Kinderseele – entzaubert, verstümmelt. Kayo Mpoyi: „Mai bedeutet Wasser“

Tansanisch-Schwedische Autorin, Künstlerin und Produzentin Kayo Mpoyi erzählt in ihrem Debütroman über die unheimlichen Mythen, die alltäglichen Sorgen und die entsetzlichen Realitäten im Leben einer Diplomatenfamilie in Daressalam, Tansania.

So poetisch und fesselnd wie der Stil, so belastend ist der Inhalt dieser nuancierten Familienmythologie.


© Culturbooks

Die Erzählung über Legenden aus den Leben der Groß- und Urgroßeltern, die zwischen Eltern, Geschwistern und Nachbarn entstehenden Figurendynamiken sowie der herkömmliche Alltag eines kleinen tansanischen Mädchens werden von Mpoyi in einem persönlichkeitsstarken Stil vereint.


Sie reiht Volkslieder, Mythen und Legenden über Geister, Götter und Hexen zusammen, und mischt so Vers und Prosa, die kombinatorisch geradezu einen spirituellen Gesamteindruck erzeugen.


Gott sagt, wie ich werde, ist meine eigene Entscheidung.“(172)


Da der Roman aus der Perspektive eines jungen Mädchens erzählt wird, fallen dem Leserauge schnell dort entsetzliche Begebenheiten auf, wo Adi sich noch in einem Wirrwarr an Eindrücken, Unsicherheiten und Geheimnissen befindet.

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Die streng religiöse Erziehung der jungen Mädchen in der Familie und die vom Vater ausgeübte Gewalt führt unter den Kindern teils zu Angst, teils zu Rebellion.

Ihre älteren Geschwister haben das Elternheim unter kontroversen Umständen verlassen: Kimpa lebt in wilder Ehe, Zo ist homosexuell. Die Beziehungen sind von Spannung getragen, Kritiken und Kundgebungen des konventionell-regressiven Vaters wird täglich zum Abendessen verteilt – denn solche Kinder wie die seinen können nur verflucht sein.

In diesem Klima versuchen die kleine Adi und ihre ältere Schwester Dina sich zu entfalten, während unter Lehrern, Verwandten und Nachbarskindern ein scharfer Blick auf ihren Umgang und ihre weibliche Reinheit geworfen wird.

Denn es gibt angeblich nichts Schlimmeres, als eine „gefallene Frau“ zu werden.


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Als ihre Mutter Adi noch die Sorgepflicht um ihre neue Schwester Mai erteilt, die mit erheblichen gesundheitlichen Problemen geboren wurde, wendet sie sich an Gott persönlich, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden.


Papa schnaubt. Dann greift er mir an den Kopf
und knallt ihn auf die Tischplatte.“ (159)


Obwohl die Töchter einer so strengen Kontrolle unterliegen, bleibt gänzlich unbemerkt, dass ihr Onkel Adi jahrelang missbraucht.

Nur Gott ist immer bei ihr und sieht alles. Ein Zweifel an seinem Entwurf kommt nicht in Frage. Adi bleibt die ewige Zweite, da die vor ihr geborene Schwester mit demselben Namen gestorben ist, und es nun gilt, unter allen Umständen Mai am Leben zu erhalten.


In Mpoyis Debüt geht es weder um Gerechtigkeit noch um bedingungslose Liebe: es geht ums Überleben als Frau in und die Erhaltung von einer von Ideologien und Mythen getragenen Familienstruktur, die nichts dafür tut, um den Erfolg ihrer Kinder in der reellen Welt zu garantieren.

Adis Emanzipation und Traumabewältigung sind unter den gegebenen Bedingungen umso bewundernswerter.


„Mai bedeutet Wasser“ liest sich assoziativ wie eine Zusammenarbeit von Yaa Gyasi und Tove Ditlevsen: emotionale Individualwelten, erzählt in intensiver Sprache, verwoben mit einer die Protagonistin prägenden transzendenten Parallelwelt.

Wer diese zwei Autorinnen bereits kennengelernt und genossen hat, wird hier eine phänomenale Leseerfahrung vorfinden. Nur rate ich, dringend zur Leseprobe zu greifen: der Klappentext des Romans wird dem Inhalt bei Weitem nicht gerecht.

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Bibliografie:

Titel: Mai bedeutet Wasser
Autor:in: Kayo Mpoyi
Übs.:in: Elke Ranzinger.
Seitenzahl: 264
Erscheinungsdatum: 01.09.2021
Verlag: Culturbooks
ISBN: 978-3-95988-154-8

Beitragsbild © Ric Andy / pexels.com.


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Mehr zum Thema:

Dream Africa: 5 Congolese Artists You Need to Know
Norstedts Agency: Autorenseite Kayo Mpoyi (eng.)
Swedish Book Review: Translated Extract


Mehr literarische Abenteuer:

Wenn emotionale Authentizität narrative Klischees überflügelt. Caleb Azumah Nelson: „Freischwimmen“
Literarische Abenteuer. Yaa Gyasi: „Heimkehren“
Literarische Abenteuer. Sharon Dodua Otoo: „Adas Raum“


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