Ignorieren verboten! Frédéric Valin: „Pflegeprotokolle“

Der deutsche Autor Frédéric Valin ist als Pflegekraft, Schriftsteller und Kulturveranstalter tätig. Aus seiner Feder sind bereits mehrere Bände mit Geschichten über Mitglieder sozialer Randgruppen und aus der Gesellschaft ausgeschlossene Individuen erschienen.

Weshalb sollte gerade Valins neues Buch „Pflegeprotokolle“ unbedingt gelesen werden – obwohl der informative Inhalt zugleich ungemütlich, entsetzlich und erschütternd ist?


© Verbrecher Verlag

Frédéric Valin hat mit „Pflegeprotokolle“ eine umfangreiche, informative, vielfältige Schilderung der meisten Facetten von Pflegeberufen in Deutschland verfasst.

In einundzwanzig kurzen Berichten von echten Menschen (Namen wurden zum Schutz der Beteiligten geändert) sammelt Valin Eindrücke, Gedanken, Lob und Kritik zum Bereich Pflege.

Besprochen werden unterschiedlichste kleine und große Probleme in diversen Pflegeheimen, individuelle Bilanzen aus beruflichen Laufbahnen und (meist minimierten) Privatleben der Pfleger:innen – sowie einige einprägsame Momente aus dem Patientenbereich.

Zur Sprache kommen Altenbetreuer:innen, Sozialarbeiter:innen, Erzieher:innen, Mitarbeiter:innen aus Hospizen sowie Intensivstationen;
aus Einrichtungen für psychisch Erkrankte; sowie Einrichtungsleiter:innen.


Zudem werden Perspektiven von Migranten mit ost- und südeuropäischer Herkunft berücksichtigt, die in Deutschland als Pflegekraft arbeiten.

Faszinierend – und beunruhigend – ist es, nach und nach zu entdecken, wie die meisten Beteiligten sich in vielerlei Hinsicht über den Status quo – und die Herangehensweise an diesen – einig sind.


Die Krise der Pflege hält schon lange an […].“(8)

Man gilt schnell als Nestbeschmutzer*in, wenn man
Kritik übt oder Missstände anspricht.“ (9)


Ebenso spannend ist die Bandbreite an Lebenswandeln und Karrierekombinationen, die mal gezielt, mal zufällig zum Pflegebereich geführt haben.

Aus den gesammelten Perspektiven, die in gleichen Maßen von jüngeren und älteren Personen stammen, formt sich eine kunterbunte Mischung der Person „Pfleger:in“ – die meistens, sofern man:frau nicht selbst im medizinischen Umfeld unterwegs ist, als herkömmlicher, intakter Mensch ohne physische oder psychische Beeinträchtigungen, sprich ohne Pflegebedarf, selten zu Gesicht bekommt.


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Gründe, die zum Pfleger:innenberuf bewegt haben, sind vielerlei – sei es der Drang, im sozialen Bereich etwas zu bewegen; der Wille, sich um die schwachen Mitglieder der eigenen Gesellschaft zu kümmern, oder schlichtweg reiner Zufall.

Es stellt sich im Laufe der Lektüre heraus, dass die meisten der Protokollierten sich in einem Zustand nahe oder im Burnout befinden und die Arbeitsstelle wechseln oder die Arbeitszeit reduzieren wollen.

Umstände, die nicht aus einer Unzufriedenheit mit der Essenz des Berufs oder der ausgeübten Tätigkeiten hervorgehen – sondern von einer allgemeinen, sukzessiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und Belastungen des Individuums.


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Summiert wird diese fast in jeder Geschichte erscheinende Sachlage zu einem offensichtlichen Warnsignal – da auf die Umstände im Pflegebereich sowohl auf gesamtgesellschaftlicher Ebene als auch intern entscheidend zu wenig achtgegeben wird.

Gerade denjenigen, die im Alltag wenig Kontakt zu Pflegenden haben, ist dieses Buch daher vor Augen zu führen – denn eine solidarische Gesellschaft in einem Sozialstaat hat sich auch um ihre schwächeren Mitglieder zu kümmern und denjenigen, die sich beruflich dieser Mission gewidmet haben, gebührenden Respekt zu erweisen.


Ein verbindender Faktor ist nämlich, dass alle Pfleger:innen ihren Beruf aus Menschenliebe ausüben – aus dem Wunsch heraus, benachteiligten Personen zu helfen oder Menschen zu erlauben, mit Würde zu sterben.

Insofern diese meines Erachtens sehr altruistische und solidarisch-ideologische, bewundernswerte Haltung weder moralisch noch sozial noch finanziell belohnt wird, sollte sich niemand über den sich akut verschlechternden Zustand der Pflege wundern:


Ich habe schon lange das Gefühl,
dass in der Sozialen Arbeit
eine Resignation um sich greift.“(97)

Das Problem ist einfach, dass ich Sorge habe,
wenn die Normalität in Deutschland wieder Einzug hält,
dass man diese Menschen wieder vergisst
.“ (183)


Meine einzige Kritik ist strukturellen Charakters: am Ende des Buchs steht ein Glossar mit im Pfleger:inneberuf gängigen Begriffen wie AZ, SPK, ECMO usw. – auf welches es im Text selbst keine Hinweise gibt.

Die Texte erklären zwecks Authentizität seltener ausführlich, was gemeint ist – lassen solche Begriffe allerdings auch nie ganz ohne Begleitwort stehen. Insofern ist der Glossar nicht vollständig imperativ für eine verständliche Lektüre, hätte dennoch funktionaler sein können, wenn diejenigen Stellen, für die willkommene Ergänzungen da sind, auch im Text markiert gewesen wären.


Fast als Nebensache spielen in jeder der Einrichtungen pandemiebedingte Einschränkungen mit, die in einigen Fällen den Arbeitstag erleichtern, in anderen Fällen Sorge um das eigene Wohlsein erzeugen.

Valins „Pflegeprotokolle“ wären meinerseits jedem Mitglied unserer Gesellschaft weiterzureichen. Einerseits um brennend aktuellen gesellschaftlichen Diskursen ein menschliches Gesicht, eine Persönlichkeit und eine Geschichte zu verleihen; um Sympathie für Individuen zu erwecken, die es nicht übertrieben wäre, als Helden zu bezeichnen.


Vor allem muss endgültig klar werden, dass die Pflegeindustrie sich seit Jahren in einer Krise befindet, aus der sie nur durch maßgebliche Änderungen herausgezogen werden kann. Valins Buch ist ein hervorragendes Sammelsurium an bedenklichen Beispielen, die jede Person mit Eltern und/oder Kindern berühren werden.

Diese Geschichten repräsentieren Stimmen, die bedenkliche Zustände sichtbar und laut machen; die entsetzliche Szenen aus dem Alltag als nebensächlich abtun müssen – denn so sieht unglücklicherweise ihre Realität aus. Unsere gemeinsame Realität, die so gerne unter den diskursiven Teppich gekehrt wird.

Pfleger:innen gehören gehört und gesehen. Daher auch mein Fazit zu Valins „Pflegeprotokollen“:


Ignorieren strengstens verboten!

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Pflegeprotokolle
Autor:in: Frédéric Valin

240 Seiten | 18,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 28.10.2021
Verlag: Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-957324979

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