Es ist eine Falle! Raven Leilani: „Hitze“

New Yorker Autorin Raven Leilani skizziert in ihrem Debütroman eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Auf den ersten Blick begibt man sich auf Irrfahrten durch die dystopische Psyche einer Nymphomanin.

Allerdings ist das Erotische hier lediglich der Lockvogel; ein vage gehaltenes Versprechen – die Handlung selbst führt in gehaltvollere Landschaften und hat noch mehrere Überraschungen parat.


© Atlantik Verlag

Obwohl die dreiundzwanzigjährige Protagonistin Edie in ihren Beziehungen zu Liebhaber:innen, Freund:innen und Kolleg:innen überdurchschnittlich körperlich fixiert ist, führt ihre Affäre mit Eric zu unerwarteten Erkenntnissen.

Den doppelt so alten weißen Liebhaber versucht sie zunächst in möglichst viele Klischeeszenarien einzufügen, ihre Hoffnungen bezüglich der angehenden Affäre mit genauen Vorstellungen zu beladen.


Die junge Künstlerin hat nämlich sehr genaue Ideen darüber, was in einer Beziehung im Anfangs- und Endstadium passieren sollte. Oder, genauer gesagt, in einer Beziehung mit ihr.

Gesund sind ihre Männer- und Frauenbilder nicht – was den ersten Eindruck des Romans bereits als markant und makaber gestaltet.


Ich will, dass der Sex vertraut und lauwarm ist, dass er keinen hochkriegt, dass ich über meinen Reizdarm reden kann, dass wir durch unser gegenseitiges Trösten aneinander gebunden sind. […] Ich will, dass wir ein langes, fruchtbares Hobby als Freizeitornithologen aufbauen, und dann will ich, dass wir am selben Tag erfahren, dass wir beide Krebs haben.“(15)


Die Angst, sich zu offenbaren, trägt Edie auch im kollegialen Umgang mit sich: ihr hauptsächlich aus Mängeln und Fehlern bestehendes Selbstbild führt kompensatorisch zur ausufernden Promiskuität. Glück ist eine Illusion; Unglück in Zweisamkeit ist eine Utopie; mittelmäßiger Sex mit ihrem mittelmäßigen Körper ist realistisch und möglich.

Edie lässt sich auf jede oberflächliche Berührung ein, zu emotionalen oder intellektuellen Bindungen oder Beziehungen scheint sie gänzlich unfähig zu sein.

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Doch sobald sich die Figurendynamik grundlegend verändert und Edie Rebecca kennenlernt, lernt sie, eine andere Frau zeitgleich zu hassen, zu bewundern und zu mögen.

Es führt kein Weg an den Begegnungen vorbei – denn Rebecca ist Erics Frau.


Mit fünfzehn wusch sich Rebecca das Blut von den Doc Martens und stellte fest, dass ihr der Kapitalismus eigentlich egal war, dass ihr das Authentische egal war, weil auf diesen Konzerten, wo es um die Geißel der Assimilation ging, auch eine Art Dresscode herrschte, und das einzig Gute daran waren die Muskeln, das Dröhnen in den Ohren, die Entropie und der kristallisierte Kern gemeinschaftlicher Gewalt, die sich unmöglich beherrschen ließ.“(157)


Dass es sich bei „Hitze“ um einen introspektiven, modernen Roman voller systemkritischer Ansätze, Ideen, Fragmente und Momente handelt, wird spätestens an dieser Stelle klar.


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Leilani fährt mit ihren Leser:innen Serpentinen – die Wendungen in ihrer Handlung lassen immer wieder überraschende Konstellationen auftreten. Wie die weiblichen Protagonistinnen zwischen Mutter-, Tochter- und Liebhaberinnenrollen wechseln und wie vielschichtig die psychologischen Nuancen gehalten werden, erschließt sich erst nach längerem Nachdenken über den Gesamttext.


Polarisierend darf auch der trockene, bissige Humor der Erzählung rezipiert werden, der sowohl zum Lachen als auch zum Entsetzen führen kann:


Beinahe verliere ich meinen Sitzplatz an eine Frau, die am Union Square einsteigt, aber zum Glück ist sie wegen ihrer Schwangerschaft zu langsam.“(27)


Leilanis Debüt erinnert an Autor:innen wie Ottessa Moshfegh, Amélie Nothomb, Matias Faldbakken, Leïla Slimani oder Michel Houellebecq. Die gnadenlose Auseinandersetzung der Protagonistin mit ihrer physischen Konstitution und ihren Mängeln, die offensichtlich dysfunktionale Beziehung zu sich selbst, das Verlangen nach masochistischer Erniedrigung – Leilanis Protagonistin ist keine Heldin, sondern eine äußerst problematische Figur.


Dass Edie einigen Leser:innen weder zusagt noch Sympathie erzeugt, überrascht kaum. Wie in „Eileen“ oder „Serotonin“ sind es im Wesentlichen die soziokulturellen und analytisch-kritischen Aspekte der Erzählung, die im Zusammenspiel mit ungewöhnlichen Figurenkonstellationen den erhellenden Teil des Romans ausmachen. Diese erschließen sich jedoch erst nach einer gründlichen Reflexion des Materials.

Auch das Triptychon Kind-Frau-Geliebte fungiert als raffiniertes Konstrukt für die Gesamterzählung. Leilani schildert alle drei weiblichen Figuren aus potenziellen, retrospektiven oder parallelisierenden Perspektiven, sodass sie sich zu einer Gesamtheit zusammenfügen, die zahlreiche utopisch-idealisierte Positionen zu aktuellen Diskursen dekonstruieren.


„Hitze“ hat weder etwas mit traditionellen Liebesgeschichten noch konventionellen Figurendynamiken zu tun. Das entstehende introspektive Kaleidoskop beinhaltet brutale Wahrheiten über Probleme wie Altersdiskriminierung, Alltagsrassismus, systemischen Rassismus, Misogynie und Slutshaming.

Leilani liefert eine authentische, ungemütliche, bissige, scharfsinnige Perspektive auf Realitäten des 21. Jahrhunderts.

Wer die Arbeit zum Kern des Romans leistet, wird in „Hitze“ ein erhellendes Leseerlebnis vorfinden.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Hitze
Autor:in: Raven Leilani
Übs.:in: Sophie Zeitz
Seitenzahl:
Erscheinungsdatum: 01.09.2021
Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455012330

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  1. Will ich diesen Roman lesen? Habe ich Interesse, mir das Innenleben einer Frau anzuschauen, der ich wohl schnell das Label „Arschloch“ verpassen würde (die Sitzplatzszene mit der Schwangeren). Von mir aus kann sie sich durch ganz New York vögeln, so what? — Leseprobe erledigt. Ja, nett geschrieben. Die Atmosphäre ist gut getroffen, ansonsten erfasst mich eine große Müdigkeit. Dieses ständige Kreisen um sich selbst, um die eigene Befindlichkeit, um die inneren Seelenblähungen, um die Unsicherheiten, die Zweifel, die Ambivalenzen, das ständige Antizipieren…Die Suche nach irgendeinem Glück im Anderen, durch eine/eine Andere. Das Scheitern ist vorprogrammiert. Blöder Gedanke: vielleicht wünscht sie sich ja was ganz und gar Ungeheures, etwas ganz schrecklich Altmodisches, viel zu Einfaches, ganz und gar Unmodernes,überhaupt nicht angesagtes, fast Peinliches… Der Wunsch nach einem Menschen, einer Menschin, der/die sagt „ich liebe dich und ich ertrage Dich in dem was und wie Du bist“. WIe gesagt, blöder Gedanke, viel zu einfach. Muss gleich dekonstruiert werden.

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    • Divergierende Lesarten sind für mich legitim. Der „blöde“ Gedanke des Altmodischen spiegelt sich ja bereits im hier als erstes eingefügten Zitat – im Laufe der Handlung wiederholt er sich tatsächlich immer wieder, um von einer Überzeugung zur eigenen Unfähigkeit verschluckt zu werden.
      Offensichtlich hat Sie der Text (oder meine Rezension – in diesem Fall danke dafür!) ja nicht reaktionslos gelassen, was ich als positiv betrachte. Lesen muss dennoch niemand, was sie/ihn nicht anspricht. 😉

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