Der blaue Vogel. Sylvain Prudhomme: „Allerorten“

Der französische Schriftsteller und Übersetzer Sylvain Prudhomme (* 1979) ist Autor von mehreren Romanen und Mitbegründer der Zeitschrift Geste. Seine einfühlsamen und tiefgründigen Geschichten werden von einer sanften Melancholie getragen.

Im neuesten Roman „Allerorten“ zeigt Prudhomme mit sanfter Feder die tiefe Diskrepanz der menschlichen Sehnsucht nach Freiheit und Liebe auf – und stellt moralphilosophische Grundlagen in ein neues Licht.


© Unionsverlag

Sylvain Prudhommes Roman „Allerorten“ (Fr. Par les Routes, 2019), aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer, handelt von Liebe, Freiheit, Sehnsucht, Einsamkeit – und dem einzigartigen Gefühl eines beginnenden Abenteuers.

Mit einer feinfühligen Leichtigkeit setzt Prudhomme sich mit der menschlichen Sehnsucht nach Bewegung, Entdeckung und Reisen auseinander und stellt die Bedürfnisse nach fern, neu und frei neben konventionelle Wünsche wie Familie, Kind und Haus.

Ultimativ sucht Prudhomme nach Antworten auf diverse faszinierende Fragen:

Ist es möglich, nach absoluter Freiheit zu streben und gleichzeitig verbindlich zu lieben? Passen Fernweh und elterliche Pflichten zusammen?

Wo liegt der Reiz an ständigen neuen Begegnungen – und wo die Erfüllung an ewiger Askese?

Sehnt sich ein Mensch grundlegend nach Wurzeln und Nest? Kann ein von Grund aus unruhiges Individuum jemals glücklich werden? Sind Glück, Freiheit und Liebe kompatibel?

Kompositorisch und Figurentechnisch bewegt Prudhomme sich in traditionellen Mustern: als Kontrastfigur führt er zunächst den eigentlichen Protagonisten, den Ich-Erzähler des Romans ein, um dann diverse Komplexitäten und Konstellationen in einem durchgehend ruhigen Tempo entstehen zu lassen.

Sacha ist Autor und lebt in Paris. Seit Jahren schreibt er Bücher und hat die zahlreichen Begegnungen in der Hauptstadt und sein dortiges Leben in allen Facetten genossen. Doch nun geht er auf die vierzig zu und seht sich nach einer Luftveränderung. Diese hofft er, in der Kleinstadt V. vorzufinden:


Ich hatte mich nach dieser Ruhe gesehnt.
Ich hatte das Gefühl gehabt, in V. könnte ich die Konzentration,
die Askese wiederfinden, die mir seit Jahren fehlten.
Das rechte Maß an Isolation, das mir endlich erlauben würde,
mich zu sammeln, zu fassen,
vielleicht wiedergeboren zu werden.“(9)


Als sich herausstellt, dass eine polarisierende Person aus seiner Vergangenheit ebenso in V. lebt, wird Sachas Hoffnung auf Ruhe und Askese schnell enttäuscht – und eine neuartige Sehnsucht hebt den Kopf.

Der Anhalter, ein unruhiger, reiselustiger Jugendfreund, mit dem Sacha früher das eine oder andere Abenteuer erlebt hat, ist ebenso in der Kleinstadt ansässig geworden. Doch können weder Frau noch Sohn sein Fernweh besänftigen – immer öfter verlässt er seine Familie, um kreuz und quer durch Frankreich zu reisen.


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„Allerorten“ wirkt mit ruhigem Tempo und unaufgeregter Erzählart vor allem sprachlich wie ein literarisches Entspannungsbad: hierzu hat Prudhomme allerdings gezielt auch mit stilistischen Mitteln beigetragen. Beispielsweise enthält der Text weder Ausrufe- noch Fragezeichen, direkte Rede wird nicht hervorgehoben. So lesen sich auch Dialoge über lebensändernde Entscheidungen in einem gezügelten Ton; emotional intensive Momente werden entschärft und mit einer gemessenen Entschlossenheit dargestellt.

Wo andere Texte so maßgeregelt gegebenenfalls lakonisch wirken würden, gleicht Prudhomme seine Geschichte mit tiefgründiger Sensibilität und einem Feingefühl fürs Zwischenmenschliche hervorragend aus.


Zum Teil hat der leise, sanfte Erzählton seine Authentizität sicherlich dem Alter der Figuren zu verdanken, die sich zwar oft und schwerwiegend im existenzialistischen Zwiespalt befinden, doch als im Leben gefestigte, in ihrem Charakter und ihren Positionen gesicherte Individuen von Resilienz und emotionaler Intelligenz geprägt sind – und daher mit Konflikt- und Krisensituationen umgehen können.


Ich liebe und fürchte zugleich die Vorstellung,
dass es eine Schattenlinie gibt.
Eine unsichtbare Grenze, die man
gegen Mitte des Lebens überschreitet und jenseits derer
man nicht mehr wird, sondern einfach nur noch ist.“(8)


Kritisch gesinnte Lesende könnten Prudhommes Figuren einen nihilistischen Eskapismus vorwerfen; argumentieren, dass sie nicht für ihre Liebe kämpfen, sondern sich mit der augenblicklichen Sachlage zurechtfinden und lediglich versuchen, aus bestehenden Umständen das Beste zu machen. Obwohl dieses Stadium in gewisser Hinsicht erreicht wird und keine lauten verbalen Schlachten stattfinden, hallt der leise Schmerz der verlassenen Figuren umso intensiver nach.

Zudem bleibt Prudhomme seiner Perspektive treu: auch wenn gebrochene Herzen erst in geduldiger Kleinstarbeit wieder zusammengeklebt werden können, offenbart Sacha bis zum Schluss des Romans nicht die Geheimnisse seiner Freund*innen – während er sich graduell beiden Polen, beiden Ideen, beiden Lebensentwürfen, beiden Menschen, annähert.


Ein prekäres, ungewöhnliches Gleichgewicht. Das aber hielt.
Das uns alle vier glücklich machte.“(194)


Sylvain Prudhomme zeigt anhand authentischer Perspektiven individuelle Modelle für Glück, Liebe und Freiheit auf, erklärt mit einer einfühlsamen Ruhe die Feinheiten einer äußerst ungewöhnlichen Fernbeziehung – und erlaubt seinen männlichen und weiblichen Figuren ohne Voreingenommenheit, ihre individuelle Erfüllung zu finden.


„Allerorten“ ist eine tiefgründige Reflexion über diverse Formen von Heim- und Fernweh, ein geduldiger Bericht über die Schnittflächen von konventioneller Eifersucht und individueller Freiheit – und vor allen ein brillierendes Zeugnis der unendlichen Ausmaße bedingungsloser Liebe, die zwei Individuen erlaubt, eine intime Bindung zu erhalten, auch wenn sie tausende Kilometer voneinander entfernt sind.

Selten hat eine Lektüre in mir gleichzeitig so viel Glück, Erkenntnis und Schmerz evoziert. Wen die beschriebenen Themen ansprechen, findet an dieser Stelle daher eine Leseempfehlung mit Nachdruck.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Allerorten
Originaltitel: Par les Routes
Autor*in: Sylvain Prudhomme
Übs.*in: Claudia Kalscheuer

256 Seiten | 14,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 11.07.2022
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-20937-4

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