Literarische Abenteuer. Ian McEwan: „Erkenntnis und Schönheit“

© Aphiwat chuangchoem

Britischer Schriftsteller Ian McEwan ist ein geliebter, gefeierter und äußerst produktiver Autor. Er veröffentlichte bisher zahlreiche Erzählungen und Romane, Drehbücher, ein Theaterstück, zwei Libretti – und eine beträchtliche Menge an Essays und Artikeln.

„Erkenntnis und Schönheit“ (Science, 2019) ist das erste Sachbuch des multifacettierten Autors. Das Buch kann kurz und bündig beschrieben werden als gesammelte Gedankengänge zu Zusammenhängen zwischen dem literarischen Universum und der Identität der Menschheit.


© Diogenes

Als skeptische oder Ian McEwan nicht gut kennende Person fragt man sich gegebenenfalls zunächst, warum gerade er in den Autorenkult der Klassiker des 20. Jahrhunderts gehört, der besagt, dass jedes von ihm geäußerte Wort Goldwert haben und nun auch der Essayband im Hardcover publiziert werden soll.

Allerdings fallen die Superlativen und Lobpreisungen für den Autor auf fruchtigen Boden, auch wenn es um politische Diskurse, fundierte Diskussionen und wissenschaftliche Assoziationen geht.

McEwan ist nämlich nicht nur als Roman- und Drehbuchautor weltweit bekannt, sondern beteiligt sich aktiv am britischen öffentlichen Leben, kritisiert soziopolitische Umstände, äußert sich vehement gegen Diskriminierung, Rassismus, Regression – und nimmt an weltweiten kritischen Auseinandersetzungen gegen zeitgenössische Politiker teil.

Angesichts McEwans klaren Positionen und scharfen Kritiken ist es sogar überraschend, dass seine Texte in diesem Bändchen als angenehme Reflexionen in einem leichten Ton formuliert sind. „Erkenntnis und Schönheit“ ist nämlich ein freundliches Buch, welches den Leser vor allem zur Reflexion von Zusammenhängen zwischen Literatur und Wissenschaft einlädt.

Seinen Grundsatz zur Entdeckung der soziologischen und historischen Essenz des menschlichen Individuums findet der Autor in der Literatur:


Literatur muss unsere Anthropologie sein.1


Im Weiteren geht er im Laufe der Essays im Wechsel auf literarische und naturwissenschaftliche Texte ein – einige überraschende Zusammenspiele werden hergestellt.

Auf den ersten Blick sind die Essays in ihrer Formulierung fast als oberflächlich einzustufen, da sie den Leser nicht wie einen Schüler, sondern einen Freund behandeln.

Doch schnell enthüllt sich die Komplexität und Dichte der Assoziationen – auch unbeachtet des ‚Fremdmaterials‘ in Form von zahlreichen Zitaten und Literaturhinweisen gestalten sich McEwans reine Gedanken als spannende Ansätze zur weiteren Grübelei.

Und wenn der Autor in seinen Gedanken ganz entspannt von Charles Darwin zu Bob Dylan, von Homer zu Hitler; über Virginia Woolf zu Susan Sontag gleitet – begibt er sich auf unerwartete Wege, auf denen zu folgen schon an sich Faszination auslöst.


Doch wenn wir die Wissenschaft bloß als ein sich durch die Zeit schlängelndes Lichtband sehen, als ein Licht, das sich durch die Dunkelheit vorarbeitet, dahinter die unwissende Finsternis, eine Wissenschaft also, die nur in der strahlend hellen Gegenwart am besten ist, lassen wir uns epische Fabeln über Genialität und heroische Neugier entgehen.1


Es lohnt sich, zunächst freischwebend in den Texten mit zu spazieren und die Einladung zur Kontextualisierung des vorhandenen Wissens anzunehmen.

Die weiteren Zusammenhänge werden im Laufe des Lesens zur Verfügung gestellt: McEwan setzt weder ein tausendseitiges Kompendium zusammen, noch erwartet der Autor eine zeitaufwendige Eigenrecherche bezüglich der von ihm aufgestellten Gedanken.

Die Texte sind für den grübelnden Laien gedacht, lediglich eine Bereitschaft fürs Nachdenken an Ort und Stelle und ein flexibles Imaginarium werden vorausgesetzt.


Alle Tage, Stunden und Sekunden, alle Herzschläge führen
wie Trittsteine vom Krabbelkind zur alten Frau.“1


Hier bietet sich sowohl für diejenigen, die McEwans literarische Hinweise mit Freude erkennen, doch sich zuvor nicht im Detail mit den Aufzeichnungen Charles Darwins auseinandergesetzt haben – und für diejenigen, die eine Faszination für die Naturwissenschaften in sich tragen, doch keine literaturhistorische Bagage mitbringen – eine interessante Kombination an Anregungen, Inspiration und humanistisch begründeten Wahrheiten, die zu einer aktualisierten, verbesserten Toleranz sowie Menschheitsverständnis führen können.

„Erkenntnis und Schönheit“ ist eine bereichernde Begleitlektüre für jeden, der sich für die evolutionsbiologische Beschaffenheit des Menschen, gesamtgeschichtliche Zusammenhänge von Glauben und Lehre oder die Berührungspunkte zwischen Literatur und Wissenschaft interessiert.

Objektiv sollte in diesem enorm vielfältigen Bändchen für jedermann, der über den Text an sich hinaus Faszination in Literatur und Wissenschaft findet, eine Anregung zu finden sein.

Und nun freue ich mich auf Ergänzungen, Feedback und Gedanken zum Autor.

Hast Du bereits McEwans Essays gelesen? Hast Du ein Lieblingszitat vom Autor? Welchen seiner Romane sollte man unbedingt kennen?


Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!

1 – Zitate von S. 44, 83 und 106.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Erkenntnis und Schönheit
Autor: Ian McEwan
Seitenzahl: 192
Erscheinungsdatum: 23.9.2020
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07126-9

Erkenntnis und Schönheit  bestellen: Thalia * | Hugendubel * | bücher.de * | buch24.de *


Mehr literarische Abenteuer:

Patricia Highsmith: „Ladies. Frühe Stories“
Olga Tokarczuk: „Unrast“


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Kategorien:Home, Literarische Abenteuer

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  1. Liebe Sandra,
    für uns ist Ian McEwan nicht nur als Autor sondern auch als wacher Intellektueller eine sehr ernst zu nehmende Person bei uns in Britain. Wir geben dir völlig Recht, dass man sich seinem neuen Buch am bestens mit jener freischwebenden Aufmerksamkeit nähert, die Freud für den Analytiker empfahl.
    Danke, dass du dieses Buch interessant für den deutschen Leser vorstellst.
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Danke für die Ergänzung! 🙂
      Gerade aufgrund seiner Rolle und Wucht als Mitredender bei aktuellen politischen und sozialen Diskursen finde ich es so schön, dass auch im breiteren europäischen Lesekreis nun auf McEwans Wert und Position als Denker und Aktivist, über seine großartigen Romane hinaus, verwiesen wird.
      Lieben Gruß zurück!

      Gefällt 1 Person

Trackbacks

  1. Die Montagsfrage #66 — Können Autor:innen in mehreren Genres brillieren? – Literarische Abenteuer

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