Planeten und Polaroids. Walter Tevis: „Der Mann, der vom Himmel fiel“

Der US-Amerikanische Autor und Dozent Walter Tevis (1928–1984) gewann im vergangenen Jahr vorrangig mit dem weltweiten Erfolg der Serienadaption von „Das Damengambit“ an Beliebtheit. Der spannende Roman wurde im Jahr 2021 parallel zur Netflix-Veröffentlichung auch in Romanform ins Deutsche übersetzt.

Auf welche Art und Weise gelingt es Tevis im Science-Fiction-Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ bekannte Facetten der Conditio humana in eine hochgradig scharfsinnige – und vollständig abgefahrene – Perspektive zu setzen?


© Diogenes

Walter Tevis‘ Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (The Man Who Fell to Earth, 1963) genießt seit der Verfilmung im Jahr 1976 einen Kultstatus.

Vor allem aufgrund der schauspielerischen Jungfernfahrt von David Bowie in der Hauptrolle – allerdings ebenso dank der einzigartigen surrealistischen visuellen Gestaltung des Films – hat dieser in Kennerkreisen nie an Beliebtheit eingebüßt.

Die Umwandlung von Tevis‘ Büchern seitens der Filmindustrie korreliert auch diesmal mit einer (Neu-)übersetzung in deutscher Sprache: der Roman wurde übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda, eine Neuinterpretation des Materials wird seit Frühjahr 2022 im Serienformat auf Showtime ausgestrahlt.

„Der Mann, der vom Himmel fiel“ verfolgt den geheimnisvollen Thomas Jerome Newton, der plötzlich in Kentucky auftaucht, mehrere revolutionäre Technologien patentiert und mit einer unmenschlichen Geschwindigkeit zum Millionär wird.


Er war entweder der originellste und genialste Erfinder der Welt
oder er kam von einem anderen Stern.
(94)



Dieser unglaubliche Karrieresprung gelingt Newton, da er tatsächlich kein Mensch ist, sondern von einem technologisch weit fortgeschrittenen Planeten kommt.

Welche Ziele verfolgt Newton auf der Erde und was ist mit Anthea passiert?

Möchte Newton der Menschheit wirklich helfen, die drohende Zerstörung ihres Planeten zu verhindern – und was geschieht mit denjenigen, die seine geheime Identität trotz zahlreicher Vorsichtsmaßnahmen entdecken?


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Von einigen flüchtigen Offenbarungen über das tragische Schicksal von Newtons Heimatplaneten und den – angeblich – freundlichen Absichten seines Volkes abgesehen liegt der erzählerische Fokus dieses Romans auf der Vermenschlichung des Außerirdischen und den gleichermaßen tragikomischen sowie ungewöhnlich faszinierenden Folgen dieser Prozesse.


Die unerwartete Empathie, die Tevis seinem Protagonisten zukommen lässt, überschattet geradezu vollständig dessen Position als fremdes Wesen mit unermesslichen Kenntnissen, Fähigkeiten – und gegebenenfalls höchstem Zerstörungspotential für die Erde.

Stattdessen gestaltet Tevis die Geschichte fast vollständig introspektiv zugunsten der Person, die für die Leserschaft milde gesagt als fremd, unheimlich und gefährlich gilt.


Die Geschichte konzentriert sich auf die Angst, Schwäche und Einsamkeit Newtons als jemand, der potentiell nicht nur seine gesamte restliche Lebenszeit in vollständiger Einsamkeit verbringen muss – sondern zudem seinen eigenen Planeten auf dem Gewissen hat:


Und er, […] ein höheres Wesen aus einer höheren Spezies,
[…] ließ sich gehen, wurde zum Alkoholiker,
einem irregelaufenen Abtrünnigen und möglicherweise
einem Verräter an seinem eigenen Volk.“(132)


Bereits durch die unorthodoxe Perspektive auf einen außerirdischen Protagonisten hat Tevis eine Geschichte von außergewöhnlicher Komplexität geschrieben.

Darüber hinaus lässt er Lesende nie vergessen, um wen es sich handelt: Newton ist ein Wesen, dessen Empfindsamkeit und Empfindlichkeit Empathie erwecken. Seine unglaublichen technologischen Kenntnisse tut er einerseits als lokales Allgemeinwissen ab; die Position als bedeutungsloser Ottonormalbürger in der eigenen Gesellschaft hebt Newton zudem stets hervor.


Aufgrund seiner Sozialisierung und Manieren könnte man ihn fast als einen Helden der Nation anhimmeln – beziehungsweise einen Helden des Planeten – wenn Newton nicht ebenso oft erwähnen würde, wie die Bewohner der Erde für ihn Schimpansen oder Ameisen gleichen und in jeglicher Hinsicht nicht an sein evolutionäres Niveau herankommen.

Trotz weiterer Verknotungen im psychologischen Knäuel und argumentativem Raum für Antipathie der Lesenden gegenüber dem Protagonisten ist der Ausgang von „Der Mann, der vom Himmel fiel“ vor allem Schaudern erregend, da die menschliche Brutalität von Tevis ungeschönt zur Schau gestellt wird.

Offen bleibt nur die Frage, ob die Behandlung, die Newton seitens der US-Amerikanischen Regierung erfährt, eher der allgemeinen Verwaltungsbürokratie zuschulden kommt – oder der Ignoranz und Selbstüberzeugung menschlicher Individuen in Machtpositionen, die Lebewesen vollständig respektlos behandeln.


Aufgrund der Faszination mit dieser sehr schrägen, psychologisch ungemütlichen, enorm spannenden Geschichte wird das Ende an dieser Stelle jedoch nicht verraten.

Ob Science-Fiction-Fan, Liebhaber*in von Dystopien oder psychologischen Komplexitäten im Allgemeinen, wird diese Lektüre ein Lesevergnügen bereiten.

Wer sich für spannende Geschichten über die Grundlagen der Menschlichkeit und humorvolle Gesellschaftskritiken mit stark kafkaesken Schattierungen interessiert, demjenigen ist „Der Mann, der vom Himmel fiel“ dringend zu empfehlen.


Hier geht’s zur Leseprobe.


Bibliografie:

Titel: Der Mann, der vom Himmel fiel
Autor:in: Walter Tevis
Übs.:in: pociao und Roberto de Hollanda

272 Seiten | 23,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 22.06.2022
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07197-9

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