Schienenersatzverkehr zum Egozentrum. Olga Tokarczuk: „Anna In“

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk (* 1962) hat bislang neun Romane und drei Erzählbände veröffentlicht und zählt zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart. Im Jahr 2019 wurde Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Welche Verknüpfungen binden Tokarczuks Roman „Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt“ zum Gesamtwerk – und warum erschließt sich diese komplexe Erzählung nur wenigen Leser*innen?


© Kampa

Olga Tokarczuks Roman „Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt“ (Anna In w grobowcach świata, 2006) ist in diesem Jahr in einer Neuübersetzung von Lisa Palmes erschienen und wurde mit einem Vorwort der Autorin versehen.

Tokarczuk erfindet und erzählt in „Anna In“ einen 4000 Jahre alten Mythos auf moderne Art und Weise – nichtsdestotrotz entfernt sie sich sprachlich kaum von ihren Quellen.

Diese Entscheidungen verleihen dem Roman zwar eine sehr hohe Authentizität – gestalten die Lektüre jedoch gleichzeitig als recht schwierig.

Mit Sicherheit wird nicht jede*r Leser*in einen Anschluss zu dieser faszinierenden Geschichte finden.

„Anna In“ ist die moderne Interpretation der Legende von Inanna, der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, des Mondes und Krieges. Als ihre Zwillingsschwester, die Herrscherin der Unterwelt, sie zu sich in die Katakomben ruft, muss Anna In, Inanna, ein gewaltiges Opfer bringen, um jemals wieder das Tageslicht zu erblicken.


Wir hier, die wir unter den Grundannahmen eines patriarchalen
Monotheismus aufgewachsen sind, machen uns selten
Gedanken darüber, wie tief dessen Paradigma in
jeden Teil unserer Psyche vorgedrungen ist.“(20)


Obwohl das erhellende Vorwort der Autorin für eine vollwertige Lektüre des Romans nicht wegzudenken ist, gestaltet sich seine Lektüre als Teufelskreis.

Das Vorwort erläutert Kontexte, Interpretationen und Motive aus den mythischen Quellen der Originalgeschichte, verrät allerdings auch Handlung und Ausgang der Geschichte. Für diejenigen, die gerne spoilerfreie Lektüren betreiben (ich), mag dies hochgradig antiklimaktisch sein.

Andererseits ist die Positionierung des Vorwortes als Vorwort geradezu essenziell für das Verständnis dieses Romans, dessen Wert oft im Detail liegt und leicht übersehen werden kann.


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Durch die Klarstellung der Handlung und die Hervorhebung derjenigen Aspekte, die einem Ottonormalleser des globalen modernen Nordens unter Umständen nicht bekannt sind, erleichtert Tokarczuk den Zugang zur Materie.

Während nämlich Inannas tatsächliche Reise und Gefangenschaft, die Bemühungen ihrer Dienerin, sie zu retten, und der Ausgang der Gesamthandlung – die an dieser Stelle selbstredend nicht verraten wird – möglichst reduziert werden, sind es vorrangig Introspektiven, Erzählperspektiven und Betrachtungen, die das „Fleisch“ des Textes ausmachen.


Diese Welt ist keine gute Idee.
Nur Mühe wird sie uns bringen und Erschöpfung.
Es wäre besser, nichts Neues zu schaffen […].“(89)


Mit Humor und Ironie sinniert Tokarczuk über die Beschaffenheit der Götter und dem Konzept von Religion, setzt sich als Zuschauerin neben ihre mythischen Erzähler*innen, beschreibt als göttlich geltende Wesen in satirischer Tönung und kritisiert ihre Figuren, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.


Menschen und die Entstehung der menschlichen Welt sind in „Anna In“ nebensächlich – dennoch wird über die Schöpfung, über das allgemeinmenschliche, schwache, begrenzte Wesen und über die Unmöglichkeit des Glückes philosophiert.


Meine Geschöpfe sind gut genug gemacht, um zu leben,
zugleich aber sind sie unvollkommen genug, um nichts
zu begreifen von diesem ihrem Leben.
Es dauert mich, dass sie nicht glücklich sind.“(94)


Kritik üben die Erzählenden an allen Teilnehmenden der Geschichte aus. Voll und ganz in altertümlich authentischer Manier sind die Götter zugänglich und sichtbar – obwohl logistisch und kognitiv unnahbar. Spannend ist ihre sehr menschliche Art, auf andere Geschöpfe herabzuschauen und unerschöpflich übereinander zu lästern.


Obwohl auch hier eine zum Teil fragmentierte, wechselhafte Erzählperspektive beziehungsweise wechselnde Perspektiven genutzt werden, um die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln dynamischer zu gestalten, ist „Anna In“ nicht so eklektisch und fragmentiert wie Tokarczuks Roman „Unrast„. Die Autorin hat sich einerseits auf die Erzählung konzentriert, andererseits viel Implizites in die Geschichte eingewoben – welches sich im oben erwähnten Vorwort gut erschließt.

Dieser Roman ist ein Text zur langsamen Lektüre, zur Betrachtung einzelner Absätze und zur religionsphilosophischen sowie theosophischen Betrachtung.

Schon beispielsweise das Motiv der sich spiegelnden Namensschreibung würde genügend Reflexionsboden für diverse Essays und Gedankengänge bieten – wird denjenigen, die sich weniger mit alten Sagen und Legenden beschäftigen, vermutlich weniger als interessanter Analysemoment als sonderbare Versprachlichung auffallen.


Dass auch die Erzählenden sich selbst ans unzuverlässig einschätzen, spiegelt die traditionell aus mehreren subjektiven Einzelstimmen bestehenden Sagenwelten ebenso treffend wider – obgleich ständige Gedanken wie „Wie wollt Ihr mich weiter begleiten, wenn ich nicht mehr benennen kann, was ich gesehen habe? Wie kann man mir vertrauen?“ (S. 110) Fans von Geschichten á la to the point mit Sicherheit verärgern werden.

Es sei denn, man*frau zieht den genüsslich humoristischen Schluss, dass die Erzähler*innen in ihrem Selbstzweifel hochwertigere Berichte produzieren als Menschen, Götter, Individuen, die ihrer Sache übermütig sicher sind.


Olga Tokarczuks „Anna In“ ist eine hochgradig komplexe Reise mit lyrisch angehauchten Atmosphären, mythischen Figuren sowie Kulissen und spannenden Reflexionen, die älteste Geschichte in modernste Kontexte versetzen.

Für Fans von sprachlichen Experimenten und alten Sagen könnte hier ein schöner Leseschatz vorliegen.

Meine Präferenz liegt dennoch weiterhin bei „Unrast„.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt
Autor*in: Olga Tokarczuk
Übs.*in: Lisa Palmes

192 S. | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 28.04.2022
Verlag: Kampa
ISBN: 978 3 311 10074 4

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  1. Vielleicht wäre die Reihenfolge „Lektüre – Vorwort – erneute Lektüre“ eine Option? Das kann man bei 192 Seiten ja schon mal machen … 😉

    Gefällt mir

    • …und im Takt Vorwort-Lektüre-Vorwort lief es bei mir dann auch. Dennoch ist ein minimaler Ärger vom Gespoilertwerden – wie auch beispielsweise bei „Oroonoko“ – für mich persönlich ein Addendum in der Besprechung wert und wurde auf Bookstagram auch dankend begrüßt. 😉 Lieben Gruß

      Gefällt 1 Person

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