Das Antike Internet. Irene Vallejo: „Papyrus“

Die spanische Autorin und Philologin Irene Vallejo hat bisher zwei Romane und zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht. Ihr erstes Sachbuch „Papyrus“ handelt von der Entstehungsgeschichte der ersten Bücher und Bibliotheken und wurde in Spanien ein Bestseller.

Kann die ansteckende Leidenschaft der Autorin jedoch bis zum Schluss der üppigen Lektüre fesseln?


© Diogenes

Irene Vallejo studierte klassische Philologie an den Universitäten von Saragossa und Florenz und entdeckte dabei ihre große Passion für die Antike.

Diese Begeisterung leuchtet durch jede einzelne Seite der üppigen historischen Ausarbeitung „Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern“, in der Vallejo die Geschichte des Buches anhand der Personen, Orte und historischen Ereignisse ausführt, an die das Medium gebunden ist.

Vallejo beschreibt historische Figuren im Stil einer emotionalen Eulogie für einen verstorbenen Urgroßvater oder einen guten Freund, dessen Seele und Essenz sie ganz genau ergründet hat.

In intensiven Passagen beschreibt die Autorin Ambitionen und Eroberungen Alexander des Großen; den Alltag und Innenpolitik seines Heeres; den Charakter von Ptolemaios und seinen zahlreichen Nachkommen.

Vallejo sinniert – teils pathetisch – über Dichter, Denker und Herrscher wie Kavafis, Cicero, Platon, Horaz und viele andere.

Eine zentrale Position nimmt in ihren Schilderungen die Bibliothek von Alexandria ein, deren Entstehung, Struktur, Alltag und Atmosphäre sie ihrer Leserschaft in dynamischen, detaillierten Beschreibungen näherbringt.


Die historisch anlehnenden Schilderungen werden romantisiert, emotionalisiert und mit fiktiv anmutenden belletristischen Ausschmückungen vervielfältigt. Zeitgleich berichtet Vallejo über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Lesen als Ritual – und die vergleichsweise strengen Rituale der Einweihung in die elitistischen Hierarchien der Bodleian Library in Oxford.


Was ist ein Text für uns, wenn nicht eine
Ansammlung dicht verknüpfter narrativer Fäden?(284)


Mit einem faszinierenden Weitblick führt Vallejo einige bekannten literaturhistorischen Motive aus: die Literatur als Labyrinth, die Narrative als Faden; das Weben narrativer Netze. Sie analysiert den daran gebundenen gängigen Wortschatz und weist auf weitere Bindungen zwischen Antiken Mythen und zeitgenössischen Autor:innen hin (beispielsweise Borges und Penelope, vgl. S. 284).


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Besonders gut gelungen sind Vallejos clevere Parallelisierungen, die älteste und neueste Entwicklungen kontextualisieren: so fragt die Autorin sich, ob mit der Verleihung des Nobelpreises an Bob Dylan die Rückkehr des Barden angekündigt wurde; vergleicht Hellenismus mit (modernem) Imperialismus und das Alphabet sowie die Bibliothek systemtheoretisch mit dem Internet (S.70).


Auch spannende etymologische Perlen sind in „Papyrus“ gesammelt: so wird der Begriff „Museion“ erklärt und auf das Rosetta-Projekt zur Bewahrung bedrohter und toter Sprachen hingewiesen. (S. 75, S. 111).


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Die Übersetzung des Untertitels ist aus meiner Sicht ein wenig missverständlich, da der deutschsprachige Untertitel „Die Geschichte der Welt in Büchern“ irreführend wirkt, wenn man den Originaltitel betrachtet.

„La invención de los libros en el mundo antiguo“ heißt in grober Übersetzung „Die Erfindung der Bücher in der antiken Welt“. Während eine Übertragung in eine etwas elegantere und besser vermarktbare Form verständlich und sogar wünschenswert wäre – denn im trocken-akademischen Stil schreibt Vallejo glücklicherweise nicht, sondern liest sich das Sachbuch wie eine lange Erzählung oder Gedankensammlung auf mehreren historischen Ebenen.

Insofern wäre ein holpriger, sachlicher, langer Titel, der durch eine direkte Übersetzung entsteht, fehl am Platz.


Es hätte klarer kommuniziert werden können, dass die Inhalte vor der Antike beginnen und grundlegend in der Antike bleiben.

Dies gilt selbstredend als Meckern auf hohem Niveau – da der Klappentext den Inhalt treffend und akkurat erläutert („von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reiches“) –, war dennoch in den Augen dieser Leserin nicht zu übersehen.


Als Plädoyer zur Gegenargumentation wären die zahlreichen Verbindungen zur zeitgenössischen Gegenwart hervorzuheben – beispielsweise ein statistischer Vergleich zwischen der Anzahl der Bibliotheken: Zwischen 1500 und 300 v. Chr.,etwa 55 im Nahen Osten insgesamt; im Jahr 2014 hingegen 4649 Bibliotheken nur in Spanien. (vgl. S. 247)


Im Stillen verbreiteten sich die Bibliotheken
über die ganze Welt.(247)


Hervorzuheben sind, um die Verbindung zwischen Damals und Jetzt, zwischen Antike und Gegenwart, zu stärken, soziopolitische Fäden zwischen den behandelten Zeiträumen: Vallejo betont auch an der zitierten Textstelle die Unterschiede in puncto Verfügbarkeit von Büchern und die Einschränkungen der Möglichkeiten zum Besuch einer Bibliothek.

So entstehen interessante Verknüpfungen zu aktuellen sozialen Brennpunkten wie der Analphabetismus, der in der Antike eher als Norm galt, heutzutage jedoch weiterhin eine weltweite Herausforderung auf dem Weg zur sozialen Chancengleichheit darstellt.


Wenngleich viele der erwähnten Punkte kohärent und präzise durchklingen, erscheinen einige Passagen eher willkürlich in die historischen Entwicklungen eingebettet zu sein, Vallejos Methode analytisch eher als organisiertes Chaos zu beschreiben.

Wie eine Google-Suche mit nicht ganz klaren Stichwörtern, um zur Internet-Parallele zurückzukommen, bietet Vallejo für unterschiedliche Kriterien unterschiedliche Ergebnisse – und im Grunde genommen werden viele Interessen gedeckt.

Vor allem die Leidenschaft der Kapitel und die durchgehende Überzeugung der besonderen Beziehung zwischen Leser:innen, dem Ritual der Lektüre und der Autorin selbst hinterlassen mit ihrer erstaunlichen Kontinuität und Intensität einen persönlichen Nachhall.


Wer also vor allem ein hohes Interesse an Altertumswissenschaften sowie griechischen und römischen Alltagswelten besitzt, doch ebenso an der Magie des Lesens und des Schreibens interessiert ist, wird in dieser umfangreichen Lektüre mit Sicherheit Genuss und Gehalt finden.

Zusammengefasst ist „Papyrus“ eine kunterbunte Schatztruhe, die man gemach ausleeren sollte. Vallejo verfügt über ein gleichbleibend ruhiges Erzähltempo – die Spannung aufbauende Exposition ist in dieser Hinsicht fast irreführend, wenn man sie mit dem restlichen Buch vergleicht.

Zeitgleich ist es entspannend, interessant und reflexiv gewinnbringend, sich Vallejos Schritttempo anzugleichen und die Kapitel nicht in Tagen, sondern in Wochen zu schmökern.


Im Anhang verfügt das Buch über ein Quellenverzeichnis sowie Personenregister – ersteres hätte ich mir auch in Form von Fußnoten gewünscht. Obwohl die Kapitel relativ kurz sind und das Gelesene zugeordnet werden kann, erleichtert eine möglichst klare Strukturierung das Verständnis solch umfangreicher Lektüren.

Für Lesende, die an der historischen Entstehung des Buchs und den ersten physischen Formen der Literatur interessiert sind – und insbesondere für diejenigen, die zudem eine (über-)durchschnittliche Passion für die Antike besitzen – kann an dieser Stelle eine Leseempfehlung ausgesprochen werden.

Hier geht’s zur Leseprobe (direkter Download von der Verlagsseite).

Bibliografie:

Titel: Papyrus
Autor:in: Irene Vallejo
Übs.:in: Maria Meinel und Luis Ruby

752 Seiten | 28,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 27.04.2022
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07198-6

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  1. Ich bin mittlerweile großer Freund von sehr detaillierten, aufwendig recherchierten, aber fokussiert minimalistischen Sachbüchern geworden (bspw. die Entstehung von See-Uhren 😀 ). Die fröhliche Darstellung, wie Bibliotheken sich über die Welt verbreiten, das Feiern der großartigen Bücher und Leistung etc … all dies hat den Nachgeschmack, dass jemand aus der eigenen Passion heraus eine Geschichte nacherzählt, die viel eher als indirekte Autobiographie dient (wie kam dieses Ich zum Lesen). Diese Autobiographie würde mich auch sehr interessieren, aber nicht verpackt als Gesamtgeschichte einer kulturfundierenden Zivilisationstechnik. Es gibt m.E. viel zu viele Bücher über Gemeinplätze, konversationelle Selbstverständlichkeiten, die auf immer wieder neue Weise miteinander verknüpft werden, ohne diesen etwas anderes als ein neues Vernetzungssystem anzutragen (ein bisschen wie Legosteine). Aus deiner Besprechung habe ich eher dieses herausgehört, vielleicht irre ich mich – ich werde trotzdem mal hineinlesen. Es ist ja nicht so, als würde mich die Welt der Bücher nicht interessieren 🙂 Fröhlichen Wochenendanfang!

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  2. Was mich gestört hat: Vallejo macht im Text eigentlich nie klar – Was gehört zum historisch gesicherten Wissen? Was ist gestützte Spekulationen aufgrund von Indizien und was ist vielleicht auch völlig literarische Ausmalung? Und es ist unglaublich schwer, sich das allein mit Bezug auf das Quellenverzeichnis aufzuschlüsseln. Das unterläuft schon sehr die an sich interessanten Geschichten. Hier würden schon kleine Hinweise helfen à la „man kann sich das vielleicht so und so vorstellen, wenn man sich auf das bezieht was Wissenschaftlerin Y in ihrem Buch X aus archäologischen Funden geschlossen hat…“

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    • Ist mir ebenso aufgefallen, weswegen ich die fiktionalisierte Ausschmückung hervorgehoben habe. Wie ein Sachbuch liest es sich daher auch nicht wirklich, irgendwie weder Fisch noch Fleisch… Man muss Thema und Ton schon mögen.

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      • Ja, aber mir gehts weniger um mögen. Das Problem ist für ein „Sachbuch“ grundlegend. Ich kann mit den Infos nicht viel anfangen, wenn nicht klar ist wo und auf Basis welcher Forschung spekuliert wird. Das erschüttert letztlich den Informationswert des ganzen Buches.

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      • Ja, ich nehme es auch nicht wirklich als „Sachbuch“ wahr, wenn es um den historischen Hintergrund geht. Am ehesten noch als historisch anlehnenden Essay, wenn man optimistisch sein möchte.

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