Von Helden und Volksverrätern. Seikō Itō: „Das Romanverbot ist nur zu begrüßen“

Der japanische Autor, Dramaturg und Musiker Seikō Itō ist seit 1988 als Romancier tätig und hat für seine Romane zahlreiche nationale Literaturpreise erhalten; der Roman „Radio Imagination“ wurde überdies ins Französische sowie Italienische übersetzt.

Wie ist die Beziehung zwischen Genre und Titel in „Das Romanverbot ist nur zu begrüßen“ zu erklären – und ist dieses Anti-Buch die Arbeit wirklich wert, die es von seiner Leserschaft fordert?


© cass Verlag

Seikō Itō ist eine – nicht nur für japanische Verhältnisse – auf ungewöhnliche Art und Weise multifacettierte Person: sein Debütroman erschien im Jahr 1988; sein erstes Rap-Album zwei Jahre eher.

Itō ist zudem der Gründer des Down Town Taito International Comedy Film Festivals – und kultiviert in seiner Freizeit ein intensives Interesse für Pflanzen.

Diese grobe Zusammenfassung der Biografie dient überraschend gut als Vorwort und Einführung in den Roman „Das Romanverbot ist nur zu begrüßen“. Bereits im Titel präsentiert das Buch eine scheinbar unversöhnliche Diskrepanz – ein längerer Blick lässt ein feines Netz von sprachlichen und interpretativen Komplexitäten hervortreten.

Der Schutzumschlag des Buchs trägt nicht den Titel des Romans, sondern eine Botschaft an die Lesenden, die als Erstes wahrnehmen und erfahren sollen, dass es sich um den seltsamsten Roman handele, den sie jemals gelesen hätten.

Durchaus erreicht „Romanverbot“ in dieser Hinsicht einen hohen Rang – zumindest auf den ersten Blick. Ebenso nicht zu übersehen ist im Gegenzug die elegante und, wie aus dem Nachwort zu erfahren ist, äußerst nahe am Original verlaufende Übersetzung des Romans von Jürgen Stalph – die es in Berücksichtigung der sprachlichen Besonderheiten umso mehr zu genießen und bewundern gilt.


Was ich hier zu Papier bringen möchte, ist […] ein Freiformat
ohne Netz und doppelten Boden, ein extemporierendes Parlando
ohne festen Plan. Mit anderen Worten: einen Essay.“(14)


Im Jahr 2036 schreibt ein preisgekrönter, renommierter Essayist ein Loblied auf die „Asiatische Union“ und das von dieser Besatzungsmacht erlassene Romanverbot.

Der nun im Alter von 75 Jahren nur als Häftling 86 bekannte Erzähler verfasst seine Gedanken als Essays, die angeblich broschiert innerhalb der „Sammeltrakt 3, Zone [zensiert]“ (S. 15) rotieren und gelesen werden.


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Seikō Itō porträtiert große Stücke von sich selbst – dies ergibt sich aus den literarischen und biografischen Hinweisen des Ich-Erzählers.

Nahe an der Realität verläuft die Geschichte allerdings nicht.
Auf den ersten Blick.


Die dystopische Erzählwelt weist zahlreiche Parallelen zur zeitgenössischen politischen Dynamik auf, die als satirisch-kritisch erkennbaren Passagen sind gerade angesichts aktueller Ereignisse letzter Wochen (bezüglich der Beziehungen zwischen China und den USA beispielsweise) unerwartet angsteinflößend.

An dieser Stelle bieten sich aufgrund der satirisch-düsteren Färbung Vergleichspunkte mit Ryūnosuke Akutagawas Kurzgeschichten an – wobei Itōs Erzählwelten aufgrund ihrer Struktur eher als postmodern einzustufen wären, während Akutagawa als moderner Autor gilt. Wo Akutagawas Tonlage melancholisch klingt, sind Itōs „Essays“ am ehesten als nihilistisch zu betrachten.


Allerdings ist die kurze weltpolitische Ergänzung der Auslegungen nicht als Kern der kurzen essayistischen Kapitel zu betrachten: vorrangig konzentriert der Erzähler sich auf die sprachliche Auswirkung von Romanen, Fiktion und Texten als solches.


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Häftling 86 sinniert über die gefährliche Interpretationsoffenheit fiktiver Geschichten, die Nichtnotwendigkeit einer multiplen Deutungsmöglichkeit – folglich betrachtet er den Roman als hinterhältig und niederträchtig, seinen Verbot als einzig richtigen Weg hervorhebend.


Solche Warnungen sollten auf die Umschläge aller
Druckschriften aufgebracht werden. […] „Der Essay nimmt
romanhafte Züge an? Sofort zuklappen und anzeigen!“.“(129)


Itō geht in seinen Analysen weit tiefer als semantische, intertextuelle oder literaturhistorische Aspekte es ihm ermöglichen – und an dieser Stelle spalten sich die Rezeptionsmöglichkeiten des Romans. Wer sich mit den drei Alphabeten der japanischen Sprache oder einigen Hauptcharakteren aus der Literaturgeschichte des Landes nicht zumindest rudimentär auskennt, bleibt hier auf halber Strecke liegen und wird den Assoziationen meines Erachtens nicht folgen können.


Itō begrenzt sich durchaus nicht mit Analysen sprachlicher Natur und geht des Weiteren auf die Nuancen von Erzählperspektiven ein, schafft intertextuelle Bezüge zwischen europäischen und japanischen Autoren und führt die soziokulturelle und psychologische Tragweite fiktiver Texte und Fiktion an sich mit analytischem Scharfsinn aus.

Der Autor bezieht sich in seiner (anti-)ideologischen oder ideologiekritischen Haltung auf die Edo-Zeit, in der Satire im Kabuki und Ukiyo-e üblich war und, so Itō, seien damaligen Künstler:innen „ständig Fesseln angelegt worden. Japanische Traditionen besagen nie, dass Herrschern stillschweigend zu gehorchen ist – allerdings wird uns derzeit das Gegenteil weisgemacht.“ (japantimes.co, 2017, freie Übersetzung)


Insofern wird hier eine fiktive Anti-Fiktion geschaffen, in der grundsätzlich alle Beschreibungen, Lobeshymnen, unterstützenden sowie kritischen Worte und sogar grammatikalische und idiomatische Entscheidungen als reine Satire zu betrachten sind. Die Vielfältigkeit an nihilistischer Pracht und Gesellschaftskritik ist in einiger Hinsicht bewundernswert – obgleich sie in manchen Passagen ins plakative zu rutschen beginnt, als sich der wahre Sinn hinter dem Text zu zeigen beginnt.

Die Knappheit im Umfang störte mich für einen Moment, jedoch empfinde ich sie nach kurzer Grübelei als richtige Entscheidung. Es gibt so viel zu interpretieren, zu überlegen und zu spekulieren – die Arbeit, die Lesende zur Entschlüsselung der enormen Menge an Ideen und Berührungspunkten leisten müssen, nimmt genügend Zeit in Anspruch, sodass die 150 Seiten Text vollständig genügen.


Als Addendum möchte ich empfehlen, das Nachwort des Übersetzers vorab zu lesen: es wird europäischen Leser:innen ohne Japan-Kenntnisse den Einstieg in die Materie um einiges erleichtern.

Die japanophilen Sprachwissenschaftler:innen unter uns – und einige Bulgakow-Fans – erwartet hier allerdings ein ganz besonderer Genuss, den es gemach zu verzehren gilt.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Das Romanverbot ist nur zu begrüßen
Autor:in: Seikō Itō
Übs.:in: Jürgen Stalph

160 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 31.05.2021
Verlag: cass
ISBN: 978-3-944751-26-9

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