Von Subalterne zu Siegessymbol. Bernardine Evaristo: „Manifesto. Warum ich niemals aufgebe“

Britische Schriftstellerin, Professorin und Aktivistin Bernardine Evaristo setzt sich in ihren Gedichten, Erzählungen und Romanen in einem persönlichkeitsstarken Stil mit Facetten schwarzer Identitäten auseinander. Für ihren Roman Mädchen, Frau etc. wurde sie als erste schwarze Schriftstellerin 2019 mit dem Bookerpreis ausgezeichnet.

Worin liegt der universalistische Wert von „Manifesto. Warum ich niemals aufgebe“ – obwohl die autobiographischen Reflexionen durch ihre Außergewöhnlichkeit eher herausstechen als sich einzufügen?


© Tropen Verlag

Egal, ob Bernardine Evaristos persönliche Biografie oder künstlerischer Werdegang unter die Lupe genommen werden sollen –

das Leben der Autorin und Professorin ist seit ihrer Jugend und bis dato turbulent, kunterbunt gemischt und emotional intensiv verlaufen.


In der neuen autobiografischen Reflexion „Manifesto. Warum ich niemals aufgebe“ beschreibt Evaristo die Prozesse, Personen, Orte und Lebensetappen, die zu ihrer jetzigen Identität und Position geführt haben.

Das Buch ist in sieben thematische Abschnitte eingeteilt, welche den Umgang mit dem reichlichen Material erheblich erleichtern: Zunächst spricht Evaristo über ihre Kindheit, ihre Familie und ihre Eltern, erst nachher über ihre Karriere im Theater und literarische Prozesse.


Durch einen allgemeinen biografischen und geographischen Rahmen aus den ersten Kapiteln ist es strukturell und systematisch einfacher in die folgenden literarischen Reflexionen einzusteigen – auch, oder gerade – wenn man noch nichts aus der Feder der Autorin gelesen hat.


Meine Zukunft war wenig verheißungsvoll –
ich war dazu bestimmt, als Mensch zweiter Klasse
gesehen zu werden: unterwürfig, minderwertig, marginal,
unerheblich. Eine waschechte Subalterne.“(13)


Beschreibungen aus der Kindheit und Jugend behalten einen düsteren Ton; im Wechsel mit kritischen Analysen über patriarchale Familienstrukturen und einer trotzdem fundamentalen und bleibenden Bewunderung für ihre Eltern schildert Evaristo eine Kindheit mit ambivalenten Eindrücken.

Klar bleibt, dass die Autorin sich als Mädchen stets als Außenseiterin und gehasste Schwarze durch die schulische und nachbarschaftliche Umwelt bewegen musste, ohne außerhalb ihrer Familie Freundschaft und emotionale Unterstützung wahrnehmen zu können.


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Bis sie sich im jungen Erwachsenenalter unter ihresgleichen findet, ihre sexuellen und künstlerischen Vorlieben entdecken und sich als Schauspielerin und Dichterin entfalten kann.

Auch in diesem Lebensabschnitt sticht eine immerwährende Ambivalenz hervor – die Entfaltung der künstlerischen Identität wird durch eine toxische Beziehung verhindert; Türen öffnen sich aufgrund der Hautfarbe nicht.


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Die Titelwahl von Evaristos Autobiografie begründet sich mehrfach, da ihr Leben auf allen (sieben) Ebenen ein durchgängiger Kampf gewesen ist. Auch nach der Verleihung des Bookerpreises bestehen keine plötzlichen Garantien für den Erfolg.

Umso mehr ist es ungemein inspirierend, den Entscheidungen, persönlichen und beruflichen Schlachten und der bewundernswerten Resilienz Evaristos auf den Spuren zu bleiben – und sich darüber zu freuen, wie die Autorin durch ihr Schaffen immer wieder einen eigenen Zufluchtsort finden und zeitgleich neue Türen für die ihr folgenden Generationen öffnen konnte.


Das Schreiben wurde mein Zimmer für mich allein;
es wurde mein ewiges Zuhause.(84)


Für diejenigen, die Evaristos Romane und Gedichte bereits gelesen haben, werden zahlreiche reflexive Passagen zu den einzelnen Werken sicherlich von hohem Interesse sein.

Werke wie Lara, Island of Abraham, Hello Mum und selbstverständlich Mädchen, Frau etc. lässt die Autorin mit sinnierendem Auge nicht nur Revue passieren, sondern bietet je kleinere (oder größere) Informationskrümelchen zur Entwicklung der respektiven Protagonist:innen von Idee bis hin zur Figur, den Quellen für die individuelle Inspiration und Thematik, den oft langwierigen und arbeitsintensiven Entstehungsprozesse – und der persönlichen Bedeutung der einzelnen Werke.


Sogar diejenigen Lesenden, die sich nicht für die außergewöhnliche Person Evaristo interessieren, werden in „Manifesto“ Anekdoten aus der Londoner Kunstszene, Betrachtungen der sozikulturellen Entwicklungen und schwarzer Geschichte Englands, scharfsinnige Beobachtungen zur Geschichte des Feminismus und mitreißende Szenen aus einer unapologetischen, individualistischen Künstlerexistenz finden.

Bernardine Evaristos „Manifesto“ ist eine inspirierende Lebensgeschichte voller kultureller und reflexiver Vielfalt. Ich spreche für dieses Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus – sowohl für diejenigen, die Evaristos Werk bereits kennen und lieben, als auch für diejenigen, die heute zum ersten Mal ihren Namen gelesen haben.


Die Seitenzahlen der zitierten Passagen stammen aus der E-Ausgabe des Buchs.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Manifesto. Warum ich niemals aufgebe
Autor:in: Bernardine Evaristo
Übs.:in: Tanja Handels

256 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 29.01.2022
Verlag: Tropen
ISBN: 978-3-608-50015-8

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