Literarische Abenteuer. Patrícia Melo: „Gestapelte Frauen“

© NEOSiam 2021

Brasilianische Autorin Patrícia Melo ist in ihrem Heimatland als literarische Stimme bekannt – sie schreibt in eigenen Worten über die Gewalt in ihrer Gesellschaft.1 Nun wird ihr knallharter Roman „Gestapelte Frauen“ (Mulheres Empilhadas, 2019) in Deutschland einheitlich gefeiert und gelobt: abseits überwiegend begeisterter Leserstimmen sitzt der Roman seit drei Monaten auf der Krimibestenliste Dlf Kultur und wurde zur Erscheinungszeit als Übersetzung des Monats bei TralaLit 2 hervorgehoben.

Wo genau verbergen sich die Schätze – und die Gefahren – in dieser einzigartigen Lektüre?


Melo wird des Öfteren als Krimi-Autorin eingeordnet – auch als solcher kann „Gestapelte Frauen“ gelesen werden.

Doch ist das Buch eher als gesellschaftskritischer Gegenwartsspiegel der gefährlichen Lebensumstände der Frauen in Brasilien zu beschreiben.

Die namenlose Protagonistin, eine Juristin aus São Paulo, reist nach Cruzeiro do Sul in Acre, um den Gerichtsprozessen bezüglich der brutalen Morde an jungen Mädchen beizuwohnen.

Ihre Aufgabe besteht zwar grundsätzlich darin, Informationen zu sammeln und ihren Vorgesetzten Bericht zu erstatten. Erschreckende persönliche Bindungen zu den Femiziden bestehen – und entstehen: ihr Vater hat ihre Mutter getötet, als sie ein kleines Mädchen war.

Und nun hat sich aus klaren Himmel auch die gewaltvolle Ader ihres jetzigen Freundes entpuppt – vor dem auch in Acre kein Entkommen möglich ist.


Unvorstellbar, dass einer wie er, der Wittgenstein studiert hatte
und Yoga praktizierte, einem auf einer Anwaltsparty am
Silvesterabend im Toilettenraum eine runterhaut.“(S. 17)


Bereits an dieser Stelle beginnt die grundlegende Dichotomie dieses Romans, die durchgehend für Faszination sorgt. Die Protagonistin ist zwar in voller Kenntnis bezüglich der gegenwärtigen und vergangenen Sachlage – hat jedoch das Trauma des Muttermordes tief begraben. Die erhaltene Ohrfeige veranlasst einerseits das Aufkommen überwältigender Vergangenheitsbilder, inspiriert gleichzeitig die innere Kraft und Nüchternheit, die die Protagonistin benötigt, um mit der brutalen Gegenwart ihres Berufs zurechtzukommen.

Die Zweiteilung im Modus Operandi der Protagonistin drückt sich überdies in der Diskrepanz zwischen dem nüchternen, verstörenden Alltag ihres Berufs und den regelmäßigen Besuchen bei Ureinwohnerinnen aus, wo sie sich mithilfe von Ayahuasca in Welten zwischen Halluzination, Phantasie und Transzendenz begibt.


Gewalt, Blut und Missbrauch beherrschen diese Erzählwelt. Doch hat Melo, aus der Potenz von Weiblichkeit und dem Bewusstsein um die feminine Macht schöpfend, einen Gegenpol aufgestellt.

Die Protagonistin besucht regelmäßig reale Ureinwohnerinnen. In ihrem erweiterten Bewusstseinszustand erscheinen ihr jedoch auch die Geister der verstorbenen Mädchen und Frauen – nicht nur aus Acre. In brachialer Manier rächen diese sich für das, was ihnen angetan wurde – so wird zumindest symbolisch Gerechtigkeit wiederhergestellt.


Wir, sagte sie, wir Frauen, Icamiabas, Mütter, Mestizinnen, Schwestern,
Amazonen, Schwarze, Marias, Lesben, Töchter, Indigene, Mulattinnen,
Enkelinnen, Weiße, wir sprießen aus der Erde, zitternd vor Hass,
rachedurstig, mit unserem Eshu-Panzer rücken wir auf die Stadt vor,
wir haben Schwänze bei uns, Gummipenisse mit Feuerkraft, und sind hinter dir her,
böser Mann, gemeiner Mann, Ausbeuter, Missbraucher,
Vergewaltiger, Frauenschläger, Mörder.(S. 27)


Zweifelsohne ist die faktische Grundlage des Romans ein inhumanes Übermaß an Frauenhass: prägnante Sachberichte über Morde an Ehefrauen, Töchtern, Freundinnen und Schwestern zwischen den Kapiteln vermehren das allgemeine Entsetzen nochmal um einiges. Doch fasziniert, berührt und verbleibt vor allem die unvergleichliche Intensität in Melos Sprache.

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Ihre furchtlose, direkte Art, auf heikle Themen, ungerechte Gegenwärtigkeiten, abscheuliche Taten und grässliche Situationen zuzusteuern und sie exakt der Sachlage entsprechend zu beschreiben ist ebenso bewundernswert wie ihre Fähigkeit, die daran gebundenen Dichotomien mit stilistischer und semantischer Gründlichkeit auszuarbeiten.

So fließt neben dem toten Blut einer verstümmelten Leiche auch lebendiges Blut, welches beim rituellen Tanz in den Venen der Protagonistin pulsiert. Neben der Sexualität des männlichen Raubtiers, welches ein hilfloses Mädchen vergewaltigt und tötet, entfaltet sich die Sinnlichkeit der weiblichen Rächerin, welche die Täter mit mindestens gleicher Härte bestraft.


Wir hatten den beiden Mördern Txupiras den Kopf rasiert, sie gewaschen
und ihnen die Haut abgezogen.“ (S. 179)


Stellenweise wird dem Text eine plakative Manier vorgeworfen.1 Beispielsweise die übersättigte Nutzung des Wortes „Muschi“ in den Beschreibungen der Rächerinnen und deren Vergeltungsaktionen verleiht der Erzählung eine derbe, provokative Attitüde.

Doch ist genau dieser aggressive Ton als logische Konsequenz aus der geltenden Sachlage zu ziehen. Die rohe Wut gegen die Täter ist die zu erwartende Reaktion, durch den gegenüberstehend selbstbewussten Umgang mit der eigenen Weiblichkeit und darin enthaltenen Sinnlichkeit wird die Dichotomie auf eine distinktive Art und Weise geprägt – es tritt ein als metaphysisches Gleichgewicht zu verstehender Zustand der Erzählwelt ein.

Zudem überrascht die Fähigkeit der Protagonistin und ihrer Freundinnen, überhaupt noch ihrem normalen, freien Leben nachzugehen. Die bleibende innere Kraft einer jeden einzelnen Frauenfigur inmitten von täglichen Berichten über schockierende Femizide löst zunehmende höchstrangige Bewunderung aus. Jedes Mal, wenn die Protagonistin sich im Badeanzug an einem Strand einfand oder alleine einen Waldspaziergang unternimmt, fürchtet man als Leser instinktiv um sie – bereits bevor ihre eigenen Freundinnen beginnen, ums Leben kommen.

Ja – auch ein Krimi ist, wie versprochen, in diesem Roman vorhanden.


Die Kombination aus Melos kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Brennpunkten, gemischt mit eklektischem Stil, bindet die Autorin in meinem literarischen Universum einerseits zu Mario Vargas Llosa, andererseits zu Camilo José Cela.

Lobpreisende Parallelen sind zu ziehen mit Romanen wie „Pascual Duartes Familie“ oder „Tod in den Anden“: Die künstlerische Beherrschung von Erzählwelten, die brutale Realitäten spiegeln; die stattliche sprachliche Finesse; die grundlegend heftige Intensität als Summe einzelner intrinsischer und extrinsischer Momente – nirgendwo kommt Melo zu kurz.


Aufgrund der Positionierung der Protagonistin als Juristin und zugleich Opfer ähnlicher Umstände wie der von ihr untersuchter Fall erinnerte ich mich stellenweise an „Verbrechen und Wahrheit“ von Alex Marzano-Lesnevich – doch dominiert Melos Roman deutlich, sowohl im sprachlichen, bildlichen als inhaltlichem Sinne. Im Grunde sind die zwei Bücher nicht zu vergleichen – meine Leseempfehlung gilt in dieser Paarung nur „Gestapelten Frauen“. Diejenigen, die Marzano-Lesnovich jedoch kennen, würden hier ggf. eine umgekehrte Assoziation herstellen können.


Wer aufgrund des oben Geschilderten nicht von der Thematik eingeschüchtert wurde und lateinamerikanische Literatur ebenso wie intensive Lektüren zu schätzen weiß, wird in „Gestapelte Frauen“ ein starkes Erlebnis vorfinden.

Kennst Du die Autorin bereits? Fielen Dir auf Anhieb ähnliche Lektüre ein, die Du empfehlen würdest?


Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!


Hier geht’s zur Leseprobe („Blick ins Buch“).

Bibliografie:

Titel: Gestapelte Frauen
Autor: Patrícia Melo
(Übs. v. Barbara Mesquita)
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 15.2.2021
Verlag: Unionsverlag
ISBN: ISBN 978-3-293-00568-6

Gestapelte Frauen bestellen: Thalia * | Hugendubel * | bücher.de * | buch24.de *


1 – Dlf Kultur: Femizide an paradiesischem Ort
2 – Tralalit: Übersetzung des Monats: Gestapelte Frauen


Mehr literarische Abenteuer:

Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“
Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“


Lesen – hören – ansehen – verknüpfen:

Sandra Falke im Netz


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  1. Puh, das klingt nach einer harten Lektüre! Die Autorin kannte ich bisher noch nicht.

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