Transzendierender Nachlass. Toni Morrison: „Selbstachtung“

Die US-Amerikanische Autorin, Professorin, Essayistin und Nobelpreisträgerin Toni Morrison (1931–2019) ist eine der wichtigsten Autorinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Ihre Romane beschäftigen sich mit zeitgenössischen und historischen Auswirkungen, Facetten und Traumata schwarzer Geschichte und besitzen eine unübertroffene seelische sowie geistige Wucht.

Ist die Monografie „Selbstachtung. Ausgewählte Essays“ als angemessener Einstieg ins literarische Gesamtwerk einzustufen – oder sollte sie auch in der Reihenfolge der Lektüren als letztes Juwel im Schaffen Toni Morrisons wahrgenommen werden?


© Rowohlt

Toni Morrisons Romane besitzen eine inhaltliche und sprachliche Beseeltheit ohnegleichen.

Sie fesseln mit ihrer schwermütigen, melodischen Erzählstimme; faszinieren mit nuancierten Figurenportraits und erhellen mit ungeschmückten Inszenierungen aus den grausamsten Episoden schwarzer Geschichte.

„Selbstachtung. Ausgewählte Essays“ sammelt die wichtigsten Reden, Essays und Betrachtungen zu zeitgenössischen kulturellen, literarischen sowie soziopolitischen Ereignissen, Entwicklungen und Wechselwirkungen.


Die Sammlung ist in drei thematische Teile untergeordnet und beinhaltet eine umfangreiche Auswahl an Texten aus den Jahren 1976 bis 2013.

Obwohl die drei Abschnitte der Sammlung respektive suggestive Titel tragen („Die Heimat des Fremden“, „Schwarze Angelegenheiten“ und „Die Sprache Gottes“) sind in den respektiven Texten keine markanten Trenn- oder Leitlinien zu erkennen.

Dies ist allerdings als Pro, nicht Contra zu werten.


Argumentativ wird im ersten Teil mit kritischerem Blick auf zeitgenössische Resonanz bezüglich des Umgangs mit systemischem Rassismus; die vermeintlichen Fortschritte und Fallen innerhalb der politischen und medialen Landschaft in den USA; sowie auf Strömungen und Ideen in der universitären Sphäre und der Forschung eingegangen.

In diesem Teil werden vorrangig gesellschaftliche Ereignisse besprochen, die zeitlich mit der Publikation der jeweiligen Texte korrelieren.


Ungern ist man anderer Meinung als ein Großer, aber Tolstoi irrt.
Könige sind nicht die Sklaven der Geschichte.
Die Geschichte ist der Sklave der Könige.“(76)


Vergleichsweise stehen in den folgenden zwei Teilen literarische Betrachtungen und analytisch-kritische Besprechungen der eigenen Werke sowie anderer Autor:innen im Kontext afroamerikanischer Literatur im Fokus.


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Aufgrund der immensen intellektuellen Reichweite und rhetorischer Klarheit Morrisons verhält sich die Realität der Texte allerdings transparenter, fließender und dynamischer: es gibt keine echten Grenzen zwischen den Essays und den Abschnitten – von ihrer zeitgenössischen Nuanciertheit abgesehen.

Aufgrund des zeitlichen Umfangs der Texte – knapp vierzig Jahre stehen zwischen dem ältesten Vortrag und der neuesten Dankesrede (die interessanterweise direkt nacheinander vorkommen) – sind gewisse Ungleichheiten im Ton der Gedanken erkennbar, die mit der organischen individuellen Weiterentwicklung zu begründen sind.


Dennoch spiegelt sich in den Essays und Betrachtungen eine durchgehende Kontinuität, eine immerwährende Sensibilität, eine reife sowie klare systemkritische, sinnierende, betrachtende Linie.

Der ruhige, sichere Blick einer Person, die ihre Gedanken, Kontexte und Argumente tadellos beherrscht – und dennoch mit einer überragenden Leidenschaft kommuniziert.


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Faszinierend sind nicht nur literaturhistorische Betrachtungen zu schwierigen Autoren und Werken, deren Nachhall des Öfteren neu zu interpretieren wäre – ebenso mitreißend wirken Morrisons Huldigungen anderer schwarzer Autor:innen, ihre Ehrungen kulturhistorisch wichtiger Personen angesichts ihrer eigenen Wirkungsgewalt auf der literarischen Landschaft.


Milan Kundera, Martin Luther King, Gertrude Stein, Bessie Head, James Baldwin und zahlreiche andere literarische Akteur:innen werden studiert, obduziert, analysiert: Morrisons Gedankengänge, ihre textuelle Vielfalt sowie ihr Talent, Kontexte sichtbar und plausibel ineinander zu weben, sind phänomenal.

Die Essays bieten eine immense Anzahl an neuen Blickwinkeln und Tönungen; erinnern an die argumentativ exponentiell steigende Wichtigkeit eines kritischen Medienkonsums – und betonen die tragende Rolle der Literat:innen und der Literatur durch Jahrhunderte an historischen Bewegungen und systemischer Ungerechtigkeit, durch den epochalen Wandel gesellschaftlicher Institutionen sowie kultureller Schattierungen.


Eine neue Suche nach dem Unaussprechlichen
in der Gründungsliteratur der Vereinigten Staaten könnte zeigen,
dass diese Texte andere, tiefere Bedeutungen enthalten,
andere, tiefere Kräfte, andere, tiefere Aussagen.“(281)


Trotz zu Beginn scheinbar dominanter Fokussierung auf soziokulturelle Verhältnisse und Problematiken in den Vereinigten Staaten weiten sich Morrisons Betrachtungen mit einer beeindruckenden Eleganz ins Antike Griechenland, in die europäische Renaissance sowie literarische Moderne aus.

Von kurzen Kommentaren wie „Aschenputtels Stiefschwestern“, eine Abschlussrede im Barnard College in New York im Jahr 1979; bis hin zum gehaltvollen Vortrag „Das Unausgesprochene Unaussprechliche: Die afroamerikanische Präsenz in der amerikanischen Literatur“ an der University of Michigan in 1988 – meines Erachtens der wichtigste Text der Sammlung – „Selbstachtung“ vereint eine Plethora an Gedanken, Kritiken, Betrachtungen, Ideen und Thesen der Autorin.

Morrisons Plädoyer für eine nuancierte, sensibilisierte, kritische Auseinandersetzung mit der Bekämpfung rassistischer Verhaltensweisen und ihr Aufruf zur Berücksichtigung schwarzer Geschichte sowohl in der historischen Selbstwahrnehmung der Vereinigten Staaten als auch bei der Neubegründung des literarischen Kanons sind diejenigen Punkte, die schlussendlich als Erbe, Inspiration und Staatsgrenzen transzendierende Botschaft durch ihre gesammelten Gedanken schimmern.


Wer mit dem Erzählwerk Toni Morrisons bereits Bekanntschaft gemacht hat, entdeckt im oben erwähnten Vortrag und in anderen Texten spannende Reflexionen zur Entstehung, Wirkung und Bedeutung ihrer eigenen Romane.

Auch an dieser Stelle wächst die Bewunderung zur Autorin nurmehr, sobald die Vielschichtigkeit ihrer Sprache und Ideen hinter den Werken durch Morrisons eigene Augen noch deutlicher erkennbar werden.


Eine Handvoll kritischer Hinweise gebührt der Zusammensetzung der Sammlung.

Obgleich alle gesammelten Texte am Ende des Buchs in der korrekten Reihenfolge mit bibliographischen Angaben aufgereiht wurden, hätte ich mir diese Ergänzung am Ende eines jeden Artikels und Essays gewünscht, um im Laufe der Lektüre eine bessere und schnellere Einordnung tätigen zu können.


Ebenso wäre eine visuelle Gestaltung besagter Bibliographie – beispielsweise eine Nachahmung der im Buch selbst vorgenommenen Dreiteilung – wesentlich leserfreundlicher gewesen.

Die knappe Übersetzung „Selbstachtung. Ausgewählte Essays“ empfinde ich in Anlehnung zum Originaltitel etwas misslungen. Bereits der Haupttitel, „The Source of Self-Regard“ weist auf eine Auseinandersetzung mit dem Selbst, eher im Sinne einer Betrachtung als Ansehen, hin.

Des Weiteren wäre auch der Untertitel „Selected Essays, Speeches and Meditations“ in Gänze zu beachten, da im Buch offensichtlich nicht nur Essays vorkommen. Die Übersetzung scheint den Inhalt an dieser Stelle zu reduzieren und/oder zu vereinfachen zu wollen, was alles andere als wünschenswert wäre.

Diese Hinweise ändern allerdings nichts am inhaltlichen Wert der Sammlung sowohl als Einzellektüren sowie im Zusammenspiel der Essays, Reden und Betrachtungen als Sammlung.


Toni Morrison war und bleibt eine bahnbrechende Denkerin, scharfsinnige Kritikerin und treffsichere Autorin. Ihre unermüdliche Arbeit für die Bekämpfung von Rassismus und die unvergleichbare Tragweite ihrer herausragenden belletristischen Texte spiegeln sich in „Selbstachtung“ wider.

Obgleich dies Deine erste Berührung mit Toni Morrison wird oder bereits mehrere ihrer Romane im Regal auf eine Zweit- oder Drittlektüre warten: sowohl die belletristischen Texte als auch die Essays, Reden und Betrachtungen der Autorin besitzen eine elektrisierende Kraft und Sogwirkung mit geistiger und emotionaler Wucht.


Insofern führe man:frau sich ganz nach Belieben einen Roman oder mehrere Essays von Toni Morison zu Gemüte – eine berührende und die Gedankenwelt revolutionierende Leseerfahrung wartet allerorts.

Zu allen bisherigen Werken Toni Morrisons, die mir persönlich bisher begegnet sind („Jazz“, „The Bluest Eye“, „Beloved“, „Song of Solomon“ – und nun die Schatzkiste, als welche „Selbstachtung“ indiskutabel bezeichnet werden sollte) kann ich mit kochend heißer Überzeugung verkünden:

Lesen, lesen, lesen!

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Selbstachtung
Autor:in: Toni Morrison
Übs.:in: Thomas Piltz, Nikolaus Stingl, Christiane Buchner,
Dirk van Gunsteren, Christine Richter-Nilsson

544 Seiten | 14,00 € (Tb) (D)

Erscheinungsdatum: 25.01.2022 (Tb)
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-00207-6

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