Panorama: Schwerpunkt Weltliteratur?

Der thematische Fokus der Buchvorstellungen in diesem Blog liegt entschieden und betont auf Weltliteratur. Doch was bedeutet dieser historisch ambivalente Begriff und welche Kriterien muss ein Buch erfüllen, um dazu zu gehören?


Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur von Sandra Richter
© Pantheon Verlag / Penguin Random House

In ihrer Monografie „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ (2019) eröffnet Literaturprofessorin und Journalistin Sandra Richter aktuelle Perspektiven auf das semantische Begriffsfeld, das historische Gewicht sowie die kulturellen Nuancen des Sammelbegriffs „Weltliteratur“.

Anhand von Richters Fragestellungen möchte auch ich diesen Schwerpunkt obduzieren und ihre sich wandelnde Rolle im Allgemeinen für das 21. Jahrhundert einerseits, im Besonderen für diesen Blog andererseits, erörtern.

Die Polarität und Wechselwirkungen von Werk und Rezeption machen sich bereits auf den ersten Seiten in der Einleitung bemerkbar:


Gibt es tatsächlich so etwas wie ästhetische Werte oder anthropologische Konstanten, die bestand haben, Menschen aller Weltgegenden berühren? Oder ist es gerade der Umsturz ästhetischer Werte in einem Werk, der nachhallt, weil er provoziert und zu immer neuen Deutungen Anlass gibt?.“(15)


Hierin versteht sich bereits mein persönlicher Begriff von „Weltliteratur“, wie Richter diesen in ihren Facetten hervorhebt: Einerseits ist damit Literatur von Weltrang gemeint – namentlich eine solche, die unabhängig von geographischer Weltgegend, zeitlicher Einordnung oder kulturellem Kontext Leser:innen gleicherweise berühren kann.

Allerdings werden unter demselben Begriff ebenso die summarischen heterogenen Erzeugnisse diverser Kontinente verstanden: um kulturelle Diversität zu fördern und meinen eigenen Horizont in möglichst variable Richtungen zu erweitern, ziehe ich zur Lektüre bevorzugt Bücher heran, die außerhalb meiner kulturellen Komfortzone handeln.

Diese stimulieren einerseits das individuelle anthropologische, historische, soziokulturelle Allgemeinwissen, lehren andererseits Toleranz und Menschenliebe angesichts der Empathie für unterschiedlichster Figuren und Handlungen.

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Richter visualisiert mit ihrer Monografie vordergründig die Auswirkungen deutscher kanonischer Hochliteratur auf der Weltbühne, um durch dieses diversifizierte Spektrum eine bekannte deutsche Literaturgeschichte neu zu erzählen – wie auch im Vorwort beansprucht.

So werden die üblichen Verdächtigen wie Faust und Werther zwar in ihrem kulturhistorischen Kontext vorgestellt, doch ferner anhand ihrer textuellen Nachfolger im nahen und fernen Osten sowie in anderen Europäischen und amerikanischen Ländern ergänzt.


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Über die oft besprochene Rezeption deutscher Klassiker in anderen europäischen Ländern und Nordamerika hinaus ist es in dieser Monografie faszinierend zu lesen, welche Formen und Interpretationen für Stoff und Figuren in Brasilien, Japan oder der Türkei annahmen – insofern können diese Adaptionen gerade deutschen und europäischen Leser:innen sowohl das Allgemeinmenschliche als auch den kulturellen Rahmen der Werke in vollständig neuem Licht zeigen .


Gewichtige historische und politische Themen sprechen ein bildungshungriges, mitunter auch politisch engagiertes internationales Publikum an.“(469)


Gerade weil mir persönlich analytisch-kritische Perspektiven auf jede Lektüre als Individualfall wichtig sind, schätze ich die Herangehensweise von Richter besonders.

Denn jedes Buch ist unglaublich nuanciert: als Text, als Schöpfung einer Person mit kulturhistorischem Gesichtskreis, als verfasste Erzählwelt mit literaturhistorischen Einflüssen, als Teil eines rezeptiven Dialogs zwischen Leser:innen aus sich überschneidenden und ergänzenden geographischen und soziokulturellen Räumen.

Mindestens so viele Facetten birgt ein guter Roman oder ein faszinierendes Sachbuch in sich.

Zeitgleich kann ein literarisches Werk, welches sich so weit außerhalb der eigenen soziokulturellen Existenzräume befindet, wahrhaft unerwartete und erhellende Perspektiven nicht nur auf neue Welten und Realitäten, sondern zeitgleich auf den eigenen Gesichtskreis werfen.


Literatur ist per se multikulturell, transnational, extraterritorial. Sie betätigt sich als von Raum und Zeit weitgehend unabhängige Seismografin einer sich schnell verändernden Welt.“(16)


Als „Flickwerk aus Fallbeispielen“ (26) bezeichnet die Autorin selbst ihr literaturhistorisches Werk. Doch ist es zeitgleich eine aus klugen Kontextualisierungen und originellen Verknüpfungen bestehende Schilderung zur Herkunft, Begründung, kulturhistorischen Einflüssen und Auswirkungen dessen, was in der europäischen Geschichte als deutschsprachige Literatur wahrgenommen wurde und wird.

Ihre Werkauswahl könnte man unter Umständen als zu sehr am Maßstab hängend betrachten – doch sind globale Rezeptionswellen eben nur bei gewählten Werken so stark, dass man sie erforschen kann.


Schließlich steht fest, dass jede Erweiterung des individuellen kulturellen Horizonts unter der Berücksichtigung der eigenen Positionierung und einer zeitgleichen vergleichenden Beobachtung mit Weltblick den höchsten Erfolg für eine Sensibilisierung und Evolution als und zum Weltbürger bezweckt.

In diesem Kontext, als Kombination gehaltvoller literaturhistorischer Beobachtungen zur sogenannten deutschen Identität – doch mit stetem Weitblick auf alle anderen Kontinente – ist die Monografie von Sandra Richter als hervorragende Startposition wirklich gelungen und empfehlenswert.


Wie würdest Du den Begriff ‚Weltliteratur‘ definieren? Welche Werke gehören zweifelsohne dazu – und welche sind mit Sicherheit auszuschließen?

Auf Deine Gedanken in den Kommentaren freue ich mich.


Hier geht’s zur Leseprobe der Monografie.

Bibliografie:

Titel: Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur
Autor:in: Sandra Richter
Seitenzahl: 728
Erscheinungsdatum: 22.04.2019
Verlag: Pantheon
ISBN: 9783570553947


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  1. mE macht es wenig Sinn, da Werke oder „Werkklassen“ auszuschließen. „Literatur“ ist ja kein Synonym für „gute Bücher“, und den weltweiten Zusammenhang bekommt man ja selbst aus den provinziellsten Texten mit größter Gewalt nicht mehr raus. Tatsächlich nicht erst seit heute, das hat zB Hegel anhand des Kaffees, der in Voß‘ eigtl absichtsvoll weltentrückten Idyllen gezeigt: Selbst da steckt sozusagen Kolonialgeschichte drin.
    Dann hat man natürlich die Schwierigkeit des „was lesen“ und selten mehr Möglichkeiten, als sich am international Bekannten und Gelobten zu orientieren. Aber auch etwas, was anderswo vll eher als Allerweltsliteratur gilt. zB scheint „Der Morgen der Trunkenheit“ in Iran nicht gerade als hohe Literatur zu gelten, aber es war durchaus interessant, sich einmal den angeblich meistgelesenen Roman dort anzuschauen: https://diekolumnisten.de/2016/11/20/der-meistgelesene-roman-irans/

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