Fantastische Tierwesen und aquatische Machenschaften. Juhani Karila: „Der Fluch des Hechts“

Der finnische Journalist und Schriftsteller Juhani Karila wurde bereits mit seiner ersten Kurzgeschichtensammlung „Gorilla“ (2013) begeistert aufgenommen und gilt in Finnland mittlerweile als literarischer Shooting-Star – Karilas Debütroman „Der Fluch des Hechts“ erhielt drei Literaturpreise.

Worin liegt das Besondere in diesem märchenhaften Debüt – und wieso sind die fantastischen Kapitel in Karilas Roman wesentlich realistischer als sie anhand ihrer Kulissen- und Figurenbeschreibungen zu sein scheinen?


© homunculus Verlag

Juhani Karila widmet sich in seinem Debütroman mit großer Hingebung und viel Humor der Seele des finnischen Volkes.

„Der Fluch des Hechts“ ist voll und ganz mit dynamischen, kräftig pulsierenden Landschaftsbeschreibungen aus lappländischen Mooren und Wäldern ausstaffiert.

Das Land der Nordlichter und Rentiere scheint zwischen erbarmungslosen Mückenschwärmen und lebensgefährlichem Morast einen einheitlichen, stillen Atem voller Zauberei und mystischer Wesen zu besitzen.

Dennoch ist von Anbeginn der Geschichte klar, dass nicht nur die Menschen selbst ihre Mythen am Leben erhalten:

die fantastische, magische Essenz und ihre Erscheinungsformen wurden seit eh und je nahtlos an und in die Wälder, Seen, Schluchten, Höhlen und Dickichte der Natur gewoben.


In dem von zerzausten Fichten durchstoßenen Horizont,
dessen entsetzliche Kahlheit die Menschen stumm macht
und die Mythen stark. […] Die sich zu Ungeheuern verdichten,
die durch die Moore streifen wie vor Urzeiten angeworfene
Maschinen, die keiner mehr abzustellen weiß
.“(5)


Als Elina in ihr Heimatdorf im Osten Lapplands zurückkehrt, um einen Hecht zu fangen, weiß sie, dass ihre Tage für diese wichtige Mission gezählt sind. Deswegen kämpft sie sich trotz Verletzungen und Mückenattacken an den Tümpel, in dem der Hecht hausiert.


Wenn da nicht noch andere Zauberwesen wären, die Elina von ihrer zwischen Leben und Tod entscheidenden Aufgabe zurückhalten würden…


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Bereits im sprachlichen Sinne überzeugt Karilas Erzählwelt. Seine Schilderungen der finnischen Atmosphäre besitzen nicht nur eine stilistische Authentizität, sondern auch ein gerade für einen jungen Autor mit beeindruckender Ruhe getaktetes Erzähltempo.

Dieses ist in großen Teilen vom statischen Alltag der Einheimischen und der Ruhe des Ortes bestimmt: Seltener ist jemand oder etwas in diesen geräuschlosen Landschaften unterwegs – und wenn, ist es eine einzelne Person.


Von Anfang an ist klar, dass die Figuren um ihre geringfügige Position im allumfassenden Werdegang des Universums Bescheid wissen und sich vollends damit abgefunden haben. Dieses Allgemeinwissen bedingt eine gewisse innere Ruhe in der Atmung der lebenden Menschen.


Im Jenseits sind die Seelen wie Plastik,
das der Teufel wiederverwendet. Wenn man ins Jenseits ruft,
weiß man nie was antwortet. Was man sucht,
kann schon lang weg sein.
Es kann ein Teil von was anderem sein.“(126)


Dass Geister in bestimmten Nächten unter den Lebenden verweilen und gefährliche Ungeheuer unvorbereitete Personen aus ihrer Existenz reißen, sie bewohnen und zur Verdammnis verurteilen können, erscheint als seit Generationen bekannte, hingenommene Wahrheit, an der niemand zu rütteln wagt.

Schon deswegen ist Elinas Mut zum Hechtfang, je mehr Lesende über die Hintergründe der Tat erfahren, umso beeindruckender.


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Karila weiß auch seinen Spannungsbogen mit Geduld und Sorgfalt zu konstruieren: es ist bis zum letzten Drittel des Romans noch nicht ganz klar, wer mit welcher Agenda etwas tut und warum diese Figuren alle miteinander zusammenhängen.

Nach und nach entpuppen sich unerwartete Assoziationen, Zusammenhänge, Kehrtwendungen – und Wahrheiten über den großen mystischen Kern, der die gesamte Erzählung vorantreibt.


Schlussendlich ist es die gewöhnlichste Angelegenheit eines fühlenden Menschen, die Elina zu riskanten Taten bewegt. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis ist ungemein aufregend.


Der Hecht war nicht zufällig jedes Frühjahr im Tümpel.“(206)


Über eine authentische, ausdrucksstarke Erzählwelt und eine spannende Handlung hinausgehend ist „Der Fluch des Hechts“ mit kunterbunter Situationskomik ausgeschmückt.

Ob man Wochen oder Tage in Finnland oder Skandinavien verbracht hat oder die nordeuropäischen Berge und Seen nur auf einer Weltkarte gesehen hat, spielt hierbei keine Rolle: Karila weiß seine Landsleute und Zeitgenossen mit einem humorvollen Blick zu begutachten und aus ordinären Szenen ein Schmunzeln hervorzuzaubern.


Sogar wenn Yetis, Wassermänner und lebendige Baumwesen aus der Narrative entfernt würden: die allgemeinmenschliche Essenz eines Volkes hat der Autor hier auf wunderbare Art und Weise eingefangen – gerade dieses beseelte Herkömmliche verleiht dem Roman als Geheimzutat das gewisse Etwas, welches „Der Fluch des Hechts“ zu einer ganz besonderen Leseerfahrung macht.

Meinerseits eine begeisterte Leseempfehlung!

Hier geht’s zur Leseprobe.

Eine ausführliche, spoilerfreie Videobesprechung zu „Der Fluch des Hechts“ findest Du auf meinem YouTube-Kanal.

Bibliografie:

Titel: Der Fluch des Hechts
Autor:in: Juhani Karila
Übs.:in: Maximilian Murmann

304 Seiten | 24,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 03.03.2022
Verlag: homunculus
ISBN: 978-3-946120-76-6

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