Anthropologische Schatzkiste. Zora Neale Hurston: „Barracoon“

US-Amerikanische Autorin und Anthropologin Zora Neale Hurston (1891–1960) ist eine der wichtigsten afroamerikanischen Autorinnen des vergangenen Jahrhunderts und gehörte zu den führenden Figuren der Harlem Renaissance. Aus Hurstons Feder sind sowohl Belletristik als auch Forschungsliteratur erschienen.

„Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven“ ist ein multifacettierter Repräsentant aus Hurstons literarischem Gesamtwerk: das Buch vereint historischen Bericht und Erzählung mittels einer Mischung aus forschenden, erzählenden und essayistischen Teilen.


© Penguin Random House

Zora Neale Hurston ist sowohl als Autorin als auch als Forscherin für ihren Einsatz beim Sammeln und Verbreiten afroamerikanischer Folklore bekannt und renommiert.

Auch in ihren belletristischen Werken geht Hurston vorrangig Schwerpunkten aus afroamerikanischer und schwarzer Historie auf den Grund.

„Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven“ beschäftigt sich mit den Kontexten, Ereignissen und Nachwirkungen des transatlantischen Sklavenhandels.

Hurston erzählt die wahre Geschichte von Oluale Kossola, auch Cudjo Lewis genannt, der 1860 auf dem letzten Sklavenschiff nach Nordamerika verschleppt wurde.

Das Buch kann sowohl als Belletristik als auch als Sachbuch kategorisiert werden, da es aus einer Sammlung von ergänzenden Materialien besteht und die Erzählung von Cudjo selbst nur ungefähr hundert Seiten in Anspruch nimmt.

Zu Beginn der Lektüre mag das ein wenig unübersichtlich wirken – allerdings setzt sich das Puzzle aus Informationen und Geschichten am Ende des Buchs gekonnt zusammen.


Hurstons Manuskript ist ein historisches Dokument
von unschätzbarem Wert […].“(23)


Die Lebensgeschichte von Cudjo steht sowohl kompositorisch als auch inhaltlich im Mittelpunkt. Hurston berichtet über ihre Besuche bei dem Mann und erlaubt den von ihm erzählten Passagen, die Leserschaft direkt zu erreichen. Dies verleiht dem Buch bereits sprachlich eine ganz besondere Aura, da Cudjos Stimme authentisch und unmittelbar zur Leserschaft gelangt.


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Obwohl Cudjos selbst geschilderte Lebensgeschichte den Hauptteil des Buchs ausmacht, sind die hinzugefügten – teils ebenso direkt von ihm erzählten – Märchen, Memoiren, Beschreibungen von Bräuchen oder Kinderspielen genauso faszinierend und informativ.

Hurston hat die inhaltliche Entscheidung getroffen, die mit der Geschichte des Sklavenhandels verbundenen Teile der Biografie in ein eigenes, andere Aspekte der Biografie in ein anderes – jeweils in sich kohärentes – Kapitel zu verwandeln.

Insofern ist es für Leser:innen durchaus möglich, nur über Cudjos Lebensgeschichte zu lesen: der Mann beschreibt seine Jugend und die familiären Verhältnisse in Westafrika, die Fahrt auf dem Sklavenschiff in die USA, die Behandlung als Sklaven und den Nachhall sowie den Werdegang nach der Befreiung.


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Allerdings hat Hurston in folgenden Kapiteln eben noch zusätzliche Fragmente hinzugefügt, die eine bunte kulturhistorische Landschaft bilden und näher über die westafrikanische Kultur berichten.


Gleichwertige Besonderheiten sind allerdings auch aus Cudjos Biografie zu erfahren; im Ton und Stil unterscheiden sich die Kapitel aufgrund der authentisch niedergeschriebenen Erzählerstimme nicht.

Man merkt lediglich durchgehend die offensichtlich anthropologische Fokussierung von Hurston – was auch die Lektüre des als belletristisch zuzuordnenden Teils zu einem gehaltvollen Studium verwandeln mag.

Beispielsweise erfahren Leser:innen bereits in der Lebensgeschichte von Cudjo mehr über westafrikanische Beerdigungsriten:


Sie graben den Lehmboden auf und legen ihn hinein.
In Afrikaland sagen wir: >wir leben mit dir, wenn du lebendig bist,
wieso sollen wir nicht mit dir leben, wenn du tot bist?<
Darum, nicht wahr, begraben sie einen Mann in seinem Haus
.“(69)


„Barracoon“ hat sowohl für Lesende mit wissenschaftlichen Schwerpunkten als auch belletristisch Interessierte etwas zu bieten.

Die erzählenden Teile werden zunächst mit mehreren einleitenden Kapiteln zur Entstehungsgeschichte und Autorin vorbereitet; im Anschluss zu den erzählenden Kapiteln wurde Wissenswertes zudem in einem Glossar ergänzt.

Nach der Lebensgeschichte und den ergänzenden Berichten von Cudjo wurden der Übersetzung ein originalsprachliches Kapitel; sodass es möglich ist, auch in dieser Ausgaben einen unmittelbaren Hauch von Cudjo zu erleben. Gerade diese Entscheidung empfand ich als besonders geglückt.


Das Buch ist ein gehaltvolles Sammelsurium aus kulturhistorischen, anthropologischen und erzählerischen Fragmenten; ein authentischer Bericht über ein herzzerreißendes Menschenschicksal.

Für Fans authentischer Biografien und schwarzer Geschichte sowie alle berufs- und hobby-Anthropolog:innen spreche ich an dieser Stelle eine Leseempfehlung aus.

Wer sich näher für Hurstons belletristisches Werk interessiert, findet hier in Lailas Buchblog eine gehaltvolle Besprechung zum 1937 erschienenen Roman „Their Eyes Were Watching God“ – einem absoluten Klassiker Schwarzer feministischer Literatur, den wir gemeinsam gelesen haben und den ich ebenfalls wärmstens empfehle.

Hier geht’s zur Leseprobe für „Barracoon“.

Bibliografie:

Titel: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven
Autor:in: Zora Neale Hurston
Übs.:in: Hans-Ulrich Möhring

224 Seiten | 20,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 24.02.2020
Verlag: Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60130-2

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Mehr literarische Abenteuer:

Zu den Sternen und zurück. Galsan Tschinag: „Kennst du das Land. Leipziger Lehrjahre“
Der neue American Gangster. Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“

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