Mit seinem Debütroman „Ours. Die Stadt“ entwirft Phillip B. Williams ein atmosphärisch gewaltiges Panorama. Sinnlichkeit, Magie und historische Traumata verwebend stellt der Roman die drängende Frage, wie ein Raum wahrer Freiheit für ehemals Versklavte aussehen kann. Williams komponiert eine soziopsychologische Analyse, die durch mystische Dichte und erzählerische Intensität besticht.
Trotz zahlreicher Argumente und Aspekte mit Lob und Begeisterung für „Ours“ möchte ich im Folgenden auch einige Kritikpunkte für diese komplexe Lektüre hervorheben.
Phillip B. Williams hat sich bisher vor allem als preisgekrönter Lyriker einen Namen gemacht. Mit „Ours. Die Stadt“ legt er nun seinen ersten Roman vor, der im US-amerikanischen Original bereits für großes Aufsehen sorgte.
Aufmerksam wurde ich auf dieses Werk vor allem durch die ungewöhnliche literarische Verortung: Die Aussicht auf eine Geschichte, die den atmosphärischen Tiefgang einer Toni Morrison mit der erzählerischen Unmittelbarkeit eines Stephen King verbindet, versprach eine ästhetische Erfahrung, die weit über konventionelle historische Narrative hinausgeht.
Es war diese spezifische Mischung aus magischem Realismus und gesellschaftspsychologischer Untersuchung, die mein Interesse an Williams‘ Debüt weckte. Einem Gespräch mit dem Autor auf dem ilb zu lauschen, verstärkte diese Neugier und überzeugte mich zur Lektüre.
Übersetzt von Milena Adam, entfaltet sich auf den 704 Seiten des Buches eine Erzählung, die in den 1830er Jahren der Vereinigten Staaten angesiedelt ist – eine Ära, die untrennbar mit dem Grauen der Versklavung und dem harten Kampf um Autonomie verbunden ist.
Williams wählt jedoch nicht den Weg des rein historischen Realismus. Er webt stattdessen eine Welt, in der Magie und Mystik ebenso real sind wie der Schmerz der Unterdrückung.
Eine Stadt jenseits der Landkarten: Der Schutzraum Ours
Nördlich von St. Louis existiert ein Ort, der auf keiner konventionellen Karte verzeichnet ist: Ours. Eine Stadt, die durch die übernatürlichen Kräfte einer geheimnisvollen Frau namens Saint erschaffen wurde. Sie fungiert als Gründerin, Beschützerin und spirituelles Zentrum dieser Gemeinschaft. In einer Zeit, in der Schwarze Menschen als Eigentum betrachtet wurden, bietet Ours eine radikale Alternative: einen Zufluchtsort, ein Refugium für ehemals Versklavte und Verlorene.
Hier geschieht das Wesentliche, das den Kern menschlicher Existenz ausmacht: Individuen, denen zuvor jegliche Subjektivität abgesprochen wurde, schlagen Wurzeln. Sie werden zu Nachbarn, Freunden, Liebenden und Familienmitgliedern.
Der Titel des Romans ist dabei Programm – „Ours“ (unseres; unser Eigen) manifestiert den Anspruch auf einen Raum, der nicht durch den weißen Blick oder die Gewalt der Unterdrücker definiert wird.
Auch die Gestaltung des Buchcovers, das kräftige, selbstbewusste Figuren in kräftigen Farben und Raum einnehmender Haltung zeigt, unterstreicht visuell die Würde, die Williams seinen Charakteren zurückgibt – zumindest als Prämisse und Anspruch der Geschichte.
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Literarische Ahnenforschung: Zwischen Toni Morrison und Stephen King
Beim Lesen von „Ours“ drängt sich unweigerlich ein Vergleich auf: Es wirkt streckenweise so, als hätten Toni Morrison und Stephen King gemeinsam an einem Manuskript gearbeitet. Von Morrison übernimmt Williams die atmosphärische Dichte und den epischen Atem.
Die Art und Weise, wie er sich in Naturbeschreibungen verliert – in der Beobachtung der Vögel, des Himmels und der mächtigen Baumstämme –, erinnert an Klassiker wie Song of Solomon oder Paradise. Es ist ein dichtes Geflecht aus Kontrasten; düster und einnehmend zugleich.
Gleichzeitig evoziert der Roman eine Dynamik, die an die besten Momente von Stephen King erinnert. Williams versteht es, den Leser unmittelbar zu fesseln, indem er eine Vielzahl von Individuen mit tiefen Traumata an einem Ort versammelt. Die emotionale Last, die diese Menschen nach Ours tragen, ist gewaltig.
In einer fast schon King-esken Ruhe nimmt uns der Autor mit von Haus zu Haus, öffnet Türen und legt die psychologischen Abgründe und die fragile Hoffnung der Bewohner offen. Es ist die Kombination aus sinnlicher Intensität und einer fast animalischen Darstellung von Gewalt und Leid, die dem Text seine besondere Schärfe verleiht.
Soziopsychologische Analysen im Gewand der Phantastik
„Ours“ ist weit mehr als eine magische Erzählung; es ist eine tiefgreifende soziopsychologische Studie. Williams analysiert die Mechanismen von Macht, Vertrauen und Kontrolle innerhalb einer traumatisierten Gemeinschaft. Besonders faszinierend ist die Ambivalenz der Protagonistin Saint. Obwohl sie den Schutzraum bietet, stellt sich nach und nach die Frage, ob ihre absolute Kontrolle nicht eine neue Form der Unfreiheit generiert.
Dass die Gemeinschaft in Ours instabil bleibt, liegt an der kollektiven Geschichte der Bewohner: Sie alle haben Flucht und systemische Gewalt erlebt. Williams zeigt realistisch auf, dass selbst eine so mächtige Figur wie Saint nicht über unendliche Ressourcen an Selbstlosigkeit verfügt. Die Spannungen innerhalb der Stadt, der Neid – und sogar der Hass, der ihr von Seiten derer entgegenschlägt, die sie gerettet hat, bilden das psychologische Rückgrat des Romans.
Ein zentrales Motiv ist hierbei die Erziehung zweier Zwillingsmädchen durch Saint. Die gezielte Formung dieser Kinder und die daraus resultierenden psychologischen Verwerfungen – insbesondere das Gefühl, weniger geliebt zu werden als das Gegenüber – führen zu einem Riss, der graduell den gesamten Kosmos bedroht. Williams gelingt es hier, reale menschliche Konflikte in ein fantastisches Setting zu übersetzen, ohne dass sie an Ernsthaftigkeit verlieren.
Queerness als organische Normalität
Ein herausragendes Merkmal des Romans ist die Darstellung von Queerness. Phillip B. Williams webt androgyne, non-binäre und bisexuelle Identitäten so organisch in die Handlung ein, dass sie nicht als politisches Statement, sondern als selbstverständlicher Teil der menschlichen Vielfalt erscheinen.
Es geht um Leidenschaft, geheime Zärtlichkeit und Rituale zwischen allen Geschlechtern. In einer Welt, in der Gewalt die Norm war, wird die Entdeckung der eigenen Sinnlichkeit – und die Freiheit, zu lieben, wen man will – zu einem hochpolitischen Akt der Selbstbehauptung. Williams schreibt hier aus einer Perspektive, die Queerness nicht als Ausnahme, sondern als historische und gegenwärtige Norm begreift.
Tradition und Kontinuität: Einordnung in den Kanon
Literarisch steht „Ours“ in einer klaren Traditionslinie. Bezüge zu Gloria Naylors Linden Hills sind unverkennbar, insbesondere was den Aufbau geschlossener Schwarzer Räume betrifft. Während Naylor jedoch eher im Bereich des psychologischen Dramas und Krimis operiert, bleibt Williams der Mystik verhaftet.
Auch der Vergleich mit Zora Neale Hurstons Klassiker Their Eyes Were Watching God bietet sich an. Wo Hurston den Fokus auf eine soziologisch realistische Darstellung legt, nutzt Williams die Elemente der Hexerei und des Horrors als Metaphern für die Überwindung von gelerntem Selbsthass und kollektivem Trauma.
Die neuen Städte als Orte der versuchten Heilung verdeutlichen das Ringen um Zärtlichkeit nach einer Herkunft, die durch Zerstörung gezeichnet ist.
Eine kritische Würdigung der Komposition
Trotz der thematischen Tiefe und der sprachlichen Brillanz in den Einzelpassagen weist die Komposition des Romans gewisse Brüche auf. Die Struktur ist durch sehr kurze Kapitel geprägt, was dem Text eine sprunghafte, fast serielle Qualität verleiht.
Dies mag einer jüngeren Generation von Leserinnen entgegenkommen, führte in meinen Augen jedoch dazu, dass die atmosphärischen Expositionen oft zu abrupt abgebrochen werden.
Die Weitwinkelperspektive, in der Williams die Umgebung – den Wald, die Erde, den Himmel – in intensiven Farben schildert, wird oft zu schnell zugunsten der Figurenhandlung verlassen. Es fehlt an geschmeidigen Übergängen und einer harmonischen Schattierung zwischen den Milieubeschreibungen und dem Plot.
Gelegentlich wirkt die Konstruktion des Romans dadurch etwas uneben, als ob die einzelnen Versatzstücke nicht vollständig miteinander verschmolzen wären. Man hat kaum Zeit, den Text ein- und auszuatmen, bevor die Perspektive erneut wechselt.
Fazit: Ein kraftvolles Debüt für eine neue Generation
Zusammenfassend ist „Ours. Die Stadt“ ein beeindruckendes Werk, das wichtige Diskurse der Schwarzen Literaturtradition aufgreift und mit modernen, fantastischen Elementen bereichert.
Phillip B. Williams hat einen Text geschaffen, der durch seinen Stil, seine Tonalität und seine psychologische Schärfe überzeugt.
Trotz der strukturellen Sprunghaftigkeit und einer gewissen kompositorischen Unentschiedenheit bleibt ein Werk zurück, das bewegt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Es ist ein Buch, das die Komplexität von Freiheit und die Last der Geschichte greifbar macht – ein mutiges Debüt, das dazu einlädt, sich in den dunklen, magischen Gassen von Ours zu verlieren.
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