Ein analytisches Gruselkabinett. Carmen Maria Machado: „Das Archiv der Träume“

US-Amerikanische Autorin, Essayistin und Kritikerin Carmen Maria Machado wurde mit ihren als „hypnotisch und elektrisierend“ bezeichneten Kurzgeschichten bekannt. Als ihr Debüt veröffentlichte Machado den Erzählband „Ihr Körper und andere Teilhaber“.

Warum funktioniert Carmen Maria Machados Memoir „Das Archiv der Träume“ als Roman, obwohl die fragmentarische Komposition an einen Erzählband erinnert?


© Tropen Verlag

„Das Archiv der Träume“ (In the Dream House, 2019) ist eine Kollektion von Eindrücken, Träumen, Erinnerungen, Tropen und kulturhistorischen Fragmenten zum Thema toxische queere Beziehungen.

Vorrangig handelt es sich um ein Memoir der Autorin:

Machado verarbeitet in sehr offener, transparenter Manier ihre eigene Vergangenheit und die toxische Beziehung, in der sie sich jahrelang befand.


Doch sind in diesem Haus so unglaublich viele Konzepte, Ideen, Tropen, Archetypen, Figuren und Kontexte versteckt, dass schließlich eine reichhaltige kulturhistorische Abhandlung entsteht.

Carmen Maria Machado führt Forschungen im gesamten westlichen Literatur-, Musik und Filmkanon fort und eröffnet bisher unbekannte Blickwinkel auf bestimmte Künstler:innen, die Entstehungsgeschichte von Liedtexten oder Musikvideos, die Behandlung von queeren Stereotypen in Sci-Fi– und Fantasyserien.


Die Autorin zieht im „Traumhaus“ elegante Bögen und Parallelen zu alltäglichen, bekannten und weniger bekannten Stereotypen, die in lesbischen Beziehungen sowohl von außen als auch von innen früher und heute herrschen.

Obwohl es sich um ein absolut emotionales und tiefgreifendes Thema handelt, geht die Autorin zeitgleich methodisch präzise vor:


Die Entscheidung darüber, was ins Archiv aufgenommen und was ausgelassen wird, ist ein politischer Akt, den die Archivarin und der politische Kontext bestimmen, in dem sie lebt.“(9)


Auf einer kulturwissenschaftlichen Ebene finden sich in diesem Roman – welcher eventuell auch eher als Sammlung von Momenten, gebunden an autobiografische Erzählungen, bezeichnet werden sollte – Abhandlungen zu in der westlichen Popkultur bekannten Geschichten zu emotionalen und körperlichen Verletzungen, auf männliche Figuren übertragene Toxizität, und Analysen zur Psychopathologie so mancher Märchen-, Serien- und Filmcharakteren, die für die Allgemeinheit als Männer bekannt sind.

Denn unerwartet oft – oder vielleicht auch nicht so unerwartet? – wurde queere Geschichte gewaltsam in heteronormative Formen gewälzt, um sie für ein breiteres Publikum zugänglicher zu machen.


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Carmen Maria Machado hat aus einer kulturhistorischen und journalistischen Sicht enorme Arbeit geleistet: bereits die Anzahl an Fußnoten, Recherchen und Verweisen im Gesamttext ist ungemein beeindruckend.


Der Diskurs über häusliche Gewalt in lesbischen Beziehungen hatte die queere Community bereits seit Anfang der Achtzigerjahre beschäftigt, aber erst 1989, als Annette Green ihre gewalttätige Partnerin nach einer Halloweenparty in West Palm Beach erschoss.“(169)


Und darüber hinaus weiß die Autorin, mythische und Sagenhafte Elemente, Orte und Momente in ihre eigene Vergangenheitsschilderung so hineinzuweben, dass einerseits eskapistische, magisch angehauchte Passagen entstehen – andererseits makabre, hilflose Gefühle in der Leserschaft erzeugt werden.


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So verhält sich der Roman beispielsweise an einer entscheidenden Stelle in der Erzählung, als der körperliche und physische Terror in der zentralen Paarbeziehung ihren Höhepunkt erreicht. Carmen Maria Machado gestaltet ihren Roman wie ein Abenteuerspiel mit interaktiven Möglichkeiten zur Gestaltung des weiteren Geschehens.


Genau das willst du. Du willst eine Erklärung, die sie von jeder Verantwortung befreit, die das unverminderte Fortbestehen eurer Beziehung ermöglicht.
Du willst anderen erklären können, was sie getan hat,
ohne Entsetzen in ihren Gesichtern zu lesen.
»Aber da war sie halt auch besessen.«
»Ach, stimmt, kann jedem mal passieren.«.“(165)


…welches im Anschluss nicht nur zur sehr entsetzlichen Schlussfolgerung führt, dass keine alternative Handlungsart oder anderes Verhalten der Protagonistin ihre Partnerin besser oder weniger toxisch werden lassen kann, solange diese sich nicht freiwillig und selbst therapieren möchte.

Darüber hinaus verbreitet sich eine absolute Hilflosigkeit, da man auch als Lesende durch die getroffene Entscheidung umso mehr in die weitere Handlung investiert hat. Desto intensiver breiten sich Panik und Angst aus, wenn klar wird, dass es kein Entrinnen, keine Hilfe und kein Zurück gibt aus dieser entsetzlichen Beziehung, die sich immer mehr und mehr als ein auswegloses Gruselkabinett entpuppt.


Die Einteilung in Konzeptkapitel ist zu guter Letzt als Meisterstück hervorzuheben.

Das von beiden Frauen zusammen bewohnte Traumhaus wird als Konstrukt behandelt, in potenzielle semantische Räume aufgeteilt und gleichzeitig aus multiplen anthropologischen, kulturhistorischen sowie literarischen Blickwinkeln durchleuchtet.

Diese analytische Komplexität und Gewundenheit nebst einer maximal traumatischen autobiografischen Erzählung zu beanspruchen und in voller Bandbreite zu erzielen ist meines Erachtens diejenige Leistung, die mich an Carmen Maria Machados Roman am tiefsten beeindruckt hat.

Insofern spreche ich zunächst für diejenigen, die sich für die oben geschilderten Themen – gleichermaßen als Ally, Peer oder Fachkundige – interessieren, eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

Wer gerne zu eklektischen Büchern mit kulturell reichhaltigem Reflexionsboden, kritischen Perspektiven und vielfältigen literarischen Assoziationen greift – wie beispielsweise „Identitti„, „Hitze“ oder sogar „Bestiarium“ – wird in Carmen Maria Machados Werken ebenso hervorragende Lektüren vorfinden.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Das Archiv der Träume
Autor:in: Carmen Maria Machado
Übs.:in: Anna-Nina Kroll
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 20.10.2021
Verlag: Tropen
ISBN: 978-3-608-50450-7

Die zitierten Seitenzahlen entstammen der E-Buch-Version des Romans.

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