Edle Wilde und königliche Sklaven. Aphra Behn: „Oroonoko“

Die erste Berufsschriftstellerin Englands, Übersetzerin, Feministin und Spionin Aphra Behn (1640–1689) verfasste Gedichte, Theaterstücke und Romane. Ihre oft burlesken und erotischen Texte, spitze Feder sowie Behns unkonventioneller Lebenswandel wurden oft kritisiert – obwohl die Autorin zu Lebzeiten literarische Beliebtheit genoss.

Inwiefern ist Behns Hauptwerk „Oroonoko“ als progressiv und inwiefern bedenklich zu interpretieren – und warum gilt Behns Stimme weiterhin als einzigartig?


© Unionsverlag

Aphra Behn nimmt bereits aufgrund ihrer Rolle als erste öffentlich auftretende Berufsschriftstellerin Englands eine einmalige Position in der Literaturgeschichte ein.

Darüber hinaus – obwohl dies genauso als logische Konsequenz gesehen werden kann – spielte Behns Werk eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung des neuzeitlichen Romans.

Dennoch wurde die Autorin im 18. und 19. Jahrhundert weitestgehend abgelehnt und ihre Stücke verschwanden von den Bühnen.

Von Literaturwissenschaftler:innen und in Lexika wurde Behn ebenso kaum berücksichtigt und geriet auf diese Weise in Vergessenheit.

Die Behn-Forschung erfuhr erst ab den 1980er Jahren mit Veröffentlichungen von Maureen Duffy (The Passionate Sheperdess) und Angeline Goreau (Reconstructing Aphra) einen Aufschwung.


Behns Werke sind im deutschsprachigen Raum mittlerweile ebenso als Neuentdeckung einer vergessenen Autorin bekannt: sowohl im Culturbooks Verlag als auch im Unionsverlag, und vor allem als Gesamtausgabe im Aviva Verlag sind ihre Texte erschienen.

Virginia Woolf nahm sich Behn und ihrer Bedeutung für die feministische Literaturgeschichte besonders an. Den Umschlag der von mir gelesenen Auflage von „Oroonoko“ schmückt ein Zitat von Woolf, mit deren Huldigung die Wiederentdeckung von Behn eingeleitet wurde:


Alle Frauen müssten gemeinsam Blumen auf Aphra Behns
Grab streuen…, denn sie war es, die ihnen zuerst das Recht
errang zu sagen, was sie denken.“(Buchumschlag)


„Oroonoko“, eher Erzählung als Roman, ist sowohl eine tragische Liebesgeschichte als auch eine klare Stellungnahme Behns zu mehreren gesellschaftskritischen Brennpunkten ihrer Zeit.


Die Geschichte handelt vorrangig von der tragischen Liebe zwischen Oroonoko, dem wunderschönen, edlen und hochgebildeten Prinzen von Coramantien (das heutige Ghana), und der ebenso ästhetisch umwerfenden und tugendhaften Generalstochter Imoinda.

Im erzählerischen Hintergrund dieses märchenhaft wie aus tausend und einer Nacht in Afrika verfassten Romans erklingen so zahlreiche Bedenklichkeiten, dass die große Liebesgeschichte, so spannend sie sich auch liest, zum Ende der Handlung erstmal vollständig im Hintergrund liegen bleibt.


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Aufgrund der Erscheinungszeit im 17. Jahrhundert und der gesellschaftlichen Position der Autorin als weibliche Schriftstellerin – als Wegbereiterin kann ihre Arbeit nie leicht gewesen sein, obgleich Behn stets ihre Rechte zu verteidigen und ihre Freiheit zu genießen wusste – ergibt die Gestaltung und Werbung als Liebesgeschichte sehr viel Sinn.


Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte leichtsinnig, gar naiv zu sein, da wenig Figurentechnisches bezüglich einer psychologischen Entwicklung dargeboten wird. Sowohl Oroonoko – so edel, klug und hübsch er auch ist – als auch Imoinda sind typisierte Charaktere ohne eigene psychologische Tiefe.

Ein Prinz verliebt sich also; er muss um seine Geliebte kämpfen, verliert sie mehrmals an mächtigere Instanzen und muss sein eigenes Leben verteidigen. Auf ein unverhofftes Wiedersehen folgt ein – argumentativ – inhaltlich tragisches und moralisch triumphierendes Ende.


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Die Handlung erscheint an vielen Stellen vereinfacht – in diesem Sinne könnte man die Geschichte an dieser Stelle als unüberlegt, zu linear und oberflächlich abtun.

Richtet man jedoch den Blick über die immanente Handlungsebene hinaus, fallen sofort kritische Aspekte in der Geschichte auf, die Behn angesprochen und ausgeführt hat.


Behn leistet mit „Oroonoko“ anthropologische Arbeit, indem sie den Lokalkolorit, die Bräuche, soziale und wirtschaftliche Hierarchien, Rituale und Tabus ausführt. Es entsteht ein (zumindest scheinbar) authentisches Bild über die Gesellschaft und die Menschen, die Oroonoko umgeben und Einfluss auf ihn ausüben, auf die Konventionen, denen er Folge zu leisten hat; auf das gnadenlose Patriarchat seines Landes.


Als er daher seine ersten Komplimente gemacht
und ihr einhundertfünfzig Sklaven in Fesseln geschenkt hatte,

sagte er ihr mit seinen Augen,
dass er nicht unempfindlich sei für ihre Reize […]
.“(24)


Behn reiht sich erzählerisch in die Traditionen ihrer Zeitgenossen ein, indem sie immer wieder die unmittelbare Teilnahme am Geschehen betont und beteuert, es handele sich um eine wahre Geschichte.


Diese Stilisierung des Erzählers mag für modernere Leser:innen befremdend wirken, jedoch tritt die Erzählerin (wie dies bei manch anderem Werk aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert vorkommt) nie aus den Schranken ihrer Handlung, um Lesende direkt anzusprechen und damit den Lesefluss zu unterbrechen. Insofern ist diese für Behns Lebzeiten handelsübliche Erzählart aushaltbar – wenngleich aus meiner Sicht bei Weitem nicht ideal.

Überdies fällt die Knappheit dieses hundertseitigen Textes auf, da er als Roman tituliert und bezeichnet wird. Dies wäre zumindest für zeitgenössische Verhältnisse ambitioniert: aufgrund mehrerer Aspekte sollte „Oroonoko“ eher als Erzählung, höchstens als Kurzroman gelten.


Reflektiert man weiter über die inhaltliche Komplexität, fällt auf, dass die Autorin weit über Typen und Tropen hinausblickt, indem sie ihren Helden schwerste Lasten und Umstände zuteilwerden lässt. Der interpretativen Komplexität trägt bei, dass viele Figuren sich lauthals über die ihnen zukommende Ungerechtigkeit ärgern, dabei die eigene moralische Ambivalenz nie in Frage stellen.

Die moralphilosophische, soziokulturelle und kolonialkritische Substanz von „Oroonoko“, jenseits des sofort erkennbaren plakativen Seite dieses Textes, ist also zweifelsohne in erheblichen Mengen auffindbar– man muss sie lediglich ersuchen.

Manchmal an den einfachsten Stellen der Geschichte. Und man fängt danach selbst an Fragen zu stellen, wie: wann war Oroonoko eigentlich de facto ein Sklave – am Hof seines Großvaters oder auf der britischen Plantage in Cornwall? Finden sich Vergleichspunkte zwischen europäischen und westafrikanischen Gesellschaften?

Wem gebührt die moralische Oberhand, wenn alle Figuren Mörder sind?


Dennoch wäre dieser Roman bei weitem nicht so aussagekräftig ohne den hervorragend gewählten Anhang von mehreren Essays über Aphra Behn und „Oroonoko“.

Eine unverzeihliche Entscheidung wurde im Vorwort getroffen: die gesamte Erzählung samt Ausgang wird darin geschildert. Wer also nicht direkt erfahren möchte, wer Oroonoko ist und was genau mit ihm und seiner Geliebten zum Schluss des Romans geschieht, der sollte zuerst die Geschichte selbst lesen.


In Anbetracht der restlichen Anlagen der Ausgabe erscheint dieser Punkt jedoch weniger von Belang. Gar die Spoiler erscheinen als sinnvoll, da die Haupthandlung der Geschichte, je mehr man sie analysiert, als zweitrangig entpuppt wird.

Die dem Roman angehängten Essays über die Biografie der Autorin, eine detailreiche Obduktion der Authentizität nicht nur von „Oroonoko“, sondern der Lebensgeschichte der Autorin und zu guter Letzt eine gendertheoretische Auseinandersetzung mit kulturhistorischen sowie inhaltlichen Diskrepanzen im Roman sind wahrhaft erhellend und bilden gemeinsam einen überaus gehaltvollen Rahmen, der den Roman hervorragend ergänzt.

Wenn ich „Oroonoko“ also nochmal von vorne beginnen könnte, würde ich mit dem Essay von Laura Brown beginnen, danach die Lektüre des Romans und zuletzt Vorwort sowie restliches Ergänzungsmaterial vornehmen.


Trotz einer argumentativ geringen Unbeholfenheit bei der Zusammenstellung der Einzelteile dieser Ausgabe ist gerade die Kombination von Roman, Essays und biografischen Anmerkungen für an Aphra Behn interessierte Lesende als guter Einstieg zu empfehlen.

Wer den persönlichkeitsstarken Zauber ihrer Erzählerstimme erkennt und schätzt, kann als nächstes zur Gesamtausgabe greifen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Oroonoko
Autor:in: Aphra Behn, Vita Sackville-West
Übs.:in: Susanne Althoetmar-Smarczyk, Susanne Höbel

256 Seiten | 24,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 17.1.2022
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00582-2

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  1. Liebe Sandra, Dankeschön für deine umfassende Rezension von „Oroonoko“. Wie du ja weißt, habe ich mit Spannung darauf gewartet. Obwohl ich zeitnah noch dazu komme, dieses Werk von Aphra Behn zu lesen, wird es fest auf meiner Wunschliste stehen. Denn aufgrund der Essays in dem Buch kann ich mir die Lektüre sehr spannend für mich vorstellen.

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