Von A(eneis) bis (K.I.)Z. Katharina Wesselmann: „Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen“

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Kieler Akademikerin Prof. Dr. Katharina Wesselmann legt mit ihrem Sammelband „Die abgetrennte Zunge“ (2021) einen Musterstandard für progressive kulturhistorische Perspektiven zutage.

Die überraschend weitsichtigen Beiträge zu den bekanntesten weiblichen Figuren aus antiken Mythen werden mit zeitgenössischen Brennpunkten verbunden – von US-amerikanischer Politik bis zum deutschen Hip-Hop können Leser:innen sich über unerwartete, erhellende Verknüpfungen freuen.


© wbg

Der Sammelband besteht aus neun Essays, die sich zum Einen mit aus Mythen und Legenden bekannten Figuren beschäftigen, zum anderen in den letzten Jahren prominent gewordenen Themen der feministischen Diskurse widmen.

So behandelt Wesselmann beispielsweise die Handhabung der von zahlreichen Künstler:innen und Autor:innen interpretierten Figuren der Medea, Kleopatra, Penelope, Kirke, Dido oder Daphne.

Die aus der antiken Mythologie bekannten Frauen zeigt Wesselmann zwar aus diversen Blickwinkeln in ihrer literaturhistorischen Nuancierung – stellt dennoch schließlich ihre Position als Nebenspielerinnen und Objekten fest, die kontinuierlich diminuiert und der Macht der sie umgebenden Männer unterworfen werden.

Erhellend und tiefgründig ist im gesamten Band der unmittelbare und detailreiche Umgang mit den Originalsprachen der behandelten Texte.

Wesselmann führt fachkundig vor, wie willkürliche Übersetzungen und Konnotationen der antiken Vorlagen zur Verzerrung des Figurenverständnisses geführt haben:


Während die illoyalen Dienerinnen im homerischen Text neutral als „die Frauen, die mit den Freiern geschlafen haben“, bezeichnet werden, haben Generationen männlicher Übersetzer sie mit einem verstörenden Arsenal moderner misogyner Begriffe wie ’sluts‘, ‚whores‘ und ‚creatures‘ charakterisiert, womit sie gravierend vom Originaltext abweichen.“(32)


Da die Autorin Griechisch und Latein studiert und gelehrt hat, kommt die ausführliche Auseinandersetzung mit Wortlauten und Variationen nicht gerade als Überraschung. Durchgehend können ihre Verknüpfungen zwischen antiken Vorlagen und zeitgenössischen Sachverhalten faszinieren.

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Aktuelle soziopolitische Ereignisse noch aus dem Frühling des laufenden Jahres aus den Vereinigten Staaten und Deutschland werden an Homers und Ovids literarische Vorlagen gebunden, wenn die Autorin beispielsweise über das Empfinden von Frauen in Machtpositionen als Gefahr für das Patriarchat spricht.

Auch die romantischen und klassischen Literaten und Philosophen werden in Wesselmanns kulturhistorischen Assoziationsfeldern einbezogen.


So trifft beispielsweise Goethe auf Ovid, Hegel auf Euripides – und Alexandria Ocasio-Cortez auf Marie Antoinette, die wiederum auf Kleopatra hinweist.

Nicht nur die offensichtliche Brutalität der Originalvorlage, sondern ihre fortlaufende Aktualität offenbart die Autorin in reflektierten Vergleichen, die vergangenen Jahrhunderte mit einer verblüffenden Eleganz und Weitsicht erfassend.


Interessant ist die Tatsache, dass die fliehenden Tiere, die der Gott nennt, alle weiblich sind […]. Hier geht es um Sex, nicht um Fressen.“(83)


Die wahrhaft originellen und zum Teil etwas verwunderlichen Momente im Sammelband stammen allerdings aus einer unerwarteten Sphäre des lyrischen Schaffens: die Autorin vergleicht im Ausklang des Sammelbandes antike und klassische Vorbilder mit deutschem Hip-Hop.


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Sowohl ihre ausgiebigen Kenntnisse zu Ovids Metamorphosen als auch die treffsicheren Vergleiche mit Goethes Werther faszinieren und fesseln bereits, da die Autorin sich offensichtlich mit ihrem Material auskennt und dieses ihren Leser:innen auf eine charismatische sowie informative Art zu öffnen weiß.

Spätestens wenn ein ebenso ausführliches Wissen über die Texte von K.I.Z. die assoziative Schnittfläche betritt und sich intertextuell fließend zu Catulls Lyrik gesellt, hat Wesselmann ihrer Stimme einen vollständig neuartigen Ton verliehen.


Mit divergierenden Interpretationen von ältesten und neuesten künstlerischen Variationen klischeehafter Misogynie öffnet die Autorin ein hypermodernes Blickfeld auf die bekanntesten und interpretiertesten Textvorlagen der Weltgeschichte.

Aus Transparenzgründen gehört hier erwähnt, dass ich, als der wbg Theiss Verlag mir den Sammelband aufgrund meiner Interessen an kulturhistorischen Sachbüchern und intertextuellen Interpretationen als Rezensionsexemplar anbot, mir vorab nicht sicher war, ob hier thematischen Trends gefolgt wurde oder ob die Autorin eine echte, authentische Stimme mit substantiellen Argumenten besitzt.

Aufgrund der umfassenden sprachlich fundierten Analysen, weitreichenden kulturhistorischen Erkenntnissen und vollständig neuartigen Kontextualisierungen hat der Sammelband mich jedoch in Gänze überzeugt – zum Teil sogar begeistert.


„Die abgetrennte Zunge“ hat mich sehr positiv überrascht und ist meinerseits somit uneingeschränkt an literaturgeschichtlich interessierten Leser:innen und kritisch-analytischen Denker:innen sowie Philosoph:innen zu empfehlen, die sich für Antike Mythen und Legenden interessieren.


Interessierst Du Dich für neue Interpretationen antiker Texte oder findest Du, dass es in dieser Hinsicht auch Themen gibt, die mittlerweile ausdiskutiert sind?

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!



Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Katharina Wesselmann
Autor:in: Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 13.07.2021
Verlag: wbg Theiss
ISBN: 978-3-8062-4342-0


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Mehr zum Thema:

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: Katharina Wesselmann
Katharina Wesselmann / Zeit.de: Metamorphosen der sexuellen Gewalt
Society for Classical Studies: Diversifying Classics in Germany: An Interview with Katharina Wesselmann


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