Kaleidoskop der Trauer. Kim Thúy: „Großer Bruder, kleine Schwester“

Vietnamiesisch-Kanadische Autorin, Kritikerin und Moderatorin Kim Thúy wurde mit ihrem Debütroman „Der Klang der Fremde“ erfolgreich und hat seitdem zwei weitere Romane veröffentlicht. Ihre Geschichten über externe und interne Schlachten von Migrant:innen werden aus einer ungewöhnlichen und außergewöhnlichen Perspektive erzählt.

Wird der neue Roman seinem Namen jedoch gerecht?


© Kunstmann Verlag

„Großer Bruder, kleine Schwester“ erzählt die Geschichte von Louis und Emma-Jade, die einander als Kinder in Vietnam und Erwachsene in den Vereinigten Staaten begegnen.

In Fragmenten und Momenten werden die Stationen bis hin zu ihrem unverhofften Wiedersehen als Erwachsene aufgezeigt und in diesem Zusammenhang die Schicksale der aus dem Vietnamkrieg stammenden heimatlosen Kindern US-Amerikanischer Soldaten beschrieben.

Kausalitäten, Zufälle und herausragende Helfer bewirken die Befreiung der Kinder aus einem vom Krieg zertrümmerten Land – die aber auch nicht ohne grausame Verluste erfolgen kann.

Das Buch ist stilistisch umwerfend: die knappen Abschnitte, die als Kapitel fungieren sollen, durchleuchten in wenigen Zeilen die sozioökonomische, körperliche und moralische Erniedrigung, die Vietnam im 20. Jahrhundert zuteil geworden ist.

Die grundsätzlichen Fakten darüber, was 1954 bis 1975 in Vietnam passiert ist, sind allgemein bekannt. Und doch besitzt Thúys Narrative eine tief schneidende Kraft, da sie Individuen, Emotionen und persönliche Trauer in die sachliche Schilderung der elenden Umstände einwebt.


Die von ihrem Chef engagierte Amme übergab das Neugeborene
beim ersten Weinen einem Rikschafahrer, damit Tâm gleich wieder
auf die Bühne der Go-go-Bar zurückkehren konnte […].“(117)


Dass ihre Figuren keine wirklichen Charakterzüge besitzen, sondern Positionen, politische Spieler, soziale Klassen oder historische Begebenheiten repräsentieren, stört bei der Lektüre ebenso nicht.

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Die Geschichte Vietnams ist als historische Schilderung der reinen Fakten bereits für Lesende dritter Hand traumatisch: beispielsweise lernte ich zum ersten Mal über den Einsatz von Herbiziden und die über Generationen weiter getragenen körperlichen Schäden an der gesamten Bevölkerung.

Als zum Anfang der Erzählung in einem kurzen Hauch eines Moments das Lied What a Wonderful World von Louis Armstrong erwähnt wird, und danach Agent Orange ins Spiel kommt, wird das sich leise einschleichende Entsetzen im Laufe dieser knappen Geschichte nur noch größer.

Inhaltlich – oder eher kompositorisch – wäre eine Alternierung in der Reihenfolge der Kapitel zu empfehlen gewesen. Nämlich nimmt die Autorin in ihren kurzen Vorwort vieles von der erzählerischen Spannung weg, die für ein stärkeres klimaktisches Erlebnis hätten dienen können.


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Es erinnert an einen Filmtrailer, wenn Thúy die Prämisse ihres Buchs als unvollständige Geschichten und Wahrheiten aufgreift: nämlich zählt sie kritische Momente und lebensgefährliche Situationen auf, die zum Teil nicht weiter erläutert werden, zum Teil jedoch als Ergänzung der Haupthandlung fungieren sollen.

Ein solcher „Trailer“ musste angesichts der Gesamtintensität nicht vor der Geschichte stehen – wenn die Autorin mittig des Buchs erneut zu Wort kommt, erscheint dieser Eingriff allerdings sinnvoll und organisch.


Ich habe versucht, die Fäden zu verweben, aber sie sind mir entglitten
und blieben lose, vorläufig und frei.“(124)


Das Buch trägt grundsätzlich die Bezeichnung „Roman“, was mir als Typisierung übertrieben scheint. Besteht das Büchlein mit seinen 150 Seiten doch eher aus Fragmenten, Episoden, Momentaufnahmen und Bestandsaufnahmen als ausführlichen Geschichten, Figurenentwicklungen und Handlungslinien.

Trotz der kompositorischen und Gattungsbedingten Bedenken fand ich in „Großer Bruder, kleine Schwester“ eine faszinierende Lektüre vor. Angesichts der Tatsache, dass die Autorin in so minimalistischer Form so aussagestark schreiben kann, ist eine Lektüre ihrer Romane an dieser Stelle geradezu unumgehbar.

Eine definitive Leseempfehlung für Liebhaber:innen kurzer belletristischer Formen.

Welche Romane und Autor:innen zum Themenkomplex Vietnam würdest Du empfehlen?

Auf Deine Gedanken zum Thema freue ich mich sehr.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Großer Bruder, kleine Schwester
Autor:in: Kim Thúy
Übs.:in: Brigitte Große
Seitenzahl: 155
Erscheinungsdatum: 15.09.2021
Verlag: Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-456-1

Beitragsbild © Naeem Mayet / pexels.com.


Großer Bruder
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Mehr zum Thema:

The Globe and Mail: How novelist Kim Thúy focuses on the ‘invisible strength of women’
Literary Review of Canada: Kim Thúy and the burdens of the past
literaturkritik.de: Die unsägliche Schönheit der Erneuerung


Mehr literarische Abenteuer:

Literarische Abenteuer. Julia Phillips: „Das Verschwinden der Erde“
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