Hamlet mit Grillz. Gabriel Krauze: „Beide Leben“

Londoner Autor Gabriel Krauze beschreibt in seinem Debütroman die brutale Welt der Londoner Gangs im Borough of Brent, fängt gekonnt die emotionalen Nuancen dieser düsteren Realität ein und erforscht die Möglichkeit einer Balance zwischen hell und dunkel; Kriminalität und Studium; Mord und Moral.

Warum ist dieser Roman nicht nur für Fans von Krimiserien lesenswert?


© sandrafalke.com

In „Beide Leben“ (Who They Was, 2020) schöpft Krauze aus der eigenen Vergangenheit:

der Autor hat die kriminelle Szene in seinen Dreißigern zwar verlassen, erlebte in den Türmen in South Kilburn im Nordwesten Londons – und folglich als Häftling in diversen Gefängnissen – jedoch so manches, was Normalbürgern die Haare auf dem Kopf stehen lassen würde.

Und bei dieser Lektüre auch wird.

Seinen ersten Raubüberfall versucht Snoopz bereits mit vierzehn. Die ärmlichen Umstände zu Hause und das Mobbing derjenigen Kinder in der Schule, die äußerlich von der Norm divergieren, lassen die Notwendigkeit krimineller Aktivitäten in Snoopz‘ Alltag einfließen.

Entweder wird er verprügelt, wenn er kein Smartphone mit zur Schule bringt – oder er klaut eben eins von einer älteren Dame.

Die Entscheidung scheint geradezu logisch zu sein.

Snoopz findet sich schnell bei einem „Onkel“ zurecht und beginnt eine Karriere als Drogendealer. Die mit Junkies und harten Kerlen gefüllten Türme machen ihn das Leben allerdings nicht leicht.


[…] mit dem Schmerz war was leichter umzugehen dort, weil es echt ein beschissener Ort sein kann, South Kilburn, meine ich, aber wenn du erst mal akzeptiert hast, dass das Leben brutal ist […], kommst du mit dem größten Scheiß klar, weil du längst weißt, wie viel das Leben davon zu bieten hat.“ (58)


Die Kausalitäten der Sachlage würden Snoopz als ein Produkt seines Umfelds kategorisieren. Die zweite Facette dieser Brutalität besteht in seiner Reflektiertheit: ihm ist vollständig bewusst, was er macht und wieso – denn wenn er mal ein paar ganz große Dinger gedreht hat, kann er das Umfeld verlassen und sich mit dem verdienten Geld ein besseres Leben garantieren.

Es folgt ein Teufelskreis an Erfolgen, Verrat, Straftaten und Strafen.

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Sehr interessant wird die moralische Ambivalenz des Protagonisten realisiert: Snoopz tut selbst einiges, was milde gesagt als bedenkenswert eingestuft werden kann – mit Fäusten, Messern und Feuerwaffen.

Zeitgleich sieht er die Eigenschaft von Individuen, gewaltvoll und voller Lust zur Rache, Gewalt und Mord zu sein, als natürlich und instinktiv.


Er bezeichnet den Impuls zur Rache in einem Seminar, in dem es um Romeo und Julia geht, analytisch als eine Demonstration von „echter, reiner Liebe“; und einen Drang, den man verspürt, „bevor die Art, wie die Gesellschaft eure Instinkte betäubt hat, ihre Wirkung tut“. (93) Insofern gilt das impulsiv gesteuerte Leben für ihn – zumindest zu einer bestimmten Zeit in seinem Leben, als die reinste Form der Existenz.

Dass der Protagonist unapologetisch diesen Prinzipien folgt und sie zudem transparent kommuniziert – nicht in South Kilburn, sondern an der Universität, wo er parallel zum Gangsterdasein noch Literatur studiert – , verleiht ihm umso mehr Authentizität.

Auch mehr Sympathie?

Hier kann argumentativ ambivalent geantwortet werden.


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Die literarischen Assoziationen in Snoopz‘ Reflexionen, vor allem zu Hamlet (ich musste sofort an die Serie Sons of Anarchy denken), aber auch zu beispielsweise Nieztsche, verleihen der Erzählung eine reflexive Tiefe und einen ungewöhnlichen Intellekt.

Der Protagonist geht in seinen Gedanken zwar über moralische Überlegungen hinaus ins Psychopathologische, ins Psychosoziale – und ist in seiner Position von Anfang an gefestigt, da er weiß, was genau mit ihm passiert.


Zeitgleich ist er seinen eigenen Instinkten und dem Drang zu Gewalt genauso hilflos ausgeliefert wie alle anderen in South Kilburn.


Es ist nie gut genug, da bleibt immer noch das Gefühl, du bist nicht weit genug gegangen. Es ist egal, ob du wen umgebracht, Leute ausgeraubt oder was immer gemacht hast. […] weil du die ganze Zeit leer bist, dass da dieses Loch in dir ist, das sich nicht füllen lässt.(93)


Gerade an dieser Stelle erscheint die Universalität des Protagonisten am deutlichsten – ich dachte bezüglich des emotionalen O-Tons an Serpentinen von Bov Bjerg. Das Gefühl, nicht genug zu sein, sucht zur einen oder anderen Zeit jedes Individuum in jeder Gesellschaftsschicht heim.


„Beide Leben“ ist zudem in einer vollständig authentischen Sprache verfasst und sehr überzeugend übersetzt worden. Ich hörte beim Lesen klar und deutlich die Stimmen Londoner Rapper im Hintergrund.


Der teils rohe Satzbau, die abgeschnittenen Wortenden, die eklektischen Wiederholungen, die primitiven Formulierungen im Wechsel mit massiv treffsicheren psychologischen Beobachtungen sind nur einige Bestandteile einer stilistisch einzigartigen Ausführung.

In diesem Sinne fand ich die Entscheidung, Snoopz‘ Rapverse nicht ins Deutsche zu übersetzen, richtig – hier wäre ein Teil der Authentizität sonst vollständig verloren gegangen.


[…] und das Licht im Raum splittert in tausend Blitze,
als es auf die Diamanten in meinen Zähnen trifft.“ (93)


Gabriel Krauzes Debüt ist ein düsterer Entwicklungsroman, ein brutales Gesellschaftsportrait – und zeitgleich ein Zeugnis davon, dass Hoffnung auch in den verdrecktesten Ecken, in Junkie-Nestern, ab und zu geniale Individuen existieren können, die den Kreis der Kriminalität brechen können.

Wenn die Serie The Wire eine Buchvariante haben sollte, die in London spielt, wäre dieser Roman das Äquivalent dazu.

Mit dem Addendum, dass diese hyperrealistische Erzählwelt nichts für schwache Nerven ist, gebe ich meinerseits eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


Hier * geht’s zur Leseprobe. (Link zu bücher.de, da keine Leseprobe auf der Verlagsseite verfügbar war.)

Bibliografie:

Titel: Beide Leben
Autor:in: Gabriel Krauze
Übs.:in: Werner Löcher-Lawrence
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 9.09.2021
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5850-7

Beide Leben bestellen: Thalia * | Hugendubel * | bücher.de * | buch24.de *

Mehr literarische Abenteuer:

Wo nur Vernichtung aller Hoffnung bestraft. Ava Farmehri: „Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen“
Literarische Abenteuer. Walter Tevis: „Das Damengambit“

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