Turteln und Tagträumen. Karl Ove Knausgård: „Im Herbst“

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård ist auf der europäischen literarischen Landschaft mit seiner sechsteiligen Autobiografie „Min Kamp“ bekannt geworden. Nicht nur, weil mehrere seiner Verwandten und Familienmitglieder ihn aufgrund der Bekanntmachung von prekären Details verklagt haben – sondern ebenso und vorrangig, weil die Buchreihe eine außergewöhnliche Erzählstimme besitzt und einen polarisierenden Scharfblick auf die Umwelt und den Werdegang des Autors wirft.

Einen vollständig anderen inhaltlichen und stilistischen Weg geht Knausgård in der Jahreszeiten-Reihe: „Im Herbst“ wirft naive, optimistische, kindliche Blicke auf das Leben und die Welt.

Begegnen wir hier einem vollständig anderen Karl Ove – oder ist eine goldene Mitte noch auffindbar?


© Luchterhand

Karl Ove Knausgård hat mit der sechsteiligen Buchreihe „Min Kamp“ einen Präzedenzfall für zeitgenössische Autobiografien geschaffen.

Dies, weil der Autor sowohl mit allen seinen nächsten Familienmitgliedern als auch mit sich selbst gnadenlos umgeht.

In bis ins kleinste Detail gehenden Beschreibungen beschäftigt Knausgård sich nicht nur mit den Erfolgen und Missgeschicken aus Kindheits-, Schul- und Jugendzeiten:

Karl Ove begibt sich beispielsweise bereits in Teil eins in solche unangenehmen Orte, Erinnerungen und Tiefen der Psyche in seiner Kindheit, um die emotionale und körperliche Tyrannei seines Vaters und seine Angst auszuführen, dass die beschriebenen Figuren lebendig werden und regelrecht zum Unbehagen der Lesenden aus den Seiten hervortreten.

Zeitgleich sind die sechs Bände dafür bekannt, Episoden wie den Einkauf von Lebensmitteln und die Zubereitung von Broten und anderen Snacks mit einer unglaublichen Detailgenauigkeit zu beschreiben.


In der Jahreszeiten-Reihe entfernt Knausgård sich von allen beschriebenen Aspekten, die Lesende aus den „Min Kamp“-Büchern sowie aus dem vor Kurzem erschienen Roman „Aus der Welt“ kennen.

„Im Herbst“ besteht aus kurzen analytisch-bewundernden Blicken auf alltägliche Momente, Gegenstände, Phänomene und Ideen. Die als Aphorismen zu bezeichnenden Ausführungen werden chronologisch in Herbstmonate gegliedert und respektive mit monatlichen Briefen an die ungeborene Tochter ausgeführt.

Anscheinend begegnen wir hier einem erwachsenen, emotional erfüllten, glücklichen werdenden Vater, der frisch in seine Tochter verliebt ist, denn von der Furcht, der Skepsis und der Angst vor sich selbst – die den Autor in „Min Kamp“ und „Aus der Welt“ immer wieder in schwarze Löcher fallen und mühevoll rauskrabbeln ließen – sind in „Im Herbst“ keinerlei Spuren mehr vorhanden.

Im innersten Raum dieser Gedankensammlung verbergen sich ein Hauch von Skepsis, eine erhebliche Menge an Scharfsinn und eine ungewöhnliche Perspektive auf Alltagsmomente.

Jedoch muss man sich, um zu dieser Realisierungsebene zu gelangen, zunächst einmal auf die federleicht wirkende, kurzatmige Lektüre einlassen.


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Es verbirgt sich ein ungewöhnlicher und zum Teil unerwarteter Genuss im scheinbar vollständig willkürlichen Müßiggang, der in „Im Herbst“ ausgeführt wird: Knausgård sinniert über Äpfel, Wespen, Benzin, Kirchen, Pisse

Obgleich die Töne und Geräusche, die herrschenden Naturkräfte, menschliche und wilde Ereignisse auf die Jahreszeit abgestimmt sind, ist die Jahreszeit im Grunde das Einzige, was als Zusammenhang zwischen den Kapiteln eingestuft werden kann.


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Sobald man allerdings bereit ist, sich auf die Grübeleien und darüber hinaus die eigens vorgenommene Anschluss-Sinnierung der Gedanken einzulassen, erwarten Lesende unerwartet kreative und emotionale Zusammenhänge zwischen den kleinen Punkten auf dem Horizont, die ganz plötzlich zu einer kohärenten Linie – und zu guter Letzt zu einem klaren (impressionistischen, doch klaren) Bild werden.

„Im Herbst“ wurde, um Knausgårds eigene (von Paul Berf übersetzten) Worte zu benutzen, als Willkommensgruß und Liebesbrief an seine Tochter geschrieben; entwickelte sich durch den Schreibprozess jedoch zum Fernglas, durch welches der Autor sich selbst die Welt neu erklären durfte.

So einen reflexiv-frohlockenden, fröhlich-optimistischen – zum Teil eher an Frühling als an Herbst erinnernden – Neustart hätten viele Leser:innen gerade zu dieser dunklen Jahreszeit mehr als nötig.


Daher ermutige ich auch diejenigen, die eine feste Idee davon besitzen, wie ein Werk von Knausgård sich zu lesen hat, ihren Horizont mit der Jahreszeiten-Reihe zu erweitern und in dieses wundervoll leichte Buch zu schauen, aus dem eine Renaissance der herkömmlichsten Dinge hervorgeht – ohne Biss und Melancholie, dafür mit Gefühl und Tiefblick.

Kaum hätte ich es für möglich gehalten – doch an dieser Stelle empfehle ich insbesondere Hermann Hesse-Fans ein Buch von Karl Ove Knausgård.

Wer Kurzformen, Aphorismen und Grübeleinheiten generell gut findet, kann sich ebenso in aller Ruhe auf diesen Band einlassen.

Diejenigen, die sehnsüchtig auf den neuen „Min Kamp“ oder ausschließlich dergleichen warten, sollten diese Runde allerdings definitiv aussetzen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Im Herbst
Autor:in: Karl Ove Knausgård
Übs.:in: Paul Berf

288 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 18.09.2017
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87514-9

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