Panorama. Deutscher Buchpreis: Ein kurzer Blick auf eine lange Liste

An diesem Montag wurde der Deutsche Buchpreis 2021 an Antje Rávik Strubel verliehen. Lob und Kritik am Buchpreis selbst und eine kleine kulturhistorische Bilanz zum Thema zog ich bereits im letzten Live-Austausch auf Instagram.

Heute möchte ich einen kurzen Überblick zu den Büchern der Longlist geben, die ich bereits zur Lektüre herangezogen habe.


Wie viele von euch bereits wissen, findet an jedem 3. Sonntag des Monats ein Live-Austausch mit meiner Instagram-Community statt, in dem wir Buchthemen und aktuelle Lektüren besprechen.

Am vergangenen Sonntag ging es rund um Literaturpreise. Eine kleine Historie der westlichen Buch- und Literaturpreise, kritische Anmerkungen zu Pro und Contra von solcherlei Auszeichnungen, einen Austausch zur diesjährigen Short- und Longlist und vieles mehr haben wir besprochen.

Die Videos könnt ihr immer auch nachträglich gucken: sie werden mit Zeitmarkern versehen und in meinen IGTV-Tab hochgeladen.


Nun jedoch zum Thema des Tages: Im Folgenden summiere ich meine bisherigen Eindrücke zu den Lektüren von der Longlist. Die Titellinks führen zum jeweiligen Instagram-Beitrag, wo ihr Kurzrezensionen zu den Büchern findet.


Dilek Güngör: „Vater und ich

Eine gefühlvolle Introspektive über das Ungesagte zwischen Familienmitgliedern, über komplizierte Liebe zwischen Kindern und Eltern und über die Bewältigung des Unbekannten in der Fremde.

Fast wie ein Liebesbrief an den Vater liest sich das Büchlein, geschrieben in der ich- und du-Perspektive. Zeitgleich spürt man eine gereifte Trauer, die der Protagonistin jahrelang innewohnt, und eine starke Liebe zum Beschriebenen. Gedacht habe ich an Caleb Azumah Nelson und Deniz Ohde.

In einem Hauch ist es gelesen. Hallt allerdings viel länger nach. „Vater und ich“ hat mir auf der Shortlist gefehlt.

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Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir

Heinz Strunk besitzt zweifelsohne ein unvergleichbares Fingerspitzengefühl, wenn es ums Festhalten von zwischenmenschlichen Feinheiten geht.

Die realistischen Momente mit authentischer Situationskomik lassen dieses Buch in der Hand geradezu fliegen – Strunks Beobachtungen und Gedanken lesen sich fließend und spannend. Dass man zeitgleich lächelt und sich ein wenig ekelt von seinen Männern und Frauen, gehört dazu.

Wer Strunks Werk noch gar nicht kennt, findet in „Es ist immer so schön mit dir“ ein gutes Einstiegsbuch. Doch „Den goldenen Handschuh“ kann der neue Roman mit Sicherheit nicht übertreffen.


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Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen“

Felicitas Hoppe interpretiert in „Die Nibelungen“ einen bedeutenden Teil deutscher kultureller Identität. Die Figuren Siegfried, Hagen von Tronje, Brunhild, Krimhild und andere sind im germanischen Kollektivgedächtnis zu Archetypen geworden und die Geschichte sicherlich jedermann bekannt.

Doch wie einen Anschluss an dieses Buch finden? Hoppe liefert einen Kommentar zur Materie, versucht sie neu zu deuten, eine Satire, ja mit Verlaub eine Farce aus Kult zu machen. Als nicht eingeweihter bleibt man hier außen vor.

Viele behaupten, es sei beiden gut gelungen, ein würdiges Werk zur behandelten Legende geworden. Leider habe ich nicht zum Kern dieses Textes gefunden. Wäre er als Essay(s) formuliert und würde den Anspruch als Belletristik zu gelten verwerfen, wäre meine Resonanz ggf. anders ausgefallen.


Sasha Marianna Salzmann: „Im Menschen muss alles herrlich sein“

Ein vielschichtiger Gesellschaftsroman über junge Träume in einer korrupten Welt, über politische Systeme, die Hoffnungslosigkeit und linkes Verhalten für gut befinden, über fragwürdige Karrieren – und vor allem über die Individuen, die versuchen, sich inmitten dieses Systems zurecht zu finden und ihrer eigenen Moral treu zu bleiben.

Ein langsames Tempo wurde mit Bedacht gewählt, um die Prozesse im akademischen Bereich, im familiären, privaten Milieu sowie in zwischenmenschlichen darzustellen. Daher mag der Roman etwas langatmig erscheinen. Jedoch sind die kompositorischen Entscheidungen und der dynamische Wechsel zwischen Figurenperspektiven als Balancierung dieses langsamen Erzähltempos zu betrachten.

Für Interessent:innen osteuropäischer Geschichte und sorgfältig ausgearbeitete Figurendynamiken, für Liebhaber:innen eines einfühlsamen, empathischen Stils und für Freude großer Gesellschaftsromane ist der Roman hervorragendes Lesematerial. Als in Osteuropa aufgewachsene Person erschien es mir persönlich allerdings, dieses Buch bereits in so mancher Form gelesen zu haben.


Mithu Sanyal: „Identitti

Niemandem muss dieser Roman gefallen. „Identitti“ ist dafür da, dass Leser:innen über ihre eigene Sensibilisierung und ihre Herkunft nachdenken. Dieser Roman ist selbst ein Diskurs.

Die Autorin hat in vielerlei Hinsicht den Puls unserer Zeit getroffen, dass die Komplexität der Materie für viele überfordernd sein kann. Doch bin ich überzeugt, dass der Stil und die Formenpluralität mit vollständiger Richtigkeit die heutige Diskussionskultur widerspiegeln.

Was ist Rasse, was ist Gender, was ist Wahrheit; warum ist es faktisch unmöglich, eine vollständig eigene Identität zu behaupten – und warum ärgert es Individuen, wenn ihre Grundprinzipien nicht hundertprozentig übereinstimmen? Für Leserunden hervorragend geeignet, für denkende Individuen eine äußerst wertvolle Lektüre – und ein Grund zur Hoffnung, dass dieser Roman es auf die Shortlist geschafft hat.


Ergänzend zur obigen Leseliste liegen „Mitgift“, „Besichtigung eines Unglücks“ und „Blaue Frau“ noch in meinem Regal. Hierzu wird je nach Leseeindruck zukünftig ein selbstständiger Beitrag erscheinen.

Nun bin ich allerdings sehr gespannt auf Resonanz: Welche Bücher habt ihr gelesen, welche haben enttäuscht, und welche haben ihre Position auf der Long- oder Shortlist mehr als verdient?

Auf Deine Gedanken zum Thema freue ich mich sehr.


Diese Beiträge empfehle ich Dir als nächstes:

Die Montagsfrage #11 – Was ist Dein Trick zum preiswerten Bücherkauf?
Literarische Abenteuer. Walter Tevis: „Das Damengambit“

Lesen | hören | verknüpfen:    Sandra Falke im Netz

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  1. Hab leider mal wieder keins von der Liste gelesen, hatte das Gewinnerbuch aber auch schon im Auge. auch „Identitti“ würde ich gern lesen.

    Gefällt 1 Person

    • „Identitti“ ist ein wirklich erfrischender Windhauch für die aktuelle Buchlandschaft! Da ich ausschließlich Begeisterung für „Blaue Frau“ gelesen habe, möchte ich definitiv einen eigenen Blick aufs/ins Buch werfen. Was die anderen Listenbücher betrifft, befürchte ich ebenso, dass sie aufgrund der Wucht an ständigen Neuerscheinungen bereits in wenigen Wochen in Vergessenheit geraten…

      Gefällt 1 Person

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