Literarische Abenteuer. Der Lesemonat im Rückblick, 05/2021

Der Lesemonat Mai war zwar lang, verflog dennoch mit einer beeindruckenden, unerwarteten Geschwindigkeit und beinhaltete zahlreiche großartige Lektüren.

Im Monatsrückblick lasse ich nun nochmal die Eindrücke der vergangenen Wochen in chronologischer Reihenfolge Revue passieren.

Bei den Buchvorstellungen der Monatsrückblicke halte ich mich immer kurz und bündig – diese kleine Liste gilt vorrangig als Übersicht der im Mai gelesenen Bücher. Zur tiefergehenden Rezension und Analyse der Romane folge den jeweiligen Links hinter den Buchtiteln. Soweit vorhanden, verlinke ich in diesen auch immer zur Leseprobe.

Auf Deine Highlights und Empfehlungen aus dem Lesemonat Mai freue ich mich in den Kommentaren!

Michail Bulgakow: „Teufeliaden“

© Luchterhand

Bulgakows Erzählungen sind humorvoll, scharfsinnig, unerwartet, teils vollständig absurd – und immer in einem köstlichen Stil formuliert.

Der Autor porträtiert satirisch die zeitgenössischen Umstände im Russland der 1920er Jahre und nimmt zu keiner Stelle ein Blatt vor den Mund.

Der Erzählband „Teufeliaden“ beinhaltet vier kurze und zwei längere Erzählungen Bulgakows aus den Jahren 1922–1925.

Diese zeigen den bürokratischen Apparat, die sozialistische Gesellschaft und das alltägliche Elend der russischen Gesellschaft mit Sorgfalt, Finesse – und Biss.

Schilderungen über sich in Stockwerken und Räumen von Behörden verlierenden Beamten, Bettlern und Straßenkötern sowie wohlhabenden Professoren und Chirurgen werden in Bulgakows Geschichten grundsätzlich mit der gleichen, humorvoll-kritischen Feder formuliert – da es sich am Ende in allen Fällen um menschliche Wesen handelt.

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Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“

© Penguin Random House

„Die Nickel Boys“ ist eine grausame, auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte über systemische Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Rassismus und Gewalt.

Geschrieben in einem realistisch-sachlichen Stil und ruhigen Tempo, hält der Roman nicht nur eine Geschichte bereit, die an allen Ecken eines Leserherzen zerrt – am Ende der Erzählung wartet eine Enthüllung, die das Gelesene erneut in ein anderes Licht stellt.

„Die Nickel Boys“ ist ein erhellender und zugleich verstörender Roman, der sicherlich nicht als letzte Geschichte die zahlreichen verborgenen Verbrechen einer inhumanen Gesellschaft ans Licht bringt. Kompositorische Entscheidungen wie die mit Spannung aufgeladenen Übergänge zwischen den Teilen der Erzählung und vorenthalten von verheerenden Informationen intensivieren den ohnehin tiefen Schnitt in die emotionale Oberhaut.

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Judith Fanto: „Viktor“

© Urachhaus

Judith Fantos Debütroman „Viktor“ ist ein ergreifendes und zugleich erhellendes Familienportrait, das die schwierigsten Jahre europäischer Zeitgeschichte und deren Nachhall generationenübergreifend behandelt. Ebenso obduziert Fanto den Begriff Identität und reflektiert kritisch die Arten von Spuren jüdischer Geschichte, die in den Erben der zerstörten Generation neu definiert zur Geltung kommen.

Dieser Roman ist eine gelungene Kombination von Empathie und Scharfsinn – nicht nur auf der Figurenebene. Analytisch hat genau diese Auseinandersetzung einer jungen Frau mit ihren Wurzeln dem zeitgenössischen Diskurs zur Schoah und jüdischer Identität aus einer belletristischen Sicht gefehlt.

Im Jahr 1914 wächst der unkonventionelle, individualistische Viktor in Wien als schwarzes Schaaf seiner Familie auf. 1994 befindet sich Geertje, die Enkelin seines Bruders, in Nimwegen auf der Suche nach den Spuren ihrer Wurzeln, um ihre eigene Identität zu definieren.

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Patricia Highsmith: „Ladies. Frühe Stories“

© Diogenes

Der Band beinhaltet 16 ursprünglich zwischen 1936–1948 veröffentlichte Kurzgeschichten und Fragmente. Zu dieser Zeit erschienen Highsmiths Stories nur verstreut in Schul- und Frauenmagazinen. Anhand der gehaltvollen Ausführung hätten allerdings bereits einige der frühen Stories mühelos in längere Formate ausgearbeitet werden können.

Highsmith interessierte sich sowohl in ihren Krimis als auch in den Kurzgeschichten weniger für die moralischen Aspekte ihrer Geschichten als für das Innenleben ihrer Protagonisten. In ihren Krimiromanen ging die Autorin ebenso vorrangig auf die psychologische Erzählebene ein, was die Komplexität und Ambivalenz ihrer Haupt- und Nebenfiguren über einen herkömmlichen Krimi hinaustrug.

Diese Vielfalt steht in ihren Kurzgeschichten ebenso im Vordergrund. Liebhaber von Kurzgeschichten werden in den frühen Stories reichlich Freude, Schrecken, Scharfsinn und Humor vorfinden – des Öfteren in vollkommen unerwarteten Kombinationen.

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Margaret Atwood: „Der blinde Mörder“

© Piper

„Der blinde Mörder“ (The Blind Assassin, 2000) vereint Atwoods vielfältige Erzählwelten in einem Komplexen Sammelsurium, in dem der Leser sich fortweilend zwischen Realität und Fiktion befindet. Der Roman erzählt fantastische und lebensnahe Geschichten, die alle mit Blut, Tränen, großen Träumen und schweren Enttäuschungen versehen sind.

Die Handlung verläuft auf drei ineinander gewobenen Ebenen von unterschiedlicher Fiktivität – Atwood bewegt sich bewusst und gekonnt zwischen offensichtlicher Fantastik und trügerischem Realismus.

Die psychologische Komplexität der Beziehungen innerhalb der agierenden Familien, die narratologische Gewundenheit der Handlung und die sich langsam offenbarende allgemeine moralische Ambivalenz werden von Atwood sorgfältig niedergeschrieben und enthüllen sich Kapitel nach Kapitel immer mehr.

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Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“

© Luchterhand

In ihrem neuesten Roman analysiert Slimani an einer unkonventionellen Liebesgeschichte entlanggleitend die konfliktreiche Umbruchszeit in Marokko nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus individuellen Krisen und Kämpfen mit Diskriminierung, Rassismus und Tyrannei entsteht das Panorama eines leidenden Landes.

Ob die Tatsache, dass die erzählte Geschichte auf dem Leben von Slimanis Großmutter basiert, die generelle innere Unruhe verringert, die man bei der Lektüre verspürt – denn das Buch hat mich persönlich ordentlich verärgert – sei jedem Leser selbst überlassen. Fest steht: Slimanis Schreibstil ist erneut phänomenal, es ist schwierig den Roman nicht in einem Schwung durchzulesen.

Dies variiert allerdings mit regelmäßigen Impulsen, der Protagonistin und ihrem Ehemann abwechselnd heftig einmal ins Gesicht zu schlagen. Slimanis Romane waren allerdings schon immer ungemütlich – im besten Sinne dieses Wortes. Die Autorin beschreibt schmerzvolle Realitäten, die über die marokkanische Geschichte hinausgehen, indem sie die repräsentativen Häuser aller Parteien betritt.

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Das war mein Lesemonat Mai. Ich hoffe, auch Deine Lektüren in den vergangenen Wochen waren so erhellend wie meine – und freue mich auf weitere Empfehlungen in den Kommentaren.


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