Zwischen Kaffeetischen und Kamikazepiloten. Marc Thörner: „Rechtspopulismus und Dschihad“

Journalist und Sachbuchautor Marc Thörner arbeitet in seiner neuen Monografie Erweiterungen für ein europäisches Selbstbild sowie politisches Gedächtnis aus – und zeigt überraschende Berührungspunkte zwischen Ost und West auf.

Vom unterhaltsamen Reisebericht zur scharfsinnigen Analyse gegenwärtiger Brennpunkte: Welche bereichernden Kontexte gibt es in „Rechtspopulismus und Dschihad“ vor allem zu entdecken?


© Edition Nautilus

Marc Thörners neueste Monografie „Rechtspopulismus und Dschihad“ ist als Kombination von Reportage, Erzählung und Analyse konzipiert.

Leser:innen verfolgen Thörner auf seinen Reisen nach Beirut und Damaskus, Aarhus und Paris, auf der Suche nach Antworten und Spuren zur Vervollständigung seiner theoretischen Entwürfe.

In einer Mischung von Berichten und Analysen webt Thörner historische, politische und philosophische Netze zwischen in Europa und im Nahen Osten bekannten Denkern, Ereignissen und politischen Strömungen.

Thörners Schilderungen beginnen – nach einem kurzen, einleitenden Kommentar zu relevanten politischen Entwicklungen in diesem Jahr –

in den 1950er und 1960er Jahren in den USA und Paris, mit direkten Hinweisen auf die Entstehungsgeschichte der Schriften von drei Vordenkern des Radikalislam: Sayed Qutb, Dschalal Al-e-Ahmed und Ali Schariati.

Von dort schaltet der Autor um zum Reisebericht: An einem Kaffeetisch in Marrakesch mit dem anonym bleibenden Deutschsyrer M.M., der die Einreise in Damaskus und diverse Interviews vor Ort ermöglichen soll.

Zugänge, die den meisten westlichen Journalisten nicht gewährt werden.


Im Laufe seiner Reisen und Interviews stellt Thörner erwartbare und bekannte Kontakte zwischen rechtsextremen Ideologen der europäischen Hemisphäre her. Die Stationen der analytischen Reisen führen zwischen Gauland und Kubitschek über Carl Schmitt zu den oben Genannten; zu den Taliban, zu Baschar Al-Assad.

Graduell entpuppen sich zeitgleich dennoch einige unerwartete Zusammenhänge – sowohl zwischen deutscher und französischer Zeitgeschichte als auch zwischen östlichen und westlichen Kultur- und Literaturkreisen.


Nicht nur historische und politische Fakten werden in diesem gehaltvollen Sachbuch obduziert:

auch Moralphilosophisches und Zwischenmenschliches hat hier seinen Raum.


Ist es allein der Kampf für Ideale? Und wenn der Sieg einmal errungen ist, hängen sie alle dann den Tarnfleck an den Nagel, ziehen die Springerstiefel aus und legen die Knarren weg?(27)


Historisch zwischen Neuzeit und Moderne, geographisch zwischen Damaskus und Paris – Thörner gelingt eine Perspektivenerweiterung in beiderlei Hinsicht. Der Autor bewegt sich frei in der europäischen Geschichte – und vermerkt implizit, dass relevante Ereignisse und Wechselwirkungen auch in früheren Epochen und Jahrhunderten zu vermerken sind als dem vergangenen.


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Beispielsweise thematisiert Thörner die Auswirkungen von nihilistischen Autoren wie Camus und Sartre für die Iranische Revolution; kontextualisiert seine theoretischen Auslegungen überdies historisch mit der Französischen Revolution.

Verknüpfungen zwischen Ernst Jünger und Martin Heidegger werden mit weiteren Berührungspunkten des französischen Chirurgen Alexis Carrel verbunden. Anhand von Passagen aus Carrels Schriften verknüpft Thörner wiederum die Prinzipien der Neuen Rechten, die Ideologie mittelalterlicher Ritterorden und Ernst Jüngers „Stahlgewitter“.


An sich sind viele der hergestellten Parallelen und Intertextualitäten kaum überraschend, da extremistische Ideologien offensichtlich einiges gemeinsam haben – dennoch ist die entstehende Vielfalt und Präsenz der Kontakte äußerst passend zum Untertitel des Buchs: „Berichte von einer unheimlichen Allianz“.

Thörner arbeitet Schritt für Schritt ein faszinierendes Netz an Interpretationen, Begebenheiten und historischen Indizien aus, die aufzeigen, wie eng und wie lange radikalideologische Machtstrukturen in Westeuropa und dem Nahen Osten bereits aneinander gebunden gewesen sind.


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Über eine sachkundig erhellende Basis hinaus ist „Rechtspopulismus und Dschihad“ auch erzählerisch außergewöhnlich genussvoll. Thörner fügt dem analytischen Gehalt des Sachbuchs seine persönlichen Reiseerlebnisse, Bemerkungen zu den Milieus und Bewohnern der besuchten Städte, zwischenmenschliche und humoristische Details aus den Interviews und Begegnungen hinzu.

Er behält während der gesamten Recherche und Reportage ein erstaunliches Maß an Neutralität und lässt Beteiligte aller erwähnten Institutionen unmittelbar zu Wort kommen – beispielsweise Sana Muhaidli, die erste Frau, die im Nahen Osten ein Selbstmordattentat ausführte:


Mein auf der Erde zersprengter Körper wird im Himmel
wieder zu einem Leib zusammengefügt werden.“(156)


Zu Wort kommen Mitglieder der SSNP-Partei in Damaskus, die Armee des Islam, Mitglieder der Hisbollah; der Biograf von Alexis Carrel, Alain Drouard – und viele andere.

Da ich dieses Sachbuch im Austausch mit Laila von notwithoutmybooksblog gelesen habe, die bezüglich der konkreten Thematik weit belesener ist, weiß ich für sachkundige Interessenten noch hervorzuheben, dass der Themenkomplex Neue Rechte und das gegenwärtige Milieu in Deutschland nur berührt, nicht explizit erörtert wird, wo einige weitere Analysen ihren Platz gehabt haben könnten.

Das Forschungsmanko zur Thematik sei allerdings immerwährend.


Aufgrund der von Thörner unternommenen Recherchereisen und der Vielfalt der bereits ausgeführten und angesprochenen Themenkomplexe erschienen mir die gewählten historischen und geografischen Grenzen als sinnvoll – zumal der Autor primär als Auslandsjournalist tätig ist.

Dahingehend ist diese Bemerkung nicht als Kritik am Gelesenen, sondern als Aufruf für weiterführende Sachliteratur wahrzunehmen.


Alles in allem ist „Rechtspopulismus und Dschihad“ nicht nur eine faszinierende Studie über verhüllte Verbrechen, hinterlistige Interpretationen, versteckte Kontakte – und das Ausmaß an erschreckenden Wahrheiten, die es immer noch hinter historischen Schleiern hervorzuholen gilt.

Thörners Monografie liest sich zeitgleich als amüsanter, charismatischer Reisebericht, der stilistisch gekonnt ausgeführt und extrem zitierfähig ist.


So wünsche ich mir ein Sachbuch!

Für Leser:innen mit Interesse an europäischer Geschichte spreche ich für „Rechtspopulismus und Dschihad“ eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

Hier findest Du Lailas gehaltvolle Gedanken zum Buch.
Hier geht’s zur Leseprobe. (Link zur Verlagsseite)

Bibliografie:

Titel: Rechtspopulismus und Dschihad. Berichte von einer unheimlichen Allianz
Autor:in: Marc Thörner

184 Seiten | 16,00 € (D)

Erscheinungsdatum: November 2021
Verlag: Edition Nautilus
ISBN: 978-3-96054-270-4

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Von A(eneis) bis (K.I.)Z. Katharina Wesselmann: „Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen“
Jenseits der eurozentrischen Perspektive. Pankaj Mishra: „Freundliche Fanatiker“
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  1. Zum Weiterlesen in dem Zusammenhang vielleicht: Volker Weiss (Neue Rechte) und Helmuth Kiesel (Ernst Jünger). LG

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