Literarische Abenteuer. Mario Vargas Llosa: „Harte Jahre“

© Kulbir

Peruanischer Romancier, ehemaliger Politiker, Journalist und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa schreibt komplexe, intensive Romane über die politische und kulturelle Geschichte Lateinamerikas.

Sein neuester Roman „Harte Jahre“ (Tiempos recios, 2019) thematisiert zwei ereignisreiche Jahrzehnte in Guatemala nach dem zweiten Weltkrieg. Eine turbulente Reise, bei dem nicht jeder mithalten kann.


© Suhrkamp

Llosa war in den 1980er Jahren Vorsitzender einer neuen liberalen Partei und bewarb sich 1990 sogar für das Amt des peruanischen Präsidenten. Somit war der Autor für einige Zeit Teil der politischen Maschine.

Nicht nur externe, sondern interne Systemkritik zur verdorbenen Historie Lateinamerikas ist also in Llosas Romanen zu finden, was dem gesamten Material zusätzliche Tiefe verleiht.

Llosas Werk spielt überwiegend im Heimatland Peru, doch weitete der Autor sich im Laufe seiner diversen Aufenthalte auch im literarischen Werk auf andere lateinamerikanische Territorien aus. So durchleuchtet „Harte Jahre“ hauptsächlich die politische Situation in Guatemala in den 1940er und 1950er Jahren, spielt in Regierungsgebäuden und Bordellen, springt gekonnt zwischen reellen Figuren, historischen Ereignissen und erdichteten Dialogen.


Unterm Strich verzögerte die US-amerikanische Intervention in Guatemala die Demokratisierung des Kontinents um Jahrzehnte und kostete Tausenden von Menschen das Leben“ (408)


Als Prämisse der Handlung wird ein historischer Bogen zwischen Machtübernahme und Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Juan José Arévalo und seiner Nachfolger Jacobo Árbenz Guzmán und Carlos Castillo Armas gespannt. Visionen einer Demokratisierung, einer Agrarreform und dem ökonomischen Fortschritt der Bauernbevölkerung in Guatemala wurden von den USA skrupellos vernichtet.



Was tun mit der United Fruit, der Frutera, dem berüchtigten Kraken?“ (106)



Die CIA fabrizierte Assoziationen der guatemaltekischen Regierung mit Kommunisten und verbreitete Lügen über die Präsidenten. Obwohl Árbenz sich vehement gegen den Kommunismus aussprach, führte dieses „jahrelange Mediale Trommelfeuer“ (DlfK) zu einem hektischen Regierungswechsel in Guatemala und sicherte der Firma United Fruit sowie den Vereinigten Staaten erneut die Kontrolle über das mittelamerikanische Land, diesmal unter dem Diktator Carlos Castillo Armas.

Gleichzeitig erscheint Marta Borrero Parra in der Handlungslandschaft: ein junges, intelligentes, eigensinniges, wunderschönes Mädchen, schon in zarten Jahren an Politik interessiert. Die Geschichte ihrer unglücklichen Ehe und der folgenden Affäre mit Castillo Armas wird zwar mit den politischen Ereignissen durchgeflochten – denoch erreicht sie nie den Status einer Protagonistin, weil die Handlung keine wirkliche Hauptfigur besitzt.


Llosas Verständnis für universale Menschlichkeit in prekären Situationen, inmitten von internationalen Konflikten, vor der Empfängnisrede eines Staatsoberhauptes oder im Angesicht des Todes ist jedoch auch in einer Handlung ohne Ariadnefaden unübertroffen.

Im vielschichtigen, oft unübersichtlichen Wechsel an Perspektiven, im Wirrwarr dreiteiliger Namen, Amtsbezeichnungen und strukturellen Änderungen in der guatemaltekischen Politik bringt Llosa die Gedanken des Einzelnen emphatisch zur Geltung – beispielsweise, wenn es um den Werdegang und die Prinzipien von Jacobo Árbenz geht:


Er hatte lange gebraucht, um zu begreifen, dass nur eine Handvoll seiner Landleute die Errungenschaften der Zivilisation genoss und dass man an die Wurzel dieses gesellschaftlichen Problems gehen musste, wenn sich an der Situation etwas ändern und nicht nur eine privilegierte Minderheit, sondern alle Guatemalteken in ihren Genuss kommen sollten.“ (104)


Aufgrund seines stilistischen Könnens sollte Llosa zu Genüge davon ablenken können, dass es keinen Sympathieträger per se gibt – vielleicht mal abgesehen von Guatemala selbst. „Harte Jahre“ beschreibt Entwicklungen, Bewegungen, Hinterhalte, blutige Konfrontationen, männliche Egos – und zwischendrin das Schicksal der einzigen weiblichen Akteurin im Roman.

Nach dem Attentat auf ihren Geliebten, den Präsidenten Castillo Armas, flieht Borrero Parra in die Dominikanische Republik und wird dort als Journalistin tätig. Der Roman wird mit einem reellen Treffen des Autors mit ‚Miss Guatemala‘ abgeschlossen – ein Schnörkel, der für die Geschichte selbst eigentlich nicht von Konsequenz ist, und dennoch als Bindung zwischen den Fiktionalen und Reellen Elementen im Roman eine spannende Rolle einnimmt.

Gerade durch diese Entscheidung klärt sich der Status dieses Textes, weniger als Roman: mehr ist es ein sachlicher Bericht des Gewesenen, eine Sammlung historischer Fragmente in humaner Stilisierung, für den Laien verfolgbar – durch reelle Kausalitäten gebundene, und dennoch kompositorisch durcheinander gemischte Wahrheiten, mit fiktionalem Elan reichhaltig geschmückt.

An denjenigen Stellen, wo der Romancier den Historiker auswechselt, kommt Llosas erzählerisches Können augenblicklich, in allen Facetten und mit wirkungsvoller Kraft zur Geltung. Jedoch muss man beide Aspekte des Buches schätzen und kennenlernen wollen, um das Gewicht und den Wert dieses Meisterwerkes wahrlich zu erkennen.


Wer also mit Mario Vargas Llosa beginnt und einen meisterhaft komponierten Roman mit ungemein komplexer, dennoch linearer Handlung lesen möchte, dem ist „Böses Mädchen“ eher als Start zu empfehlen.

Wer sich jedoch für die ereignisreiche Geschichte Guatemalas und sachliche, komplexe Hintergründe brutaler politischer Intrigen interessiert, den erwartet hier ein bereicherndes, fortgeschrittenes Leseerlebnis.


Kennst Du den Autor bereits? Was ist Dein Lieblingsroman von Mario Vargas Llosa? Welche lateinamerikanische Autoren sollten im Bücherregal nicht fehlen?


Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Harte Jahre
Autor: Mario Vargas Llosa
(Aus dem Spanischen von Thomas Brovot)
Seitenzahl: 408
Erscheinungsdatum: 18.04.2021
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-47134-0

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  1. mE ist das kein Roman, mit dem man Llosas „stilistisches Können“ wird wertschätzen lernen, egal wie viel man über Guatemala weiß. Eher ist es ein Sachbuch mit etwas Romanverkleidung, das lesen kann, wer einen Einstiegspunkt in Richtung „Geschichte Mittelamerikas“ sucht.
    Llosa hat, wenn ich richtig gezählt habe, drei Mal versucht, das für „Das Grüne Haus“ und „Gespräch in der „Kathedrale“ entworfene Konzept des „Totalen Romans“ in einer weise zu aktualisieren, die seine Gesellschaftsromane einer breiteren Leserschaft öffnet. „Haus“ und vor allem „Gespräch“ zählen sicher zu den ganz großen Höhepunkten der Weltliteratur, besonders zweiteres ist aber besonders für Content-Fokussierte LeserInnen recht schwer, man muss sich bei der Erstlektüre (sollte man eh) von Komposition, Melodie und Rhythmik tragen lassen (wenn ich Beethoven höre analysiere ich ja auch nicht die ganze Zeit Tonhöhen und Intervalle). Ich denke Llosa hat, auch wenn mich das früher genervt hat, richtig erkannt, dass es nach „Gespräch“ auf dem eingeschlagenen Pfad nicht mehr weiter geht, und hat sich an neuem, „Leichterem“, versucht, dabei aber oft tatsächlich eine starke Verbindung von Populärem, „Spannendem“ und einer reduzierten Form seiner zuvor entwickelten Techniken gefunden.
    Die 3 weiteren „Totalen Romane“ (Krieg am Ende der Welt, Fest des Ziegenbocks, dieser hier) haben es dabei am schwersten, weil Llosa seine Monatgetechnik ja tatsächlich genau entwickelt hatte, um zu vermeiden, was in „Harte Jahre“ dann vollends geschieht: Dass doziert statt erzählt wird. „Krieg“ lebt dennoch so halbwegs von seiner Mischung aus Quixotesquem Kampf und Sprachgewalt, „Ziegenbock“ von seiner Agentenhandlung und „Harte Jahre“ – scheint kaum am Leben.
    Llosa wollte nochmal den großen Bogen spannen, mit 83, das ist sicher beeindruckend, wenn ich seh wie viel müder ich mit 36 bin als mit 20. Aber gemessen an den 3 bzw. 4 anderen breiten Gesellschaftsromanen fehlt diesem Text vieles, fast alles.
    Und ich würde wirklich jedeR LeserIn raten, gleich mit „Das grüne Haus“ einzusteigen. Das ist sozusagen Sgt. Pepper oder das White Album. Harte Jahre ist Paul, der sich an alten Hits abmüht.

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    • Spannende Ergänzungen, hab vielen Dank für den gehaltvollen Kommentar!
      Mir hat der Roman viel gegeben, da ich es eben als Mischung von polithistorischem Sachbuch und Roman lesen konnte, Llosa ebenso vorab kennend. „Das Grüne Haus“ würde ich als Zweitlektüre, doch als Einstieg dennoch „Böses Mädchen“ empfehlen.
      Viele lateinamerikanische Autor:innen haben sehr ausgeprägte Techniken, z.B. Reinaldo Arenas spricht mich stilistisch überhaupt nicht an, Gabriel Garcia Marquez allerdings immens. Schlussendlich ist es natürlich – wie immer – Geschmackssache. Aber ich denke, Deine Gedanken räumen definitiv im genaueren Kontext ein, was man in diesem Roman, auch als Kenner:in, findet, und was nicht.
      Lieben Gruß 🙂

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      • Das Problem mit „Das Böse Mädchen“ zum Einstieg (oder Palmino Molero oder ähnliche Texte) ist dass es mE eigentlich kein Einstieg ist, weil sie alle schon „Nacharbeiten“ sind zu einem ästhetisch nach „Kathedrale“ eigentlich abgeschlossenen Gesamtwerk. Wer die späteren Llosas liest hat sich den großen frühen Romanen so wenig genähert, als hätte er sie nicht gelesen, so sehr unterscheiden sie sich. Ein „Einstieg“ müsste mir ja sagen, ob er mich irgendwie hinführen kann, und mE macht das das Spätwerk spätestens seit „El Hablador“ nicht, und zwar bewusst nicht, denn Llosa hat es als Wegführung (fort, nicht Weg) angelegt. Ausnahme, vll, „Tante Julia“, das sich ironisierend mit Multiperspektivität auseinandersetzt.

        Das ist nicht als Herabsetzen der späteren Romane gemeint. Aber selbst wer total begeistert von denen ist, weiß genauso wenig, ob ihm/ihr auch „Das Grüne Haus“ gefällt, wie andersrum.

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      • Hm, da hast Du wohl subjektiv Recht! In multifacettierte Autoren wie Llosa ist allerdings mE objektiv sowieso kein richtiger „Einstieg“ per se in einem Buch möglich. Daher back to basics und auch hier hilft schließlich die Leseprobe – wie bei jedem Roman, wenn Unsicherheit vor der Lektüre noch im Raum steht.

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      • Llosa ist insofern eine Besonderheit, dass seine einfacheren Texte nicht zu den komplexeren hinführen, sondern als bewusste Popularisierung angelegt sind. Woolfe, zB, Joyce, usw. Da findet man in den einfachen früheren Texten schon Momente von dem, was, dann später voll entwickelt wird. Gut, das stimmt so halbwegs auch für Llosas „Die Stadt und die Hunde“, aber dann kommt halt gleich „Das Grüne Haus“ (das aber auch nicht „schwer“ ist, wenn man Literatur nicht als Verpackung für Inhalte nimmt, sondern als Sprachkunst). Und alles nach „Gespräch“ ist quasi ein zweiter Llosa, der tatsächlich interessanter wird, wenn man die Bewegung weg vom „Totalen Roman“ nachvollzieht, beinahe als Notwendigkeit, um nicht im Wiederholungszwang stecken zu bleiben (Wie Rushdie, der sich oft eher schlecht imitiert).

        Was Llosa da von fast allen anderen Neueren unterscheidet, ist die Bewusstheit der Entwicklung. Dass die komplexesten Werke die Frühwerke sind, das ist ja mittlerweile fast Usus. Das ist das eine Mal, da noch klassisch Jahre bis Jahrzehnte ins Werk inverstiert werden, danach drängen die Deadlines für „Den neuen XY“. Aber Llosa hat da einen klaren Cut gemacht und gesagt: Das ist getan, jetzt versuche ich andere Dinge. Zadie Smith geht noch einen ähnlichen, aber anderen Weg, sie lässt sich immer viel Zeit und entwickelt vorbildlich keinen AutorInnen-Stil, sondern einen je fürs einzelne Werk spezifischen…

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      • Es gibt zum Glück einige, die sich nicht in einem Genre festklemmen – Moshfegh und Atwood kann ich spontan von neueren AutorInnen in die Liste hinzufügen.

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      • mir gehts nicht um Genre, Genre ist eh vor allem eine Perspektive des Marketing. Mir geht es um Stil. Nicht wenige Autoren machen Stil zu ihrem Markenzeichen, statt ihn darauf abzuklopfen, ob er zum jeweils neuen Gegenstand passt. Das verweigert Smith sehr konsequent, wer sie „blind verköstigt“, dürfte größte Schwierigkeiten haben, die Texte der gleichen Autorin zuzuordnen.

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      • Schwieriger einzuschätzen, solange man nicht in Originalsprache liest allerdings.

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