Die blutende Libido entstellter Weiblichkeit. Leïla Slimani: „All das zu verlieren“

© Thiago Matos / pexels.com

Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gehört zu den wichtigsten Stimmen europäischer Gegenwartsliteratur. Ihre Romane und Essays sprengen konventionelle Denkmuster und trauen sich mit analytischem Blick in die von der Öffentlichkeit unberührten Ecken der weiblichen Psyche.

Slimanis Roman „All das zu verlieren“ schneidet auf emotionaler Bahn tief unter die Haut und entblößt die enorme Gewalt einer bodenlosen Begierde, die sich in zerstörerische Sucht verwandelt.


© Penguin Random House

Adéle ist nicht nur die über alles geliebte Ehefrau eines erfolgreichen Gastroenterologen und Mutter eines liebreizenden kleinen Jungen. Sie sieht zudem hervorragend aus und übt als Journalistin einen kreativen und abenteuerlichen Beruf aus.

Auch wenn Adéle innerhalb dieser erfüllten Lebensskizze nur Vorteile genießen und sich glücklich schätzen sollte, sehnt die junge Schönheit sich ausschließlich danach, von fremden Männern begehrt und besessen zu werden. Nichts anderes kann die Leere füllen und die Angst beseitigen, die sie ständig empfindet.


Dies bedeutet nicht, dass Adéle ihren Ehepartner und ihren kleinen Sohn nicht lieben, ehren und schätzen würde.

Doch weder ihr berufliches noch ihr eheliches Leben erfüllen die Protagonistin. Schmerzen, Kontrollverlust, Freiheit und Qualen sind diejenigen Impulse, von denen die Protagonistin zehrt.

Konventionelle Glücksgefühle scheint sie gar nicht imstande zu sein, zu empfinden – traditionelle soziale Situationen bringen sie lediglich dazu, ihre Mitmenschen blasiert von oben hinabzubetrachten und über die Genitalien der gegenübersitzenden oder nächsten Person zu fantasieren.


Sie will nur das Objekt inmitten einer Meute sein.
Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen werden.“(10)


Adéle möchte Gefühle in einer rein sexuellen Form erleben und über sich ergehen lassen – auf eigener Haut müssen die Spuren ihrer Exzesse hinterlassen werden. Alles, was darüber hinaus geht, reizt die junge Frau nicht im Geringsten.

Obwohl sie täglich versucht, sich von ihrer Begierde zu lösen, eine liebevolle Mutter und loyale Ehefrau zu werden, gibt die Protagonistin sich mehr und mehr der dunklen Seite ihres Wesens hin.

Bis die Situation lebensgefährlich wird.

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Adéle wird zunehmend von einer lähmenden Angst erfüllt, alles ihr Gehörende zu verlieren – und zeitgleich zehrt die Sehnsucht nach absoluter Freiheit ebenso weiter an ihr.


Das Kind im Arm, steht sie auf und geht in die Küche.
Sie ist euphorisch, wie Betrüger es sind, die man noch nicht entlarvt hat.
Voller Dankbarkeit, geliebt zu werden, und starr vor Angst
bei der Vorstellung, all das zu verlieren.“(55)


Obwohl Slimani die psychologische Auffassung ihrer Protagonistin weder sachlich analysiert noch zu irgendeiner Stelle in der Erzählung eine auktoriale Perspektive einnimmt, wird die vollständige Selbstzerstörung der Protagonistin nach und nach deutlicher und detailreicher dargestellt – sodass Leser:innen nach und nach mit Entsetzen erfüllt werden.


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Während Adéle sich wünscht, als passive Teilnehmerin „eine Puppe im Garten eines Ungeheuers“ (10) zu sein, merkt sie nicht, dass ihre eigene Psyche diesen Garten bereits um sie herum erbaut hat. Ihr Libido und ihre Sucht haben für sie gemeinsam ein inneres Labyrinth aufgebaut, das ihr den Blick versperrt und das Atmen verbietet.

Im Grunde genommen ist Adéle also selbst das Ungeheuer geworden, dem sie sich unterwerfen möchte.


Die lieblose Erziehung der Mutter und der emotionale Missbrauch derselben scheinen die Protagonistin im frühen Alter von ihrer Wertlosigkeit überzeugt zu haben – sodass sie bei diversen Männern nach Anerkennung und Zuneigung suchte:


Die Männer haben sie aus der Kindheit befreit.
Sie haben sie aus diesem schlammigen Alter herausgeholt,
und sie hat ihre kindliche Passivität
gegen die Sinnlichkeit einer Geisha eingetauscht.“(130)


Obwohl die konventionelle Ehe neben dem libidinösen Doppelleben ebenso eingegangen wurde, empfindet Adéle ersteres als wirklich wertvoll, denn für ihren Ehemann ist die bereit, ihr Verlangen, ihre Sehnsucht nach intensiven sexuellen Erlebnissen und ihre Abenteuerlust vollständig aufzugeben.

Theoretisch.

Sicherlich erscheint eine Position an der Spitze einer gesellschaftlich bewunderten Familientrias erstrebenswerter als Rolle der illusionären Femme Fatale, die eigentlich nur unter tiefen psychopathologischen Wunden leidet und diese nicht anders zu bearbeiten weiß als durch orgiastische und exhibitionistische Eskapaden.

Doch was bleibt noch von den eigenen Wünschen und Vorstellungen dieses Individuums übrig, als die Scheinidylle ihre finale Stufe erreicht?

War Adéle nicht schon immer nur eine Hülle?

Was sagt dies über die Utopie der Freiheit einer weiblichen Libido aus – auch wenn ihre Geschichte ein Extremzustand bleibt, oder gerade weil dies so ist? Macht dies sie nicht geradezu zur Symbolfigur?

Hier stehen Psyche und Libido nebeneinander und wachen wie Skylla und Charybdis über den Verfall einer ruinösen Frau.


Adéles Stimme verstummt endgültig, denn der Ausklang des Romans gehört ihrem Ehemann – dessen wahnhafte Überzeugung ihres gemeinsamen, glücklichen Endes offensichtlich eine vollständige Illusion bleibt.


Was für ein unglaublich verstörender, zeitgleich so wichtiger Text über das ewige Dilemma einer weiblichen Existenz. Slimanis Werk ist immer ungemütlich und roh, umso mehr sind die Figurenportraits authentisch, in ihren Krisen und auf den psychologischen Achterbahnen ihrer Existenz hundertprozentig lesenswert.

Meinerseits eine uneingeschränkte Leseempfehlung – jedoch eine Lektüre, die Courage und psychologisches Aushaltevermögen voraussetzt.


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Hier geht’s zur Leseprobe (22 S.).

(Der Ausschnitt stammt aus der Hardcover-Ausgabe – ursprünglich erschienen im Luchterhand Verlag, ebenso in der Penguin Random House Gruppe.)

Bibliografie:

Titel: All das zu verlieren
Autor:in: Leïla Slimani
Übs.:in: Amelie Thoma
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 11.01.2021 (Tb)
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-71969-3


All das zu verlieren
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