Toxische Aussichten. Kim Hye-Jin: „Die Tochter“

Koreanische Autorin Kim Hye-jin wurde bereits für ihre erste Kurzgeschichte „Chicken Run“ im Jahr 2012 mit einem regionalen Literaturpreis ausgezeichnet. 2020 erhielt die Autorin den Daesan Literaturpreis für ihren Roman „Worker No. 9″*.

Warum nimmt der Roman „Die Tochter“ eine äußerst polarisierende Perspektive zu einem hochgradig aktuellen Thema ein – und lohnt sich die Lektüre?


© Hanser Berlin

Kim Hye-Jins Roman „Die Tochter“ (딸에 대하여, Ttare daehayeo, 2017) wurde im Englischen (und in mehreren anderen Sprachen) als „Über meine Tochter“ (Concerning My Daughter) übersetzt, was angesichts der erzählenden Person um einiges sinnvoller erscheint.

Die Geschichte wird nämlich aus der Sicht der Mutter, einer alternden, verwitweten Frau, geschildert, die in einem resignierten, depressiv angehauchten Ton zeitgleich über ihre strapazierende Arbeit in einem Altenpflegeheim und den angespannten, kaum vorhandenen Umgang mit ihrer einzigen Tochter erzählt.

Während ihres wöchentlichen gemeinsamen Mittagessens stellt die Tochter die Bitte, aus finanziellen Gründen zurück ins Haus der Mutter zu ziehen – eine Entwicklung, die sie aus der Sicht der Mutter zunächst egoistisch und parasitär erscheinen lässt.

Bis sich herausstellt, dass die finanzielle Situation der Tochter sich aus ihrem politischen Aktivismus gegen die ungerechte Behandlung der homosexuellen Minderheit, resultiert, der sie auch selbst angehört. „Lesbisch“ oder „homosexuell“ sind Wörter – und Realitäten –, die in der Mutter Angst, Übelkeit und Panik auslösen.

Homophobie wie aus dem Wörterbuch abgeschrieben also.


In diesem Roman, der einerseits den staatlichen, gesellschaftlichen und familiären Umgang und Misshandlung von queeren Personen in der koreanischen Gesellschaft thematisiert, geht es parallel auch ums Sterben, Altern und Alleinsein.

Der Roman liest sich – gerade in Anbetracht des englischsprachigen Titels – in vielen Passagen wie eine Stellungnahme, eine klare Abgrenzung von der Tochter, die von der Mutter auch nur namenlos als solche bezeichnet und damit einer eigenen Individualität oder Persönlichkeit entledigt wird.

Sie hat in den Augen der Mutter ihre traditionellen Pflichten als Frau zu erfüllen, eine Divergenz ist ausschließlich und indiskutabel als Misslingen einzustufen:


In einem Alter, in dem andere nach einem tüchtigen, starken
Mann suchen – ab wann lief es schief im Leben meiner Tochter?(36)


Da der Roman aus der Perspektive der Mutter geschrieben wurde, werden allerdings auch andere Themen angeschnitten: vor allem geht es ihr um die Angst vor dem Altern, die Einsamkeit ohne Familie im hilflosen Endstadium des Lebens am Sterbebett zu haben – und sich wegen fehlender sozialer Unterstützung durchkämpfen zu müssen.


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Die unvermeidbare alltägliche körperliche und geistige Verwesung, denen die Mutter bei den Pflegepatienten beiwohnt, erzeugen in ihr ebensolchen Ekel, Angst und ein Gefühl der Hilflosigkeit, wie die soziale Position ihrer queeren Tochter es tut.

Dennoch sind die Reaktionen der Mutter auf diese zwei maßgeblichen Herausforderungen in ihrem Leben höchst unterschiedlicher Art.


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Obwohl sie es aus ihrer Perspektive rechtfertigen könnte, dass die Mutter sich grundlegend Sorgen um die Zukunft und den Werdegang ihrer Tochter macht, sind ihre engstirnigen Anmerkungen dennoch selten als nachvollziehbar.


In solchen Situationen merke ich, dass ich nicht in einer
Position bin, mir meinen Umgang auszusuchen. […]
Nähre ich das Klischee, engstirnig und voll von Vorurteilen zu
sein und nur dem Staat auf der Tasche zu liegen?(18)


Die eigentliche Eskalation des Romans bahnt sich eben ab dem Punkt an, als die Tochter mit ihrer langjährigen Partnerin uns Haus der Mutter einzieht und letztere mit dem Alltag ihres einzigen Kindes wohl oder übel konfrontiert wird.

Es vollzieht sich eine Änderung sowohl in der Erzählerhaltung als auch der Herangehensweise der Mutter an die Situation. Allerdings ist auch diese in ihrem Kern diskutabel, da die Mutter sich auf einer Front für absolute altruistische Hingabe, auf der anderen für minimale Annäherungsversuche entscheidet.


„Die Tochter“ ist ein ungemütliches, verärgerndes Buch, welches trotz ihrer sehr gemächlichen Sprache und sorgfältigem Erzähltempo ein enormes Maß an Unbehagen und Antipathie mit der Protagonistin auslöst.


Allerdings sind es aus zwei Gründen genau solche Perspektiven, die es notwendig ist, einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen:

Exakt diejenigen homophoben, sexistischen, regressiven Individuen wie die Protagonistin dieses Romans bilden noch in westlichen Gesellschaften – wenn nicht die Mehrheit, dann den Großteil der traditionalistischen, engstirnigen, hinterwäldlerischen Masse, die sich weigert, zu verstehen, dass Menschenrechte universal sind. Diese grauenvolle Wahrheit muss man unglücklicherweise vor Augen behalten, zwecks einer realistischen Perspektive auf das eigene Umfeld.

Die freie, liberale, solidarische, progressive Nische, in der die Leserschaft dieses Blogs sich befindet, ist in globaler Perspektive auch weiterhin eine Minderheit. Dies sollte man nicht vergessen.


Es ist ebenso wichtig, den Ärger und die Ungerechtigkeit, die die Gedanken und Aussagen der Mutter verursachen, zu verbalisieren und zu formulieren. Sie zu zeigen und zu benennen. (Übrigens ist auch die Mutter in der Funktion einer Repräsentativfigur namenlos geblieben.)

Dass in Staaten wie (Süd-)korea (aber auch in Japan, Taiwan, Vietnam oder China – um nur einige zu nennen, aus denen mir literarische Beispiele bekannt sind) eine weiterhin nicht nur homophobe, sondern vollständig sexistische, misogyne Vorstellung dessen herrscht, wie eine Frau sich zu verhalten, welche Wünsche und Zukunftsperspektiven sie zu haben hat und was ihren Wert ausmacht, ist eigentlich allgemein bekannt.

Dennoch ist es von Nutzen, individuelle Geschichten wie diese fiktive Persönlichkeit in die breitere literarische Landschaft zu übertragen, um der Dringlichkeit zur Bekämpfung mehr Farbe zu verleihen. Ein Lob gilt allen Autor:innen – und Übersetzer:innen –, die dies tun und getan haben.


Zweitens (erlaubt mir einen Krümel Optimismus) könnte sich hier das klitzekleine Potential verbergen, solchen Individuen eine Sympathiefigur vorzuzeigen, anhand welcher sie gegebenenfalls merken könnten, wie unglaublich unmenschlich ihre homophoben Positionen gegenüber ihren eigenen Kindern sind. Denn es gibt auch Geschichten über Eltern, die dies irgendwann begreifen.


Ein Lob ist ganz klar auszusprechen an die Übersetzerin Ki-Hyang Lee, die bereits den fesselnden Roman „Kim Jiyoung, geboren in 1982“ überzeugend übersetzt hatte – sprachlich ist die Geschichte ein Volltreffer.

„Die Tochter“ ist inhaltlich dennoch eine unglaublich ungemütliche Lektüre. Und doch ist sie mindestens genauso lesens- und reflexionswert wie unglaublich viele andere literarische Perlen, die sich mit Diskursen bezüglich Menschenrechte, Misogynie, Queerness und Homophobie – sowie den jeweiligen sozialen und historischen Brennpunkten – beschäftigen (man denke hier beispielsweise an Cho Nam-Joo, Te-Ping Chen, Carmen Maria Machado, Jamaica Kincaid, Kim Thuy, Avni Doshi – um nur einige wenige Autor:innen zu nennen, die zu meinen persönlichen letzten Lektüren gehören).

Die Empfehlung zur Lektüre für Kim Hye-Jins Roman würde ich allerdings explizit im Rahmen einer Leserunde geben – denn dieser Roman und die darin behandelten Themen gehören vor allem gemeinsam besprochen und reflektiert.

Auf Weiteres von der Autorin bin ich ebenso sehr gespannt.

Eine ausführliche, spoilerfreie Videobesprechung zu „Die Tochter“
findest Du auf meinem YouTube-Kanal.

Hier geht’s zur Leseprobe.

* im Original 9번의 일, auch als „The Job of No. 9“ übersetzt (1 2 3)

Bibliografie:

Titel: Die Tochter
Autor:in: Kim Hye-Jin
Übs.:in: Ki-Hyang Lee

176 Seiten | 20,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 24.01.2022
Verlag: Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27232-3

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  1. Die Lebensrealitäten von Frauen in Südkorea habe ich durch meine Bürokollegin kennengelernt, die teilweise so überfordert von ihren Pflichten gewesen ist, dass sie am Schreibtisch einschlief. Selbst der Kaffee, den ich hier und da mitbrachte, half nicht. Sie musste sowohl Frühstück machen, die Kinder wegbringen, den Ehemann mit Essen für den Tag versorgen, wie ihre eigene Doktorarbeit vorantreiben. Als dann die Schwiegereltern kamen (des Ehemannes), musste sie diese komplett allein versorgen, da dies traditionell die Frau des Erstgeborenen besorgt, und dies zur Zeit, als sie hochschwanger gewesen ist. Es war nicht einmal möglich, ihr zu helfen, da sie in ihrem Umfeld sonst mit Missachtung bestraft worden wäre. Die gute Nachricht: Sie promovierte und ist seit ihrer Rückkehr in Südkorea auch berufstätig und hat nach all den Jahren einen Ehemann, der ihr endlich auch unter die Arme greift. Ja, solche Bücher öffnen einem die Augen. Viele Grüße.

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