Aus Geisterwüsten in Blutoasen. Juan Rulfo: „Unter einem ferneren Himmel“

Mexikanischer Lektor, Fotograf, Drehbuchautor und Erzähler Juan Rulfo gehört zu den einflussreichsten Schriftsteller:innen Lateinamerikas. In diesem Herbst sind seine gesammelten Werke als Neuveröffentlichung mit dem Titel „Unter einem ferneren Himmel“ erschienen.

Welche bekannten Inhalte birgt die Fassung – und worauf können Liebhaber:innen lateinamerikanischer Literatur sich in der Wiederentdeckung des mexikanischen Autors besonders freuen?


© Hanser Literaturverlage

Juan Rulfo gilt als Begründer oder Wegbereiter des magischen Realismus.

Rulfo habe immensen Einfluss auf den als Hauptvertreter der literarischen Strömung bekannten Gabriel Garcia Marquez ausgeübt.

Der kolumbianische Literaturgigant habe Rulfos Roman „Pedro Páramo“ als schönsten Roman „seit der Geburt der spanischsprachigen Literatur(520) bezeichnet und ihn auswendig gekannt.

Nun ist dieser einzigartige Kultroman zwischen Rulfos bekannten und raren Erzählungen als gesammelte Werke neu gebündelt worden.


Die Sammelausgabe beinhaltet die gesamte Kurzgeschichtenreihe „Der Llano in Flammen“, die bisher inhaltlich divergierende Ausgaben der vorher erschienenen Varianten vervollständigt.

17 Geschichten wie „Die Grenze im Norden“, „Das Erbe von Matilde Arcángel“, „Macario“ und viele andere gehören zur vollständigen Sammlung – zum ersten Mal wurden sowohl die ältere und neuere Ausgabe inhaltlich berücksichtigt und zusammengefügt.

Es folgt der Roman „Pedro Paramo“, danach weitere fünfzehn Erzählungen, unter anderem „Der goldene Hahn“.


„Llano“ bedeutet so viel wie Prärie, Flachland oder Steppe und bezieht sich auf den Handlungsort, den die einzelnen Geschichten sich teilen – Rulfos Heimat.

Rulfo beschreibt zwar einzelne Momente, voneinander unabhängig handelnde Figuren und zeitlich auseinanderliegende Ereignisse, doch zeichnet sich schnell und deutlich eine allumfassende aus Staub und Blut bestehende Grundtönung aus.


Wir sagen nicht, was wir denken. Schon seit langem ist
uns die Lust am Sprechen vergangen.
[…]
Redet man hier, werden die Worte von der Hitze draußen heiß im Mund
und trocknen einem so auf der Zunge aus, bis sie im Keuchen vergehen.“(10)


Die Grundfarben Staubgrau und Blutrot können zur Charakterisierung der Gemüter, Umgebung, Figurendynamik – und des gesamten Ereignisspektrums angewandt werden.

Denn der Llano ist, wie bereits in der allerersten Kurzgeschichte klargestellt, ein grausamer Ort für harte Menschen ohne Familie, Empathie, Eigentum oder Skrupel.

In dieser trockenen Erde gedeiht keine Nahrung; der Staub korrumpiert die reinsten Seelen. Nur Mörder, Geister und Wahnsinnige lauern mit hungrigen Augen im Llano, wo unheimliche Geräusche sich mit vollständiger Stille abwechseln.


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Rulfos Geschichten handeln von kaltblütigen Mördern, freudenlosen Menschenleben und dem fortlaufenden Kampf der Aufständischen gegen das Militär. Frauen und Kinder sterben gewaltsame Tode, eine Atmosphäre der Trostlosigkeit weht täglich durch das heiße, trockene Land.

Und doch kämpfen sie: für Freiheit, Rache, Nahrung oder Genuss – obwohl die Toten bereits neben ihnen entlanggehen und sie sich selbst schon seit ihrer Geburt in einem halbtoten Zustand, in einem verdammten Land befinden.

So hat Juan Rulfo Mexiko in seiner Jugend erfahren: befallen von Korruption, Krieg und Hunger.


Obwohl es sich hier um übersetzte Texte handelt, ist Rulfos stilistisches Talent dennoch unübersehbar. So manch anderer Autor würde ähnliche Inhalte in einer überspitzten, viel zu dramatischen Gestaltung versalzen und scheitern.

Allerdings sind die aus dem tiefsten Inneren von Rulfo geschöpfte Pein und Qual so authentisch, dass seine Erzählerstimme ausschließlich stilechte Figuren erschafft – seien sie noch so düster, blutrünstig oder psychopathisch.


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Als Grauzone, Ort des blinden Terrors und Leitthema gelten die Erinnerung und die traumatischen Natur des Erinnerns.

Hier finden alle Figuren reflexiv und introspektiv zueinander, da in ihrer Fähigkeit zur Erinnerung und Reproduktion vergessener Momente, in ihren Rückblenden zu mit Nostalgie verschleierten Szenen meistens unüberwindbare Traumata verborgen sind.


Sei es der junge Macaro, der angeblich ständig versucht, Menschen umzubringen und sich nicht mehr daran erinnert – trotz seiner Knappheit eine meiner absoluten Lieblingserzählungen von Rulfo:


Ich weiß nicht, warum sie mir die Hände zusammenbindet […].
Einmal haben sich die Leute ausgedacht, dass ich jemand
erwürgen wollte. […] Ich kann mich nicht erinnern.(67)


Oder sei es der Protagonist von „Pedro Paramo“, der auf der Suche nach seinem Vater, der Namensfigur des Romans, im Heimatdorf Comala ankommt und unwissend ausschließlich Geistern begegnet. Das Gesamtbild seines Erzeugers stellt sich schließlich aus Erzählungen der Dorfbewohner und seiner ebenso verstorbenen Mutter zusammen.

Diese habe kommuniziert, dass Pedros Sohn bald eintreffen wird – sodass die Gespenster in Comala ihn willkommen heißen können. Die Nachricht soll sehr leise gewesen sein: die Mutter schied schließlich erst vor einer Woche dahin.


Dieses Dorf ist voller Echos. Es ist, als seien sie in den
Hohlräumen der Mauern oder unter den Steinen eingesperrt.
Wenn du gehst, spürst du, dass sie dir auf den Hacken sind.“(226)


Die Sammelausgabe wird von einem gehaltvollen Nachwort von Dr. Benjamin Loy abgerundet. Der Romanist erläutert Leitmotive im Werk des Literaten, schildert die Entstehungsgeschichte der in der Ausgabe enthaltenen Erzählungen und des Romans, sowie Wissenswertes aus dem Leben von Juan Rulfo.

Schließlich wurde eine kurze Bibliografie am Ende der Sammelausgabe hinzugefugt.

Für Fans ist „Unter einem ferneren Himmel“ ein klares und absolutes Muss – für Interessierte bietet sich hier ein vielfältig gestalteter, spannender Zugang zur lateinamerikanischen Kultur- und Literaturgeschichte an.


Leser:innen, die sich für lateinamerikanische, spanische und portugiesische Autoren wie Vargas Llosa, Marquez, Ruiz Zafón, Arenas, Cela oder Pessoa begeistern, werden weder Rulfos Roman noch seine Erzählungen aus der Hand legen können.

Egal, an welcher Stelle man beginnt – „Unter einem ferneren Himmel“ ist eine Muschel voller literarischer Perlen.

Meinerseits daher eine uneingeschränkte Leseempfehlung mit Nachdruck.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Unter einem ferneren Himmel
Autor:in: Juan Rulfo
Übs.:in: Dagmar Ploetz

544 Seiten | 38,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 27.09.2021
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-27092-3

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