Eine fantastische Hölle. Emi Yagi: „Frau Shibatas geniale Idee“

Japanische Autorin Emi Yagi wird in der japanischen Literaturszene als der Shootingstar gefeiert. Ihr Debüt wurde in Japan mit dem renommierten Dazai Osamu Prize ausgezeichnet.

Weder übertrieben noch verfehlt sind die Lobpreisungen und Anerkennung für die Autorin. Doch was ist so einzigartig an „Frau Shibatas genialer Idee“?


© Atlantik Verlag

Yagis Debütroman handelt von einer jungen Frau, die in einem Büro in Tokyo arbeitet und als einzige weibliche Mitarbeiterin tagtäglich benutzt, diskriminiert und gemobbt wird.

Bis Frau Shibata auf einen genialen Gedanken kommt:

Plötzlich wird sie schwanger.

Von diesem Moment an behandeln ihre Kollegen Frau Shibata mit Rücksicht, schenken ihr Aufmerksamkeit und beachten ihre körperliche und emotionale Gesundheit in einem Maße, welches fast mit ihrer gegenseitigen männlichen Kollegialität gleichzusetzen ist.

Fast.

Denn behält Frau Shibata ihren Wert nur solange sie ein anderes Geschöpf in sich trägt; in ihrer Rolle als Gebärerin, als Mutter – und wird zeitgleich als alleinerziehende Mutter als eine Person in bedenklichen Umständen betrachtet. Konservative Werte beherrschen ihr Umfeld weiterhin.


Frau Shibata ist eine intelligente, selbstständige Frau, die sich für einen karriereorientierten Lebenspfad entschieden und diesen erfolgreich umgesetzt hat.

Allerdings wird sie von der japanischen Arbeitskultur gnadenlos zerstampft – wie unglaublich viele, wenn nicht die meisten japanischen Arbeiter:innen:


Ohne dass sich die Anzahl der Firmen, die ich betreute, merklich verringerte, nahmen die Besprechungen und Berichte zu. […]. Wochenenden verschwanden. Zeit zu essen verschwand. Meine Menstruation verschwand.“(51)


Die traurige, erschütternde Wahrheit bezüglich der japanischen Arbeitsmoral und des gesellschaftlich akzeptierten Verhaltens ist, dass Frau Shibata nur in dieser Hinsicht eine gleichberechtigte Position ‚genießen‘ darf.

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Es ist nämlich normal, dass man den Großteil des Tages im Büro verbringt – zwölf Stunden werden als unbedenkliche Norm eingestuft –, dass kaum Urlaub genommen wird, dass Überstunden und Wochenendarbeit als selbstverständlich gelten. Es gibt sogar ein eigenes Wort für ‚Tod durch Überarbeitung‚ (Dlf Kultur).


Insofern muss auch Frau Shibata sich weder diskriminiert noch benachteiligt fühlen (um den Sachverhalt kurz mit Sarkasmus zu schmücken), wenn ihre normalen Körperfunktionen sich nach und nach verabschieden.


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Im Laufe ihrer fiktiven Schwangerschaft kommt Shibi allerdings auch mit tatsächlich schwangeren Frauen in Berührung – deren Alltag ebenso in keinerlei Hinsicht als einfach und sorglos beschrieben werden kann.

Über diverse körperliche Beschwerden hinaus müssen sie dulden, dass ihre Partner sie als Alleinverantwortliche für die Kinderbetreuung und den gesamten Haushalt sehen, ihnen persönlich die Schuld für die Launen der Babys in die Schuhe schieben und kein Gramm Empathie für die Mütter ihrer Nachfolger übrighaben.


Ein Kind zu bekommen ist die Hölle, keins zu bekommen ebenso. Bestimmt fragst du dich, an was für einem verrückten Ort ich lebe.“(198)


Als stilistische Verzierung der Erzählung ist noch die Namenwahl für den Fake-Sohn hervorzuheben: Frau Shibata möchte ihn Sorato nennen, was so viel wie ein „leerer Mensch“ (S. 99) bedeute.

Hiermit zielt die Autorin zwar eindeutig auf eine ironische Aussage aufgrund des Nichtvorhandenseins eines Sprosses hin. Der Name stärkt in seiner doppelten Bedeutung auch den ernsthaften Kern der Erzählung, da Frau Shibata selbst ohne ihre Mutterrolle nur als leerer Mensch gesehen wird. Eine selbstständige Individualität ist ihr ’nur‘ als Frau nicht erlaubt.

Diese darf lediglich als Ehefrau, Freundin, Tochter oder Mutter realisiert werden.


Auf den ersten Blick ist „Frau Shibatas geniale Idee“ leichte Lektüre, doch die Komplexität der Erzählung erhöht sich mit jeder Schwangerschaftswoche. Diesem Roman wohnen viele Überraschungen inne, die Endlösung der Geschichte von allen am erstaunlichsten.

Der Ausgang des Romans ließ mich assoziative Krümel zu Romanen von Nothomb, Faldbakken, auch McAfee sichten: das als Böse oder Falsche geltende siegt, der Schelm wird zum Helden, der Jux gelingt.


Hinsichtlich der Fantastik dieser Erzählung wäre der Roman gar als Satire einzuordnen – doch ist die Thematik viel zu brennend, als dass eine humoristische Interpretation gelingen würde.

Schließlich ist „Frau Shibatas geniale Idee“ eine fantastische Geschichte in allen erdenklichen Bedeutungen dieses Wortes. Der Kern der Erzählung schleicht sich gekonnt zwischen den Zeilen an Leser:innen heran und offenbart sich als gewaltiges Maß an gesellschaftskritischen Beobachtungen, die eine Straftat als Gerechtigkeit erscheinen lassen.

Denn weder Gerechtigkeit, Gleichberechtigung noch menschliche Behandlung scheint es für Frauen in der japanischen Gesellschaft jemals gegeben zu haben.

Umso bewundernswerter ist die Tatsache, dass eine junge Autorin auf der Basis von solchen Realitäten einen raffinierten, spannenden, humoristischen Roman schreiben kann, der sich mit Leichtigkeit lesen lässt und geradezu aus der Hand fliegt.

Meinerseits eine uneingeschränkte Leseempfehlung!


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Frau Shibatas geniale Idee
Autor:in: Emi Yagi
Übs.:in: Luise Steggewentz
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 05.10.2021
Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455012590

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