Jenseits der eurozentrischen Perspektive. Pankaj Mishra: „Freundliche Fanatiker“

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Indischer Essayist, Literaturkritiker und Schriftsteller Pankaj Mishra gilt als globaler Intellektueller. Nicht nur seine Essays erscheinen in führenden europäischen und US-amerikanischen Kulturzeitschriften – der Roman „Das Zeitalter des Zorns“ ist ein weltweiter Bestseller.

Was verbirgt sich hinter dem provokativen Titel von Mishras Essaysammlung – und ist der Autor vielleicht auch nicht selbst ein freundlicher Fanatiker?


© S. Fischer

Der Sammelband „Freundliche Fanatiker“ (Bland Fanatics: Liberals, Race and ­Empire, 2020) vereint siebzehn Essays aus den Jahren 2008 bis 2020, die sich mit sozikulturellen Trends, historischen Umbruchszeiten, den Strukturen von rassistischem und eurozentrischen Denkmustern und zahlreichen anderen Themenkomplexen beschäftigen.

Mishras kulturhistorischer Weitblick ist erstaunlich: der Autor stellt in seinen Auslegungen nicht nur überraschende, scharfsinnige Zusammenhänge zwischen Epochen und Territorien her, die in Lehrbüchern oder konventionellen Denkmustern in den seltensten Fällen im selben Satz vorkommen würden.

Ebenso fließen Mishras Essays auf einem zutiefst beeindruckenden literarischen Horizont zusammen, dessen Eckpunkte über scheinbar unerforschte Linien aneinander gebunden werden.


Dementsprechend zitiert er im selben Atem Woodrow Wilson mittels Aufzeichnungen von Mao Zedong – und gelangt über Norman Mailer zu Sinclair Lewis; über James Baldwin zu Ta-Nehisi Coates.

Die Bandbreite der intertextuellen Möglichkeiten, die ein kulturhistorischer Feinschmecker in diesen Gedanken finden kann, scheint geradezu unergründlich zu sein – und die Texte sind nicht nur zusammengepresst dicht, sondern ebenso fließend zu verfolgen und hochgradig zitierfähig.


Claude Lévi-Strauss gelangte ebenso wie Jean-Paul Sartre zu dem Schluss, dass der Universalismus der Aufklärung sich in eine Form von Rassismus verwandelt hatte: in „den Versuch, die Verschiedenheit der Kulturen zu leugnen, aber gleichzeitig so zu tun, als würde man sie voll anerkennen.““(137)


Mishra weist nicht nur deutlich auf den kulturell weichgezeichneten Horizont zahlreicher zeitgenössischer Individuen hin, er argumentiert fließend und konstruktiv gegen eurozentrische, westlich fokussierte Perspektiven – da diese von einer inklusiven und somit echten Darstellung der kulturhistorischen und politischen Entwicklungen der Weltgeschichte nicht ferner sein könnte.

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Der Autor bewerkstelligt es allerdings, seine Überlegungen – auch in den Kapiteln, in denen es um radikalideologisch toxische Krebsgeschwüre wie Donald Trump oder Jordan Peterson geht – vollständig sachlich zu präsentieren. So klar wie seine Positionen sind, so fair und konstruktiv behandelt Mishra die Auslegungen seiner Subjekte. Sein Zerriss ist so facettenreich und klug wie sein Lob.

Dieser Band ermutigt bei seinen Leser:innen somit nicht nur ein kritisches, sondern vor allem ein selbstständiges Denken und Neudenken zu tagesaktuellen Themen und eingeprägter Schulwahrheiten gleichermaßen.

Dies bedeutet nicht, dass Mishra eigene Überzeugungen weniger deutlich kommunizieren würde:


Doch nur ein Leser, der auf die provinziellen Annahmen des US-amerikanischen Exzeptionalismus eingestimmt ist, wird es als verwunderlich empfinden, dass so viele Europäer oder europäische US-Amerikaner Mitte des Jahrhunderts vom Gedanken einer Krise des Menschen besessen waren.“(135)


Die zum Teil erwarteten rudimentären Positionen einer an westlich-weiße Denkmuster gewohnten Leserschaft mit zum Teil engstirnigen Werten und konservativen Prinzipien werden ebenso klar kommuniziert und denunziert. Als kaukasisches Individuum sollte es Leser:innen klar sein, dass der historische Status Quo nicht gerade ein günstiges Licht auf europäische und US-Amerikanische Gesellschaften wirft, wenn man vorhandenes Wissen weiter verfolgt und breiter kontextualisiert.


Mishras Gedanken zum transatlantischen Sklavenhandel, Imperialismus, Kolonialisierung, Genozid, Pseudo-Liberalismus, der ideologischen Überzeugung weißer kultureller Überlegenheit und dergleichen Wahrheiten aus der allgemeinen Weltgeschichte sind für jemanden, der bis zum heutigen Tag noch gar keine analytisch-kritischen Lektüren zur Menschheitsgeschichte vorgenommen hat, zweifelsohne desillusionierend. Der Autor nimmt auf keiner Seite seines Buches ein Blatt vor den Mund.

Doch öffnen die Essays zeitgleich einen didaktischen, konstruktiven Raum zur Erkundung der neuen Kontexte und Perspektiven – um sich selbständig vom ‚provinziellen‘ Erkenntnisstand zu einem aufgeklärten Weltbürger zu entwickeln.


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Mit Sicherheit ist Mishras informative Vielfalt bewundernswert und mit Superlativen zu beschreiben. Die kritischen Auslegungen zu den freundlichen Fanatikern, die soziologischen Erkundungen über die Gründe ihrer Beliebtheit und die konstruktive Bloßstellung ihrer hinterwäldlerischen Ideologien – alles überzeugende Facetten, die den Band in meinen Augen als uneingeschränkte Leseempfehlung einstufen lassen.

Schließlich ist es auch genau dieselbe Freundlichkeit, mit der Mishra in seinen Essays vorgeht – mit der auch seine Subjekte ihr zum Teil massives und ergebenes Publikum überzeugt haben, wohlgemerkt! –, welche seine Worte um einiges überzeugender klingen und seine Ideen einen Millimeter fester im Gedächtnis versinken lassen.


Nicht Vorwurf, sondern Zuspruch soll diese etwas ungemütliche Hervorhebung ausdrücken: Mishra hat die Strukturen und Mechanismen hinter dem Erfolg der freundlichen Fanatiker entdeckt und erfolgreich übernommen. Dass auf dem Weg dorthin eine gewisse Mutation stattgefunden hat, merkt man in seinen jüngeren Texten ebenso schnell.

Doch auch wenn seine neuesten Argumente des Öfteren provokativ sind und die westlich-europäische Kultur gar dämonisieren – ein Versuch, der zum Teil einen verblichenen Eindruck hinterlässt, da neueste Geschichte sich so oft selbst überschreibt, wenn man an die vergangenen drei bis fünf Jahre denkt –, sind es seine scharfsinnigen Analysen der Weltgeschichte des 20., 19., gar 18. Jahrhunderts, die das Publikum zur Entdeckung einer individuellen Horizonterweiterung begleiten.


Aus diesen Gründen werden oberflächlicher an Politik und Geschichte interessierte Leser:innen in „Freundliche Fanatiker“ einen erheblichen Genuss finden. Kenner werden sich umso mehr über das Wiedersehen mit Freunden aus kulturgeschichtlichen Nischen vergnügen dürfen.


Ich füge meiner Leseempfehlung Nachdruck hinzu. Ein Blick in die Leseprobe wird meiner Begeisterung sicherlich genügend Nachklang verleihen.

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!



Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Autor:in: Pankaj Mishra
Übs.:in: Laura Su & Michael Bischoff
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 28.04.2021
Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397077-7


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NZZ: Der Westen sei böse und am Ende, sagt Pankaj Mishra


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