteuer

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  1. Wieder mal eine echt feine Rezension, die sich intensiv und tief mit dem Stoff auseinandersetzt. Klasse, denn sowas macht einem die eigene Entscheidungsfindung (Kauf oder Nichtkauf) doch erheblich einfacher!

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  2. Heute bedanke ich mich bei Dir für diesen Lesetipp! Zum Thema Robotik las ich kürzlich „Isaac Asimov – Ich der Roboter“. Asimov prägte die Robotergesetze, wonach u. a. ein Roboter 🤖 einem Menschen keinen Schaden zufügen darf. Asimov blickte mit seinen Kurzgeschichten schon 1951 recht treffend weit in die Zukunft. Grüße 🙂

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