Im Moos versinken. Jasmin Schreiber: „Der Mauersegler“

Die deutsche Biologin, Autorin und Podcasterin Jasmin Schreiber veröffentlichte im Jahr 2020 ihren Debütroman „Marianengraben“ und hat seitdem belletristischen Erfolg genossen. In ihrem Wissenschaftspodcast geht es rund um die kleinsten und größten Organismen, die in der Natur vorkommen: von Bärtierchen bis Walen.

Auf welchen Wegen gelangt Schreibers neue Roman „Der Mauersegler“ beeindruckend tief unter die Haut – und wo werden zeitgleich deutliche Schwächen sichtbar?


© Eichborn Verlag

Jasmine Schreiber ist Schriftstellerin und studierte Biologin. Sie betreibt einen Wissenschaftspodcast;

auf ihrer Instagram-Seite bezeichnet die Autorin sich selbst treffend als „Chitinfluencerin“ – und meint ebenso, sie „wäre gern ein Farn“.

Diese sympathischen Eigenarten machen sich auch in Schreibers neuestem Roman „Der Mauersegler“ bemerkbar – und verleihen der Geschichte einen ganz besonderen, erdig-waldigen Grundton, der immer wieder fesselt und fasziniert.

Es ist die immer präsente Naturnähe, die dem Text seine Leichtigkeit verleiht – denn im Roman geht es eigentlich um Tod, Trauer und Schuld.

Wir begegnen Prometheus zum ersten Mal auf einer Autofahrt, die als Mischung von Erinnerungen, Flucht und Reflexionen beschrieben wird. Der Protagonist fährt gen Norden, reflektiert währenddessen seine bisherige Laufbahn als Arzt, seinen Erfolg – und erinnert sich an die schöne Kindheit mit seinem besten Freund Jakob.


Bis die Realität plötzlich auf Prometheus hinunterprasselt – denn Jakob ist seinetwegen gestorben.

Eigentlich besteht kein Zweifel daran, dass Prometheus mit seiner Studie über eine mögliche Immunotherapie für Krebspatienten das Leben seines besten Freundes retten kann. Auch wenn für das Endresultat ein wenig in den Akten getrickst werden muss…

Nach dem Aus flieht Prometheus. Irgendwohin, ans Meer, in die Natur – zu der er bereits im frühen Alter eine Bindung gefühlt hat:


Milliarden kleiner Stoffwechsel, […]
endlos viele Augen und Fühler
und Halme und Blätter, alle vibrierten sie und flüsterten
und raschelten, kommunizierten in Sprachen, die Menschen
nicht beherrschten, die er aber doch irgendwie
zumindest wahrnehmen konnte.“(35)


Aus der Flucht in die Natur wird eine therapierende Erfahrung in Gesellschaft eines älteren dänischen Ehepaars, die Prometheus unter ihre Fittiche nehmen und ihm, ohne Fragen zu stellen, eine Zuflucht in ihrer Pension gewähren.

Warum diese bedingungslose Güte? Weil auch die Vergangenheit von Aslaug einige düstere Begebenheiten verbirgt.


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Prometheus darf in handwerklicher Arbeit, Pferdepflege (Pony!) und Zerstreuung aufgehen, seinem Freund nachtrauern, seine Familie über seinen Aufenthaltsort rätseln lassen und langsam wieder zu sich finden – während er Pferdehufen reinigt, Bäume fällt und in sich hinein schweigt.

Im Wechsel schildert Schreiber den Nachhall von Jakobs Tod, Erinnerungen aus der Kindheit, Gespräche zwischen bereits volljährigen jungen Männern, Dialoge zwischen Krebskrankem Patienten und behandelnden Arzt. Die Dynamik der Freundschaft und individuelle situative Schilderungen sind amüsant, charaktervoll und stets eigenartig gestaltet, was der Geschichte sowohl eine figurenspezifische als auch eine erzählerische Authentizität verleiht.


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Auch das Figurenpaar Aslaug und Helle – obwohl nur gewählte Informationen zu den beiden dargeboten werden – bewirken aufgrund ihres Lebenswandels, der Ausübung heidnischer Rituale und ihrer allgemeinen Naturnähe eine anteilige Faszination. Schade ist’s drum, dass sie lediglich Helferfiguren bleiben, in der Rolle als emotionales Stützwerks des Protagonisten gefangen sind.

Doch so möchte es die Geschichte – und im Rahmen der Gesamtkomposition ist das bloße Anschneiden einiger Themen gerechtfertigt. Ein längeres Buch hätte einer Ausarbeitung weiterer Nuancen bedurft.


Es gäbe diverse inhaltliche Oberflächlichkeiten hervorzuheben. Vom medizinischen Standpunkt betrachtet wurde die Entscheidung zugunsten einer einfacher verständlicheren Erklärungsart getroffen – zwar wird Jakobs Zerfall am Rande beschrieben, doch die grausamen Details und körperlichen Besonderheiten weder des Krebses noch des Patienten werden erörtert.

Auch dies ist eine Entscheidung, die dazu führt, andere Aspekte des Romans in den Mittelpunkt zu rücken – Trauerarbeit und Schuldüberwindung beispielsweise. Oder die schneidende Angst vor dem Sterben. Sowohl seitens des Sterbenden als auch der Angehörigen.

Denn sosehr Prometheus in seiner Position als Arzt unsympathisch erscheint, fällt in der anderen Rolle als Kumpel auch ein Körnchen Sympathie für ihn ab.


Der Verlauf der Studie, die sehr leicht zu überbrückenden Formalitäten hinter dem Einschmuggeln Jakobs in die Studie; die kurz geschilderten Folgen und vor allem der Ausgang des Romans, der vor den wirklich interessanten Gesprächen und Konfliktbearbeitungen einen Stopp macht – im Nachhinein hätte ich mir einen interessanteren Klimax gewünscht.

In der analytischen Phase der Romanreflexion fällt dies auf. Nichtsdestotrotz bewegt dieser Roman mit genau denjenigen Teilen und Aspekten der Geschichte, die Schreiber in den Vordergrund gestellt hat.


Andererseits gibt es genügend positive Aspekte zu begrüßen: Das Erzähltempo, der Wechsel der Momente im Leben zweier Freunde sowie die stilistischen Entscheidungen wurden jeweils gut getroffen und ausgeführt. In den gekonnt ausgeführten Dialogen liegt das reichliche Charisma dieses Romans verborgen – denn „Der Mauersegler“ ist voller humorvoller Begegnungen und Momente.


Die Lektüre bringt in einem elanvollen Wechsel an Eindrücken zum Lachen, Weinen und Nachdenken.

Denn schlussendlich sind Menschen nur winzige, unbedeutende Teile der Natur – eine länger und wesentlicher tragende Botschaft, die im gesamten Roman immer wieder erklingt und den stärksten Nachhall erzeugt und das Traurige an Jakobs Tod im Hintergrund seiner harmonischen Vereinigung mit der Natur fast nichtig macht.


Was will dieser lächerliche Fleischling mit der Axt,
dachten die Fichten bestimmt, wie will dieser Winzling
einen von uns fällen?
[…]
Seht euch die dünnen Zweiglein an, mit denen er die Axt hält,
schaut die Schwäche in seinen Wurzeln,
schaut die viel zu dünne Rinde.(182)


Vor allem erklingt die Stimme der alles umgebenden, alles bewegenden, alles überdauernden Natur, deren Teil sowohl die Protagonist:innen als auch die Leser:innen sind und sein werden. Denn ihr Leben reicht weit über den Moment einer menschlichen Existenz hinaus.

Sobald diese viel größere Realität erkennbar wird, erhält „Der Mauersegler“ eine vollständig neue, ungemein interessante interpretative Dimension.


Für einen so einzigartigen Blickwinkel kann man*frau unsympathische Protagonisten durchaus in Kauf nehmen – oder als Mittel zum Zweck abtun, ohne sich wirklich von ihnen stören zu lassen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Der Mauersegler
Autor:in: Jasmine Schreiber

240 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum:
Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0079-5

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