Wenn emotionale Authentizität narrative Klischees überflügelt. Caleb Azumah Nelson: „Freischwimmen“

© Matt Hardy / pexels.com

Britisch-ghanaischer Schriftsteller und Fotograf Caleb Azumah Nelson hat sich mit seinen in diversen Literaturmagazinen erschienenen Kurzgeschichten bereits einen Namen gemacht. Nun sammelt der Debütroman auch auf der internationalen literarischen Landschaft schleunige Anerkennung.

Woher nimmt der Autor bloß den Mut, so unfassbar viele Klischees aufzugreifen – und die Fertigkeit, dennoch ein Höchstmaß an Authentizität zu erreichen?


© Kampa Verlag

„Freischwimmen“ (Open Water, 2021) ist vor allem eine Liebesgeschichte. Der Roman handelt von zwei jungen Menschen, deren Gefühle füreinander in ungünstigen Umständen entstehen und ständigen Herausforderungen die Stirn bieten müssen.

Ebenso sind die Figuren schwarz und gehören der Londoner kreativen Szene an. Nuancen, die den Großteil ihrer Identität und alltäglichen Wahrnehmung ausmachen und die Geschichte als authentisch und fesselnd gestalten – zumindest für diejenigen Leser:innen, die sich von den spezifischen Gedankenwelten schwarzer Kreativer angesprochen fühlen.

Auf den ersten Blick fällt die emotionale Universalität der Erzählung nämlich nicht auf.

Vorab muss berücksichtigt werden, dass diese Geschichte weder einen straffen Spannungsbogen noch eine komplexe Handlungsstruktur besitzt. Sie besteht strukturell aus Impressionen und ist eher eine Collage aus Ausschnitten als kohärente Narrative.

Es geht eben eigentlich nicht darum, was passiert – sondern um die Eindrücke, Reaktionen und Gedanken, die auf der intrinsischen Ebene leben.


Auf den ersten Blick ertappen aufmerksame Leser:innen eine klassische Junge-trifft-Mädchen Story – nur dass gemischte Gefühle und moralische Bedenken für eine kompliziertere Dynamik sorgen, Umstände und Hindernisse die Liebenden auseinanderreißen, sodass die Sehnsucht und die Angst vor dem Verlust diejenigen Räume füllen, die in ähnlichen Erzählungen üblicherweise für Schwärmerei, Idealisierungen und Luftschlösser geöffnet werden.

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Jedoch verleiht gerade dieser emotional gesteuerte Grundton dem Roman eine authentische Aussagekraft, die nicht nur in Worten, sondern in Farben, Klängen und Impulsen weitergegeben wird.

Auch wenn sein Protagonist oft über einen dominanten und notwendigen Rhythmus im Leben eines Menschen und im Schaffen eines Künstlers spricht, ist es nicht weniger die Tätigkeit als Fotograf in Azumah Nelson, der für die gelungene stilistische Umsetzung eine Schlüsselrolle spielt.

Sosehr, dass die auf den ersten Blick ganz eigene Welten bewohnenden Hauptfiguren plötzlich als sehr bedeutend und nachvollziehbar erscheinen:


Wie Baldwin sagt, du denkst, du bist allein damit,
bis du anfängst zu lesen.“(28**)


Die Mischung aus jugendlicher Sicherheit, authentischen Gedanken und zahlreichen thematischen Assoziationen mit bekannten schwarzen Künstler:innen und Autor:innen verleihen Azumah Nelsons Debütroman eine geradezu eklektische Vielschichtigkeit, die man als kaukasische Europäerin gegebenenfalls gar nicht ohne kurzes Glossar in ihrer vollen Pracht schätzen kann.

Zum Glück bin ich (vor allem) Langzeitfan von Kendrick Lamar und habe Zadie Smith gelesen. Die Kontexte fand ich hier schon wichtig. Doch kann man sich auch diese recht schnell aneignen – Nelson bezieht einige Künstler:innen und Musiker:innen ein, deren Werk als Hintergrundlektüre zur Romanlektüre hervorragend geeignet ist.

Zufall?
Anfängerglück?
Das glaube ich kaum.


„Freischwimmen“ vertieft sich ebenso in die emotionale Komplexität der zwei Protagonisten, und thematisiert die Last der Diskriminierung, die BIPoC-Jugendliche täglich tragen müssen. Diese gehört zum unumgehbaren Alltag und fühlt sich keineswegs wie ein in die Narrative hineingekünstelter Farce an – obwohl die gemeinten Episode wenig mit der Erzählung selbst zu tun haben.

Die Angst vor polizeilicher Gewalt gehört für schwarze nun mal in jeden Tagesmoment und meines Erachtens hat Azumah Nelson diese Tatsache gelungen in seine Geschichte eingefügt.

Gewagt hat der Autor sich für die Du-Perspektive entschieden, da er auch seinen Leser:innen ein Freischwimmen in die argumentativ gefährlichen Wellen der persönlichen Erfahrungswelten seiner Figuren bieten möchte.

Ein Text, der direkt zu seinen Leser:innen zu sprechen versucht, läuft sehr oft, zu oft, sogar Gefahr, in seiner Emotionalität überspitzt zu wirken – doch verfasst Azumah Nelson seine Gedanken mit einer Sicherheit und Reflektiertheit, die dieser Gefahr äußerst effizient entgegenwirkt.


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Er halst die ihm innewohnende Gefühlsschwere mit einer entschlossenen Stimme und verbindet diese mit seinem kulturellen Wirkungsfeld – zwischen extrem individualistischen Emotionsmomenten vermittelt er die weit resonierende Wirkung derjenigen Künstler:innen, Musiker:innen und Autor:innen, die für ihn eine tragende Rolle spielen. Diese Bewunderung und Gefühl der Erhabenheit haben etwas vollständig zeitloses und lösen wiederum das Gelesene aus seinem soziokulturellen Rahmen.

Dieses Flattern im Bauch, diese Gelähmtheit und Sprachlosigkeit, die der Protagonist während seiner drei Minuten mit Zadie Smith erlebt, teilt jede:r, der schonmal seine Idole kennenlernte.

Ein wahrhaft beseelter Moment.

Die gleichzeitige Begeisterung und emotionale Offenheit, mit der die Protagonisten sowohl einander als auch allen ihnen bevorstehenden Tücken und Hinterhalten des Lebens begegnen, zeugt von einer emotionalen Intelligenz und einer künstlerischen Integrität zugleich.


Du weißt, dass lieben bedeutet, ein Ganzes zu sein, ein Teil, eine Verbindung, ein Riss, ein Bruch, ein Herz, ein Knochen. Zu bluten und zu heilen.“(97**)


Zu guter Letzt besitzt auch das Konzept von Liebe, welches Azumah Nelson hier ausgearbeitet hat, keinerlei Neuwert. Die Idee der furchtlosen Begegnung mit Angst, Verlust und Verrat ist allerdings ebenso zeitlos wie die Werke, Texte und Lieder, die der Autor seinen Leser:innen als zusätzlichen Resonanzboden bietet.

Gegebenenfalls hat der Mann auch einfach nur einen sehr guten Geschmack. Doch eher möchte ich glauben, dass hier ein bemerkenswertes literarisches Phänomen vorliegt.

Die offensichtlich gründlich durchdachte, feinfühlige Wassermetaphorik unterstützt meinen Optimismus ebenso tatkräftig.


Für diejenigen Leser:innen, die sich für reichhaltige Gefühlswelten, intensive intrinsische Auseinandersetzungen und klangstarke Beschreibungen im impressionistischen Stil interessieren, liegt hier eine ganz klare Leseempfehlung vor.

Denjenigen unter euch, die Tatsachen, informative Ausführungen und Handlungsstarke Texte bevorzugen, möchte ich dennoch die Leseprobe nahelegen – denn der Stil dieses Romans, ihre kulturelle und künstlerische Erudition, furchtlose Blöße und inspirierender Mut, im Leben immer wieder tiefe Wasser zu erproben; sind unglaublich inspirierend.


Welches Debüt hat Dich in diesem Jahr beeindruckt und Spuren hinterlassen?

Auf Deine Gedanken zum Thema freue ich mich sehr!


Hier geht’s zur Leseprobe.

(Link zu bücher.de, da keine Leseprobe auf der Verlagsseite auffindbar war).
** Zitate aus der E-Buch-Ausgabe (146 S., © Kampa Verlag 2021).

Bibliografie:

Titel: Freischwimmen (Open Water)
Autor:in: Caleb Azumah Nelson
Übs.:in: Nicolai von Schweder-Schreiner
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 29.07.2021
Verlag: Kampa
ISBN: 978 3 311 10076 8


Titel
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Mehr zum Thema:

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The Guardian: An exciting, ambitious debut
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