Knochen, Asche, Seele. Dantiel W. Moniz: „Milch Blut Hitze. Storys“

Die US-amerikanische Autorin und Wissenschaftlerin Dantiel W. Moniz erhielt für ihr literarisches Debüt bereits einiges an Lob und Begeisterung. Die Storysammlung „Milch Blut Hitze“ wurde von zahlreichen Publikationen gerühmt und war unter anderem für den renommierten Hauptpreis der Pen America Literary Award nominiert.

In welchen Kombinationen webt die Autorin die Bedeutungen und Trageflächen ihrer Titelwörter ineinander – und warum handelt es sich bei jeder einzelnen Story um ein ganz besonderes Leseerlebnis?


© C. H. Beck

Dantiel W. Moniz‘ literarisches Debüt, die Storysammlung „Milch Blut Hitze“ (Milk Blood Heat, 2021), erntet auch seit der Erscheinung in der deutschsprachigen Übersetzung Zuspruch und Beifall.

Die Autorin hat mit ihren Kurzgeschichten mehrere Adern getroffen, die Leserherzen mit unglaublich intensiven Eindrücken füllen und die Präsenz von Leben und Tod gleichzeitig im Gehirn und im Körper pulsieren lassen.

In den Storys werden große zeitlose Themen wie Weiblichkeit, Religion, Trauer, Familienbande, Schuld und Scham aus hochgradig originellen Blickwinkeln und von Protagonist:innen mit spannenden Persönlichkeiten aufgegriffen.

Obgleich die Geschichten jeweils unabhängig und abgeschlossen sind, zeichnen sich zahlreiche verbindende Linien durch alle Individualexistenzen.


Die individuelle Autonomie sowie die qualitativ hochwertige Substanz der einzelnen Erzählungen fallen bereits in den ersten Momenten der Lektüre auf. Darüber hinwegblickend finden sich im Laufe der Geschichten immer wieder Momente, die auf eine Assoziation der Figuren zueinander hinweisen.

Dass diese Vorahnung zum Schluss der Storys in beseelter, geradezu magischer Manier bestätigt wird, ist das kompositorische Tüpfelchen auf diesem literarischen Gaumenschmaus.

Auch thematisch gelingt die Verknüpfung der semantischen Felder von denjenigen Dingen und Beziehungen, die mit Milch, Blut und Hitze gemeint sein können, auf eine gekonnte Art und Weise.


„Die Frühjahrshitze stieg in schimmernden Wogen auf und beschwor so klebrige Dinge
wie Zitronenlimonade, Kiefernharz, die ersten Mückenschwärme.(90)


Die Hitze der in Florida spielenden Geschichten kommt als erstes zur Geltung: in den meisten der Geschichten werden ihre Auswirkungen auf die Luft, die Gerüche, die Gemütsstimmungen der Figuren erörtert.

Moniz beschreibt ihren Heimatstaat mit einer authentischen Ambivalenz: die Hitze kann entflammende und erdrückende Auswirkungen haben. Sie bedingt Änderungen in der Atmosphäre – die wiederum die Stimmung, Atmung und Bewegungen der Figuren beeinflussen.

Der Autorin gelingt es, diese Kulissen auf eine sehr lebendige Art und Weise zu gestalten, sodass visuelle und olfaktorische Aspekte nach und nach aus den Seiten treten.


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Milch weitet sich in den Storys auf die gesamte Symbolgewalt der Mutterschaft aus: von aufopfernder Fürsorge und pädagogischen Bemühungen zu Unterhaltungen auf Augenhöhe; von hilflosen Neugeborenen zu heranwachsenden Erwachsenen; von Enkelin zur Großmutter; von Freudensprüngen beim Schwangerschaftstest bis hin zum vernichtenden Verlust eines noch heranwachsenden Sprosses.

Mit Betonung auf die Schattenseiten der Mutter-Tochter-Mutter-Beziehungen weitet sich in den Storys ein komplexes Netz an Opfern und Schmerzen, Hoffnungen und Enttäuschungen, frommen Lügen und ungemütlichen Wahrheiten – und argumentativ amoralischen Taten im Namen der Nachkommen – aus.


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Blut dient ebenso nicht nur als Symbol für Familie und familiäre Bindungen, sondern als Symbol für dasjenige, was man als tragendes Mitglied einer Familie täglich abgibt; die Opfer und die Qualen, die man für die eigenen Eltern oder Kinder bringt und über sich ergehen lässt.

Es dringt immer wieder etwas animalisches aus den vertrauten Berührungen mit dem eigenen Körper; da die Figuren dem Leben, der Geburt und dem Tod so oft so zeitgleich so nahestehen.


Lob gebührt auch weiteren Aspekten der Storys: Sowohl die Zusammenstellung von Figuren, die respektive an Anfang und Ende einer prägenden Lebensetappe stehen und die übergreifende Narrative so vervollständigen – als auch das Gleichgewicht zwischen Kinder- und Elternaugen – mündend in Augen, die zugleich beide Rollen tragen.


«Alles in Ordnung. Nur ein böser Traum.»
Er knipst das Licht wieder aus,
und ich widerspreche ihm nicht,
sage nichts von den winzigen Händen, die noch immer
die Vorhänge hinauf- und hinabklettern.“(28)


Die Storys starten als unauffällige Momentaufnahmen aus den Leben von Figuren, die an einem Punkt in ihrer Vergangenheit außergewöhnlich traumatisierende Momente oder quälende Leiden erleben mussten – oder dies immer noch tun und mit Mühen verarbeiten.

Die Spannungsbögen, die oft in sehr kurzer Zeit gespannt werden, beeindrucken ebenso.


„[…] zum ersten Mal wurde mir klar, dass jede von uns
ein Glied einer Kette war, Mutter zu Tochter zu Mutter, […]
durch Milch und Blut verbunden. Plötzlich war der leere Platz
zwischen meiner Großmutter und mir
überhaupt nicht mehr einerlei.“(201)


Insofern transzendieren die Geschichten nicht nur Generationen, Hautfarben, Orte und Zeiten – Dantiel W. Moniz schafft es, mit ihren Geschichten etwas aus dem tiefsten Knochenmark der urmenschlichen Essenz herauszuholen.

Sie versteckt Archetypen in ihren zeitgenössischen Figuren; thematisiert emotionale Themen und brennend aktuelle Sachverhalte in einem vollkommenen Wechselspiel – während das Generationen und Epochen übergreifende Gut in immer interessanteren Assoziationen reflektiert wird.


So setzt man sich als Lesende bereitwillig und barfuß neben die seelisch und körperlich entblößten Figuren auf die matschige Erde und fühlt das Blut, das Leben – sowie den begleitenden Tod – in den eigenen Adern pulsieren.

„Milch Blut Hitze“ ist ein wahrhaft außergewöhnliches Erlebnis.

Meinerseits eine uneingeschränkte Leseempfehlung mit Nachdruck.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Die für die Zitate genannten Seitenzahlen stammen aus der E-Buch-Ausgabe.

Bibliografie:

Titel: Milch Blut Hitze. Storys
Autor:in: Dantiel W. Moniz
Übs.:in: Claudia Arlinghaus, Anke Caroline Burger.

230 Seiten | 23,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 26.01.2022
Verlag: C. H. Beck
ISBN: 978-3-406-78157-5

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