Fegefeuer und Blütenstaub. Djaimilia Pereira de Almeida: „Im Auge der Pflanzen“

Die angolanisch-portugiesische Literaturwissenschaftlerin, Essayistin, Kolumnistin und Romancière Djaimilia Pereira de Almeida wurde mit mehreren wichtigen nationalen Literaturpreisen und Auszeichnungen geehrt.

Pereira de Almeidas Roman „Im Auge der Pflanzen“ (A Visão das Plantas, 2019) lässt Lesende in eine romantisch-düstere, fatalistische, von farbigen Blüten und schrecklichen Geschichten durchwobene Erzählwelt versinken, aus der man:frau so schnell nicht mehr herauskommt.

Umso faszinierender ist der tiefe Nachhall dieses schlanken Romans, der aufgrund seiner authentischen Gestaltung, sprachlicher Inbrunst und inhaltlicher Intensität außergewöhnlich langlebige Auswirkungen hat.


© Unionsverlag

Djaimilia Pereira de Almeida (* 1982 in Angola) hat bis dato sechs Romane und diverse belletristische sowie essayistische Kurztexte verfasst.

In ihren Werken konstruiert Pereira de Almeida psychologisch tiefgründige Einöden, beschäftigt sich mit menschlichen Innenwelten, Herkunft, Individualität und Identität – und sinniert über die dunkelsten Ecken sowie äußersten Grenzen des Verständnisses von menschlicher Moral und Ethik.

„Im Auge der Pflanzen“ (A Visão das Plantas, 2019), aus dem Portugiesischen übersetzt von Barbara Mesquita, erzählt die Geschichte des alten Kapitäns Celestino, der seine Jugend als Pirat und Sklavenhändler verbracht hat.

Im Herbst seines Lebens angelangt, kehrt Celestino zurück ins Dorf seiner Eltern, um in deren leer gebliebenem Haus seine letzten Jahre zu verbringen.

Bereits die ersten Seiten dieses schlanken Romans etablieren eine emotional und inhaltlich intensiv anmutende, düstere Atmosphäre, als Celestino sich im Haus einfindet:


Er öffnete die Läden, und die Luft strömte herein wie ein Fluch.
Die Laken wehten von den Möbeln auf, und der Kapitän
hatte Angst, die Seele des Hauses könnte aus dem Fenster
davonfliegen und sich auf der Straße verlieren.
(13)


Das alte Haus, welches der Kapitän geerbt hat, wird des Weiteren als ein „Grab für sein Herz“ (14) bezeichnet: sogleich das Haus personifiziert und als lebendiges Wesen beschrieben wird, verschiebt sich die Figur des Celestino näher an die Sphäre des Verstorbenen.


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Allegorisch betrachtet steht der Protagonist am Ende seiner bestenfalls als moralisch ambivalent zu bezeichnenden Jahre auf hoher See sowieso bereits mit einem Fuß in der Hölle: Celestino hat Männer, Frauen und Kinder gefangen, gegeißelt und (mehr oder weniger) brutal ermordet.

Der alte Kapitän empfindet allerdings keinerlei Reue für seine Taten, während er sich die Erinnerung an diese immer wieder vor Augen führt. Lediglich möchte er sich in seiner knarzenden, staubigen Einöde von der Gesellschaft isolieren und seine letzten Tage in Ruhe verbringen.

Vor dem eigenen Altern, der graduellen körperlichen und geistigen Verwesung, Erblindung und und dem bald bevorstehenden Tod scheint Celestino ebenso keine Angst zu haben, diesen eher als guten Bekannten grüßen zu wollen – hatte der Kapitän im Laufe seiner Lebensjahre doch so oft und viel Tod gesät.

Nun wird es Zeit, dem eigenen Ende ins Antlitz zu blicken.


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Celestino beginnt, den neu eingerichteten Garten des alten Hauses mit Sorgfalt zu pflegen, errichtet und züchtet wunderschöne Beete und Blüten, die er täglich liebevoll und aufmerksam betreut.


Obgleich Pereira de Almeida gleichzeitig beschreibt, wie ästhetisch, wie lebendig, wie farbenfroh und bewundernswert der Garten dank Celestinos Mühen aussieht, betont sie zeitgleich stets die absolute Pragmatik seiner scheinbar altruistischen Gesten:

Sowohl Gärtner als auch die Pflanzen haben keine ideologische, emotionale oder bedeutungsvolle Bindung zueinander. Die Pflanzen sind Celestinos Zuneigung gegenüber gleichgültig – die tägliche Pflege wird als bloße Transaktion behandelt.

Das wissen um die Ehrlichkeit dieser Geste erlaubt dem Protagonisten wiederum vor allem eine Freundschaft zu seinem Garten aufzubauen.


Die Pflanzen sahen ihn […]. Sie und ihr Freund waren aus
demselben […] erbarmungslosen Fleisch ohne Mitleid.
Hinter den Rippen, am Ort des Herzens,
wuchs in dem Korsar eine Pflanze.“(51)


Die Gegenüberstellung der personifizierten Pflanzen zu menschlichen Nebenfiguren
– wie der Geistliche, Padre Alfredo, dessen wöchentliche Versuche, Celestino zur Beichte zu bewegen, scheitern; die Nachbarin, die den alten Kapitän mit Neugier und steter Beurteilung beobachtet, oder die Dorfkinder, die ihn regelmäßig besuchen, sich mit Delikatessen bestechen lassen und seinen Abenteuergeschichten lauschen

– fasziniert: die Pflanzen urteilten nämlich einerseits nicht über ihn (vgl. S. 51), überdies handelt es sich um eine Beziehung, in der beide Parteien gleichgestellt sind.

Sämtliche Interaktionen jenseits des Botanischen sind im Grunde genommen folgen- und bedeutungslos, basieren auf Oberflächlichkeiten, Habgier, bestehen aus egoistischen Motiven und sind somit herzlos – Celestinos innigster Wunsch nach einigen Kontakten mit den Dorfbewohner:innen bleibt die vollständige Isolation im Bett seiner Beete, fernab des Menschlichen, welches er zwar nicht aktiv zu verachten, doch aktiv zu meiden scheint.


Pereira de Almedas sprachliche Bauten, die von der Übersetzerin wunderbar ins Deutsche übertragen worden sind, beeindrucken und fesseln ab der ersten Seite.

Ihre stilistischen Eigenarten zeigen Figuren in ungewöhnlichen Farben, kochen moralische Vorurteile in einem Kessel von Perspektiven und Kausalitäten auf und lassen die Ereignisse mit einer erstaunlichen erzählerischen Neutralität verlaufen.

Celestinos scheinbar mühelose und friedvolle Existenz mit einer Seele vollständig jenseits von Gut und Böse beunruhigt: sein ehrliches und wiederholtes Geständnis vergangener Verbrechen und fehlender Reue sind schamlos und kalt – dahingegen begegnet der alte Kapitän seiner Leidenschaft dem frischen Garten gegenüber mit Vorsicht – gar Angst, wenn man:frau interpretativ naiv sein möchte.


Djaimilia Pereira de Almeida ist promovierte Literaturtheoretikerin: es wäre eine Verschwendung, „Im Auge der Pflanzen“ nicht auf symbolische Komplexitäten, allegorische Doppeldeutigkeiten und intertextuelle Nuancen zu untersuchen.

Einerseits die Vergangenheit Portugals als mächtige Seefahrernation, die Aufarbeitung der Geschichte als Kolonialreich – andererseits die kombinierten Motive magischer Gärten, staubiger Häuser und Seefahrer mit düsteren Mienen: hier ließe sich seitenweise Interpretatives hervorheben.


Diese Gespräche möchte ich jedoch im Dienste der Spoilerfreiheit denjenigen überlassen, die sich nach der Lektüre in den Kommentaren treffen möchten. Mit zu viel Vorahnung würde dieser wunderbar komplexe Roman aus meiner Sicht geringfügig weniger Lesegenuss bereiten. Bestenfalls ist die Zweitlektüre zu empfehlen, um fehlende Informationen zu ergänzen und dieses sprachliche Meisterwerk erneut zu verinnerlichen.

Zu loben und hervorzuheben ist ebenso die Tatsache, dass die Autorin sich nicht mit einem bloßen Eindruck, einer Momentaufnahme, einer Karambolage von Motiven und Tropen – so ausreichend dieser Ansatz bereits wäre, da Pereira de Almeida die Ausführung makellos gelingt – begrenzt, sondern eine fesselnde Handlung konstruiert, die (mutige!) Lesende nach und nach in die tiefsten Tiefen von Celestinos (argumentativ) pathologischer Psyche absteigen lässt.

Eine wahnsinnig aufregende literarische Reise, von der man irgendwann zurückkehren sollte – allerdings für eine ganze Weile gar nicht loslassen möchte.

Für Fans von Autor:innen wie Carlos Ruiz Zafón, Ava Farmehri, Fernando Pessoa, Camilo José Cela u.ä. ist dieser fantastische Roman mit Nachdruck zu empfehlen.


Aufgrund jüngster online-Recherchen ließe sich eine Vermutung auf die Beine stellen, dass zeitnah ein weiterer Roman aus der Feder der Autorin in deutschsprachiger Übersetzung erscheinen wird.

Meinerseits kann ich diesen Augenblick kaum erwarten.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Im Auge der Pflanzen
Autor:in: Djaimilia Pereira de Almeida
Übs.:in: Barbara Mesquita

128 Seiten | 20,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 14.02.2022
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00581-5

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  1. Oh weia … wie soll ich das Buch jetzt nicht kaufen. Na gut, nach einer solchen Rezension bin ich mehr als gespannt, inspiriert und bereits voll im Geschehen! … gekauft … ich werde berichten, welche symbolistischen Verkettungen sich mir aufdrängten, aber vor allem diese Sprache genießen! Fröhlichen Wochenstart!

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  1. Kalenderwoche 23: Lesebericht. - Kommunikatives Lesen

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