Im egozentrischen Museum. Leïla Slimani: „Der Duft der Blumen bei Nacht“

Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gehört zu den wichtigsten Stimmen europäischer Gegenwartsliteratur. Ihre Romane und Essays sprengen Tabus, dekonstruieren konventionelle Denkmuster und trauen sich mit analytischem Blick in die von der Öffentlichkeit unberührten Ecken der weiblichen Psyche.

Welche reflexiven Offenbarungen erlebt die Autorin in dieser einzigartigen Nacht in Venedig – und wo reiht sich der schlanke Roman „Der Duft der Blumen bei Nacht“ im Gesamtwerk der Autorin ein?


© Luchterhand

Leïla Slimani untersucht und analysiert in ihren Romanen und Essays die dunkelsten Ecken der weiblichen Psyche.

Die Autorin geht Ideen wie Tabus, Grenzen oder Stigmen –

sowie Emotionen wie Angst und Scham auf den Grund, die an den Bedeutungs- und Entwicklungsraum des konventionell Weiblichen gekoppelt sind –

und scheut in ihren literarischen Texten nicht vor eigener Gefahr zurück.

Slimanis neuer Roman webt ihre bisherigen Geschichten und deren Protagonistinnen in die Jugend der Autorin selbst ein;

fädelt Fragmente aus ihrer Kindheit auf die Schnur des Gesamtwerks –

und fasst die persönlich gefärbten Aspekte der Geschichte in einen eleganten kulturhistorischen Rahmen entlang der Ausstellungen des Museums Punta della Dogana in Venedig.


Dort verbringt Slimani in diesem Roman nämlich eine einsame Nacht – vorrangig, um die Figuren ihrer derzeit entstehenden Romantrilogie „Das Land der Anderen“ zu suchen, die sie derzeit verlassen haben sollen.

An diesem geschlossenen Ort der Ruhe hofft Slimani, sie wiederzufinden.

Was ihr schließlich begegnen, sind allerdings Stücke ihres tiefsten Selbst, die sich – ganz im Sinne des Erzählortes – zu einer spannenden intrinsischen Ausstellung zusammenfügen.


Es war nicht das Museum, das mich überzeugte. […]
Nein, das […] war die Vorstellung […] [d]ass niemand zu mir

gelangen kann und das Draußen für mich unerreichbar ist.(20f.)


Inspiriert von Zitaten und Gedanken großer Literaten wie Leo Tolstoi, Milan Kundera oder James Baldwin begibt Slimani sich auf neue schöpferische Pfade – die zu Beginn der Museumsnacht noch nirgendwohin zu führen scheinen.


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Die vor ihr stehende Angst, den Text endgültig zu verlieren, gleicht der Furcht, den Text sich ganz übermannen zu lassen. Getragen wird die Autorin dennoch von einer Sehnsucht nach dem Selbstverlust – in ihrer Gegenwart vor der Fahrt zum Museum sinniert sie noch über die Philosophie des Schaffens und des Leidens:


Schreiben ist Disziplin. Es ist Verzicht auf Glück,
auf die alltäglichen Freuden. […] Man muss, im Gegenteil,
sein Leid kultivieren, wie Laboranten
Bakterien in Reagenzgläsern kultivieren.“(14)

Schließlich fügt die Autorin sich in Gänze der allumfassenden Macht des Schreibens
– und unterwirft sich dem Roman als einen


„[…] Tumor, der sich in uns ausbreitet, der die Kontrolle über
jede Faser unseres Seins übernimmt und von dem wir nur
geheilt werden können, indem wir uns ihm ausliefern.(46)


Bereits in der Beziehung zwischen Autorin, Text und Rezeption werden von Anbeginn der Handlung Dichotomien von Beklemmung und Befreiung; von enormer Angst und vollständiger Selbstüberwindung errichtet.

Faszinierend ist es zu beobachten, wie Slimani als Erzählerin sich ihrer Angst stellt, indem sie für ihre Leser:innen eine transparente Position einnimmt.


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In Venedig angetroffen, bewegt Slimani sich zunächst auf den Straßen der Stadt und hebt aufgrund der dortigen Beobachtungen ihre eigene paradoxale Position zwischen einer touristischen Fremdheitserfahrung und des migrantischen Daseins hervor:

im ersten Fall ist sie stets auf der Suche nach absolut authentischen Neuerfahrungen, jedoch immer auf bewährten Pfaden und in Begleitung von Lonely Planet unterwegs – wie die meisten Touristen; im zweiten Fall ist sie zwar gefühlt in Paris zu Hause angekommen, verbleibt dennoch zum Teil immer und überall in einer schwebenden Position als Fremdkörper.


Man fragt mich nach meinem Ursprungsland,
und manchmal antworte ich, dass ich, da ich weder
ein Stück Fleisch noch eine Flasche Wein bin,
kein Ursprungsland habe, sondern eine Nationalität,
eine Geschichte, eine Kindheit.“(139f.)


Im Museum angekommen, sinniert Slimani in gehaltvollen Gedankengängen über die ausgestellten Künstler:innen, die Aussagen und Wechselwirkungen in ihren Werken; über ihre eigene Beziehung zur Kunst und die tief verwurzelte Ehrfurcht vor Ausstellungen in Museen im Allgemeinen.

Den Titel an den Inhalt bindend finden sich weitere Reflexionen, die Slimanis eigener Person immer tiefer auf den Grund gehen und die Geschichte zu ihrem Erzählwerk koppeln: sie schreibt über die Freiheit einer Frau, die eigene Jugend als Beispiel nehmend.


So begegnen wir einer jungen Slimani, die wie so viele andere Mädchen* während ihrer Jugend in die heimischen vier Wände eingesperrt und mit Angst und Regeln dort gehalten wurde, während Jungen* stets ihre Freiheit genießen durften.

Als Gegenbild finden sich im Museum nachts blühende, intensiv duftende Blumen, die als Ausstellungsstück nur nachts beleuchtet und sichtbar werden – vergleichsweise beschreibt Slimani die graduelle Rebellion und Enthüllung ihres wahren Ichs zum Einbruch der Dunkelheit.


Slimanis Roman ist kurz und bündig, organisch und fließend, angenehm und leicht zu konsumieren. Ihre Ausdrucksweisen sind direkt, ihre Gedanken transparent.

Zeitgleich ist der Text so unglaublich dicht an Zitaten, Intertextualitäten, Querverweisen, kulturhistorischen und kunsthistorischen Kleinigkeiten, dass man ihn in einem Atem gefühlt gar nicht wahrnehmen kann. Es wäre bei der zweiten Lektüre nochmal ein ganz neuer Roman zu entdecken.

Slimanis Kontextualisierungen und Referenzen sind so gekonnt aneinandergebunden und ihre Färbungen so harmonisierend, dass die enorme Referenzdichte im alle Sinne streichelnden erzählerischen Kanon geradezu verloren geht.


Ausnahmslos jede:r Leser:in wird in der Lage sein, diesen Text zu verstehen, zu verfolgen und für sehr gut zu befinden. Ihn jedoch tatsächlich zu greifen und festzuhalten bedarf einer innigen, gemächlichen, aufmerksamen Lektüre.

So schön, so ästhetisch, so sinnlich-sachlich er auf den ersten Blick erscheint – umso mehr Ebenen, Nuancen, Tiefen und Resonanzräume offenbaren sich bei der Reflexion eines jeden einzelnen Satzes.

Die auf den ersten Atem genannten Personen, deren Gedankengut sich in Slimanis Reflexionen wiederfindet, sollen ein grobes Bild dessen skizzieren: Salman Rushdie, Tschaikowski, Etel Adnan, Marilyn Monroe, Rilke, Virginie Despentes, Rousseau, Milan Kundera, Paul Auster – um nur einige zu nennen.


„Der Duft der Blumen bei Nacht“ ist mit Abstand der schönste, beseelteste, malerischste Stern im Himmel Slimanis bisherigem literarischem Schaffen. Um an diesem Höhepunkt jedoch die volle Aussicht genießen zu können, muss mindestens einer ihrer Romane vorab gelesen werden.

Um wirklich zum vollen Genuss der größtmöglichen Menge genannter Assoziationen, Kontexte, Querverweise und Erwähnungen zu kommen, empfehle ich zunächst die Lektüre eines ihrer früheren Werke („Dann schlaf auch du“ oder „All das zu verlieren„) – da die Autorin im neuen Buch zwar meistens mit sich und den Lesenden, doch oft genug mit und von ihren bekannten Figuren spricht.

Mit diesem Addendum vergebe ich für den neuesten Roman von Leïla Slimani eine dringende Leseempfehlung – bestenfalls direkt als Tandemlektüre, denn diese Autorin kennenzulernen lohnt sich.


Fun Fact: „Der duftende Garten“ ist ein arabisches Liebeshandbuch aus dem 15. Jahrhundert, das aufgrund seiner erotischen Geschichten und freizügigen Behandlung menschlicher Sexualität schon im 19. Jahrhundert auf großes Interesse in Europa stieß. (Wiki) Die semantische Annäherung an Slimanis Reflexionen zu Frauen als Blumen, die ihr wahres Gesicht nur bei Nacht zeigen, mag allerdings vollständig unverwandt sein.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Der Duft der Blumen bei Nacht
Autor:in: Leïla Slimani
Übs.:in: Amelie Thoma

160 S. | 20,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 28.02.2022
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87687-0

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