Der neue American Gangster. Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“

US-Amerikanischer Autor und Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead beschreibt in seinen Romanen Facetten afroamerikanischer Geschichte, die für die Allgemeinheit bisher unentdeckt blieben, und bringt verstörende Wahrzeiten zutage.

Kann der neueste Roman mit seiner unterhaltsamen Ader nur bei einem gezielten Publikum punkten?


© Hanser

Whiteheads Neuling „Harlem Shuffle“ ist einerseits ein authentischer Gangsterroman.

Er berichtet über mehrere Raubüberfälle, durchleuchtet das Berufsleben von Händlern legaler und illegaler Waren, behandelt die Dynamik zwischen kleineren und gewichtigeren Schurken in Harlem und New York – und tut dies in einer wunderbar echten, dieser Welt eigenen Sprache.

„Shuffle“ besitzt nicht nur kompositorische Vielschichtigkeit – der Roman birgt eine psychologische Tiefe in sich.

Vorrangig verfolgt die Geschichte den Werdegang von Ray Carney – Möbelhändler, Familienvater und Ganove im Aufstieg. Carney ist ein Schurke mit Gewissen und Verantwortungsgefühl.

Sympathisch in seiner Klischeehaftigkeit, authentisch in seiner psychologischen Nuanciertheit. Denn obwohl sein eigener Vater in krummen Kreisen einen Status genossen hat, ist Carney zu Beginn der Geschichte entschlossen, sich dem Erbe nicht anzunehmen und ein ehrlicher Familienvater zu bleiben:


Ich bin vielleicht pleite, aber ich bin kein krummer Hund.“(29)


Insofern die Geschichte auf der Handlungsebene immer tiefer in die kriminellen Kreise Harlems einsteigt, ist eine thematische Affinität für die oben erwähnten Aspekte zumindest in geringem Maße notwendig, um sich für diesen Roman zu begeistern.

Carneys psychologische Entwicklung, sein Aufstieg in Harlem und die Spannungen zwischen ihm und seinen Schwiegereltern bleiben zwar präsent, rücken jedoch zunehmend in den Hintergrund, da das Ocean’s-Eleven-hafte dieser Erzählung inhaltlich den ersten Rang einnimmt.

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Dass der Roman ab und an den Blickwinkel an andere Schurken abgibt, verlangt zeitweise einiges an Geduld. Carney ist und bleibt Sympathieträger der Geschichte. Die Komplexität im sich ändernden Tempo, an den variierenden Perspektiven, kann für diejenigen Leser:innen, die einen reinen Raubüberfall-Roman erwartet haben, ebenso befremdend sein. Doch lohnt es sich, auf sämtliche Aspekte von „Shuffle“ einzugehen.


Auf den ersten Blick schießt sich die Handlung mit der endlosen Empathie für Carneys Cousin selbst ins Bein, da dieser bei Weitem nicht so verantwortungsvoll, intelligent, vertrauenswürdig oder loyal ist wie Carney.

Dass die Verwandtschaft ihn in verhängnisvolle Bredouillen, lebensgefährliche Situationen bringt, macht natürlich die halbe Spannung im Roman aus und ist aus figurendynamischer Sicht mehr als verständlich. Dennoch würden sich zahlreiche Leser:innen sicherlich über Freddys vorzeitigen Tod freuen… und das bedeutet hohes emotionales Investment. Der Mann hat es eben drauf.


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Der zweite Star der Geschichte ist Harlem selbst.

Whitehead beschreibt die Straßen, Gebäude, Geräusche und Gerüche im Viertel – dass es als ein lebendiger Akteur in der Erzählung wahrzunehmen ist, steht von Anfang bis Ende fest.


Carney wurde beinahe von zwei Männern ertappt, die unter einer Birke kopulierten,
von einer abgetakelten Hure, die im Morgengrauen nach Freiern Ausschau hielt,
und einem Mann mit einem Priesterkragen, der den Mond verfluchte
und sich überhaupt nicht wie ein Mann Gottes anhörte.“(131)


Mehrere Kritiken zur Übersetzung des Romans habe ich bisher gelesen – allerdings sind mir diese erst nach der Lektüre begegnet. Insofern kann ich nur empfehlen, die Leseprobe zunächst zu studieren und dann selbst zu entscheiden, ob der Stil und der Inhalt von Interesse sind oder nicht. Nachdem ich die Lektüre von „Underground Railroad“ im Original beendet habe, werde ich im entsprechenden Beitrag eine reflektierte Meinung zum Thema äußern.


Die Gefahr, mit einem Klischeethema und Klischeefiguren plakativ zu wirken, hat Whitehead durch kompositorisches Können allerdings erfolgreich umgangen: Seine Erzählung liest sich mit Elan und Spannung, erinnert an Filmklassiker wie „Blow“ oder „American Gangster“.


Es war Mittwochabend, Essen im Kreis der Familie, und beide Seiten von ihm,
die ehrliche und die kriminelle, saßen am Tisch und brachen das Brot.“(340)


Wer sich für diese und ähnliche Filme interessiert und begeistert, wird in „Harlem Shuffle“ ein fulminantes Leseerlebnis vorfinden.

Whitehead-Fans, die frisch von der Lektüre von „Die Nickel Boys“ kommen und ähnliche Erlebnisse suchen, sollten die Leseprobe zu Rate ziehen und im Zweifelsfall den nächsten Bestseller des Pulitzer-Preisträgers abwarten.

Da der Autor gerne von bekannten Schreibpfaden abweicht und sich im Namen der Abwechslung bekannterweise auch in Nischen wie Zombies und Steampunk vertieft, kann auch eine schrägere Überraschung in Arbeit sein.

Welchen Roman von Colson Whitehead sollte man unbedingt gelesen haben?

Auf Deine Gedanken zum Thema freue ich mich sehr.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Harlem Shuffle
Autor:in: Colson Whitehead
Übs.:in: Nikolaus Stingl
Seitenzahl: 383
Erscheinungsdatum: 23.08.2021
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-27090-9

Beitragsbild © Brett Sayles / pexels.com.


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  1. Ich kenne bisher nur „Underground Railroad“ — den Roman fand ich ziemlich beeindruckend (auch wenn er mir stellenweise etwas zu brutal war, was sich bei dem Thema aber wohl kaum vermeiden lässt). „Nickel Boys“ steht auch noch weit oben auf meiner Wunschliste…

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