Exakte Kontrolle der Anschlagdynamik. Alexis Ragougneau: „Opus 77“

Der französische Schauspieler, Regisseur und Dramatiker Alexis Ragougneau (* 1973) ist seit 2014 als Romancier tätig und hat bereits zahlreiche nationale Literaturpreise erhalten. Die Lokalpresse bezeichnet Ragougneau als einen „Meister der Spannung und Intrigen“.

Mit welchen Methoden gelingt es dem Autor im neuen Roman „Opus 77“ eine stilistische Übersättigung gekonnt zu vermeiden – obwohl er alle Elemente seiner Figurenwelt aus Hyperbeln konstruiert?


© Unionsverlag

Alexis Ragougneaus neuer Roman „Opus 77“ (2022, fr. 2020), aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Große, dekonstruiert eine hochbegabte Musikerfamilie aus der radikalen Perspektive ihres jüngsten Mitglieds.

Die Konzertpianistin Ariane Claessens  begleitet die Beerdigung ihres Vaters am Klavier mit einem Stück, welches die gesamte Zerfallsgeschichte ihrer Familie versinnbildlicht: „Opus 77“ von Dmitri Schostakowitsch.

Passend zum gewagten Soloauftritt – Op. 77 wurde für Geige und Klavier geschrieben – nimmt Ariane ihre Position als letzte Mohikanerin der Familie ein und erzählt vorrangig die Geschichte des aufgebahrten Dirigenten, mehrwerdend kommt aus der Familienhistorie jedoch das tragische Schicksal ihres Bruders Viktor zum Vorschein.


Ariane selbst ist als Figur eher Typ als Person; eher ein unnahbares Ideal als eine Seele mit Persönlichkeit. Als Produkt ihrer perfektionistischen Erziehung in einer Musikerfamilie und Pianistin mit Welterfolg muss die junge Frau sich auch bei der Verabschiedung vom eigenen Vater selbstbewusst, geradezu präpotent, ans Klavier setzen, da sie beim kleinsten Zeichen von Schwäche von der Meute in Stücke gerissen würde, die Ariane skrupellosen Raubtieren gleichsetzt.


Sie werden mir schon erst zuhören müssen,
verehrtes, schwarz gekleidetes Publikum.“(9)


In der Rahmenhandlung am Klavier bleibend, versunken in den Klängen des russischen Meisters, lässt die Erzählerin Lesende auf die toxische Ehe ihrer anfänglich intensiv verliebten Eltern blicken, während sie sich als kleines Mädchen noch unter dem Klavier versteckt.

In der Fassade der als exzentrische Künstlerfamilie zunächst liebevoll erscheinenden Claessens werden Risse schnell erkennbar.


Bereits die Beziehung zwischen den Eltern zerbröckelt schneller, als erste Eindrücke sich setzen können: die emotional fragile Mutter, deren Karriere als Sopranin scheitert, wird bald zum Geist, der ihr Schlafzimmer nur verlässt, um Szenen im Gewandhaus zu provozieren. Der karrieregeile Vater mit einer Vorliebe für junge, unerfahrene Sängerinnen scheut weder Zeit noch Mühen, um seine eigenen Kinder mit strenger Hand zu untergebenen Jüngern zu züchten, in deren Talent und Ruhm er sich selbst sonnen kann.

Bis beide Kinder Amok laufen.

Eins hoch hinaus – das andere unter die Erde.


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Ariane porträtiert ihre Mutter mit variierender Empathie; ihren Vater mit wechselnder Abneigung und ihren Bruder mit schwankender Furcht. Keinem der drei wurde je ein „normales“ Leben in Aussicht gestellt und der Einfluss dieser Realität dekonstruiert sie graduell als Individuen.

Andererseits wird keinem der Claessens je ihr außergewöhnliches Talent abgesprochen. Umso faszinierender sind die Offenbarungen aus der klassischen Musikszene, die skrupellos ist und alles was ein Haar unterhalb von Exzellenz existiert, als ihrer Aufmerksamkeit unwürdig verschmäht.

In drei Handlungslinien webend erzählt Ariane über ihre eigene Jugend und Gegenwart, den Werdegang ihres Vaters vom Pianisten zum Dirigenten – und offenbart zum Schluss die toxische Dynamik, die ihrem Bruder zum Verhängnis wurde.


Ich muss gestehen, dass ich Sie angelogen habe.“(43)


Nicht nur familienpsychologische und musikspezifische Aspekte stehen in „Opus 77“ im Kern des Geschehens: Anhand des Geigenlehrers von Viktor und dessen konfliktreicher Vergangenheit in Russland kommen historische Ereignisse in der Sowjetunion und das gefährliche Leben von Schostakowitsch selbst zur Sprache.

Ohne inhaltlich weiteres verraten zu wollen, muss unbedingt noch die stilistische Entschlossenheit des Autors gelobt werden. Alexis Ragougneau hat mit „Opus 77“ einen echten Roman noir geschaffen, in dem unglaublich gutaussehende Frauen in Porsches mit 175 Stundenkilometern über europäische Autobahnen rasen, um von einer melodramatischen Konfrontation zur anderen zu gelangen.


Und dennoch, oder gerade deswegen: Ragougneaus Roman funktioniert.

Seine Figuren sind hundertprozentig von sich überzeugt und in ihrer Illusion so makellos ausgeführt, dass man ihnen glaubt.

Zu Beginn der Lektüre war ich mir nicht sicher, ob dieser Roman wirklich für Publikum abseits der Sphäre der klassischen Musiker*innen funktioniert – im Sinne der absoluten Stars und begnadigten Interpreten sogenannter kanonisierter Hochkunst.

Als jemand, der acht Jahre an der Musikschule verbrachte und in diversen Chören gesungen hat, kann ich persönlich wenigstens am äußersten Rande dieser Erzählung den Funken Wahrheit erkennen, der in dieser Realität durchaus auffindbar ist. In einer Welt, in der Künstler*innen, und Musiker*innen sich in Gesellschaft und Öffentlichkeit nur aufführen, ohne zu fühlen. In der intensive Emotionen nur gespielt werden und Persönlichkeiten sich in den höchsten Rängen von Weltmusik so sehr auflösen, dass sie keine Persönlichkeiten mehr sind.


Insofern können wahrscheinlich die wenigsten einen Funken Empathie für Ariane entwickeln, während viele Leser*innen sie als indiskutabel unsympathisch einordnen werden.


[…] hinter der Reihe von Geiern, die auf meinen Tod warten,
um mir das Fleisch von den Knochen zu reißen, […]
steht noch das Gespenst meines großen Bruders.“(44)


Zum Schluss der Lektüre stand fest: die polarisierenden Figuren dieser Geschichte sind faszinierend, ambivalent und lesenswert. Die in dem recht schlanken Roman angedeuteten Implikationen des Künstlertums, die Kluft zwischen einer kommerziell erfolgreichen Person und ihrer einsamen inneren Leere – sowie die unmögliche Multiplikation dieser Leere, wenn die gesamte Familie aus solchen Figuren und Kluften besteht… Gedanken, Anregungen und Gefühle reichen weit über die Seiten des Romans hinaus, da er mit seiner stilistischen Reinheit trügt.


Ariane Claessens ist eine unzuverlässige Erzählerin und eine überspitzte Selbstbetrügerin, so viel steht interpretativ fest. Notabene: Dass sie sich allerdings weiterhin unter dem Klavier versteckt, verschweigt die Protagonistin allerdings ebenso an keiner Stelle.

Wie fragil und verwüstet die letzten Fetzen ihrer Seele auf der Beerdigung ihres Vaters eigentlich sind, merkt man*frau erst auf der letzten Seite. Die emotionale Wucht, mit der die Erzählerin durch Opus 77 rast, lässt erst zum Schluss vom Text wahrhaftiges Durchatmen zu.

Aus diesen Gründen erwartet die wahre Steigerung erst nach der Lektüre. Und nicht nur im Text, sondern im Nachhall wird das Fortepedal ohne Scheu gedrückt.

Aus meiner Sicht ist „Opus 77“ daher eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Opus 77
Autor:in: Alexis Ragougneau
Übs.:in: Brigitte Große

224 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 14.2.2022
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00580-8

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