Die Montagsfrage #81 – Wie stehst Du zu Kurzgeschichten?

Die Montagsfrage ist ein Dialog, der allerlei Themen bezüglich diverser Aspekte des Literaturbetriebs umfasst.

Im heutigen Beitrag tauschen wir uns zum Thema Kurzgeschichten aus.


Aus aktuellem Anlass habe ich heute die Gelegenheit, mich mit einer der noch nicht besprochenen Montagsfragen aus der geräumigen Backlist-Kiste der Montagsfragen zu beschäftigen.


Die Montagsfrage #81 lautete: Wie steht ihr zu Kurzgeschichten?

Nämlich finde ich es meinerseits extrem interessant, das eigene Leseverhalten zu beobachten, zu analysieren – und ab und an mehr oder weniger kritisch zu reflektieren.

Erstens ist eine regelmäßige Selbstanalyse aus meiner Sicht essenziell für eine Vertiefung der Beziehung eines Individuums mit sich selbst – mit Abstand die wichtigste Beziehung, die wir in unserem Leben überhaupt führen. Nur diejenigen, die imstande sind, allgemein gesunde Selbstkritik auszuüben, können meiner Meinung nach tiefsinnige, gewinnbringende Beziehungen mit anderen Individuen kultivieren.


Zweitens ist eine Weiterentwicklung und Änderung des eigenen Verhaltens, wenn es um Vorlieben, Hobbys oder Geschmacksfeinheiten geht, immer eine Aussage über den eigenen Charakter – weswegen das eigene Leseverhalten als Leseliebhaber:in zu beobachten für mich eine sehr hohe Priorität besitzt.

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Um nun das Thema Kurzgeschichten konkreter anzuschneiden: es hat bereits im Lesejahr 2020 eine Veränderung in meinem eigenen Leseverhalten gegeben, die jedoch in diesem Jahr zu einer klaren Zäsur in meinen Kriterien zur Beurteilung von Büchern und Autor:innen führte.


Noch vor wenigen Jahren stufte ich Kurzgeschichten als Anhang oder Beilage eines Gesamtwerks ein und nicht als solches selbst; interpretierte sie als Schnörkel statt Handschrift; wählte sie öfter ab als aus.

Obwohl mir grundlegend bekannt war, dass genügend lesenswerte Autor:innen ausschließlich Kurzformen verfassen, beschränkte ich mich in meinen Lektüren auf sehr wenige dieser Werke.


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Wie kam es zu einer Änderung dieser Ansichten und mehrwerdenden Zuwendung zu den Kurzformen?

In sehr großem Maße habe ich das Kennenlernen und die Festigung von Kurzformen in meinem Lesepensum diesem Blog und meiner Bookstagram-Community zu verdanken.

Dank der Begründung dieser Blogseite, der selbst formulierten Ambitionen und Ansprüche für ein wachsendes und hochwertiges Lesepensum, der vielfältigen Leseerlebnisse sowie der regelmäßigen Buchbesprechungen im erhellenden Austausch hat sich die thematische und formale Variabilität meiner literarischen Erfahrungen immens erhöht.

Zeitgleich konnte ich meinen persönlichen Geschmack viel genauer festlegen und einige Genres ausschließen – und mich andererseits innerhalb der ausgesuchten Nischen (sowohl zeitlich als auch räumlich als auch auf Diversität bezogen) viel komplexer auslegen.


Durch das Kennenlernen zahlreicher Indie-Verlage und kleinerer, unbekannterer Autor:innen sowie die vertiefte Lektüre von Klassikern – und nicht zuletzt der erhöhten Menge an zur Verfügung gestellten Rezensionsexemplaren (auch Literaturliebe ist kein günstiges Hobby, obwohl der Wert einer hervorragenden Lektüre ihren Preis um Kathedralen voller Goldmünzen übersteigt, vielen Dank, liebe Verlage!) – konnte ich Debüts, weniger bekannte Klassiker, Kurzformen aus der neueren und älteren Weltliteratur sowie Kurzgeschichten von Autor:innen kennenlernen, deren Romane ich bereits gelesen hatte.

Der absolute Durchbruch in meiner neuen Entdeckungsphase gelang mit dem Debüt „Milch Blut Hitze“ von Dantiel W. Moniz – allerdings haben bereits andere Werke zu dieser Offenbarung beigetragen.


Worin sehe ich nun die Vorteile von Kurzgeschichten?

Zunächst einmal muss betont werden, dass diese ein weitaus höheres Maß an Exzellenz besitzen müssen, um zu überzeugen. Die oben beschriebene Evolution in meinem Lesepensum trug zur Entdeckung zahlreicher solcher Sammlungen bei.

Wenn Kurzgeschichten sehr gut sind, skizzieren sie eine offene Landschaft, die ein gewisses geographisches, politisches, ideologisches, soziokulturelles oder historisches Geflecht aufzeigt.


Allerdings lassen sie genügend Interpretationsraum für eine individuelle Ausweitung dieser Skizze frei.

Gut geschriebene Kurzgeschichten sind nicht nur sprachlich innovativ, sondern bergen eine kleine Revolution in sich: sie sprengen Grenzen des bereits Gewohnten und Bekannten, sowohl im inhaltlichen als auch im förmlichen Sinn. Sie sind waghalsig, experimentierfreudig und riskant. Sie gehen dem Zeitgeist ihrer Dekade nicht nur nach, sondern auf den Grund.


Bei all diesen erfüllten Ansprüchen bleiben sie immer noch Interpretationsoffen und bieten eine Freiheit; eine Mystik, die ein abgeschlossener, in Intention, Narrative und Figurenentwicklung ausgeschmückter und vollendeter Roman – meist – nicht besitzt.

Eventuell fehlte es mir einfach an individueller interpretativer Flexibilität und Fantasie, um diese Freiräume in vollen Zügen zu genießen, und man:frau ist generell in der Lage, Kurzgeschichten erst im reiferen Alter zu schätzen?


Diesen Gedanken lasse ich hier spekulativ offen und freue mich auf Deine Gedanken, Senf und Resonanz zum Thema.

Zusammenfassend habe ich mich in den vergangenen zwei Jahren sehr daran erfreut, meine Skepsis an Kurzgeschichten nach und nach organisch abzubauen und eine neu gewonnene Begeisterung graduell wachsen zu lassen.



Welche Empfehlungen ich für Kurzgeschichten-Begeisterte noch habe und wie die Kurzgeschichte eigentlich zu der Form kam, die wir heute als solche verstehen, habe ich auch in einem YouTube-Video besprochen:


Ich freue mich sehr auf Deine Gedanken zum Thema, negative und positive Ideen und Kritiken zu Kurzgeschichte und Kurzformen – und Reflexionen zu eigenen Eindrücken und Erlebnissen mit Kurzgeschichten.

Bis gleich in den Kommentaren! 😉


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  1. Ich bin seltsamerweise noch nie wirklich warm geworden mit der kleinen Form. Ich mag zwar Edgar Allan Poe und die Kafka Miniaturen, aber sie erreichen nie ganz die Intensität, die eine ausgebreitete Romanlandschaft manchmal erreicht. Es hat für mich nämlich mit der Dauer zu tun, dieses langsame ruhige Lesen einer Stimme, einer Organisation, die sich langsam heraus kristallisiert, die Assoziationen trägt und einen Teppich, eine Textur erzeugt. Zumindest mein Interesse für die sprachliche Form erhält zu wenig Anhaltspunkte in sehr kurzen Texten, in Lyrik schon, weil sie selbst so mysteriös ist, aber Kurzgeschichten … ich muss darüber mal nachdenken. Ich habe schon lange keine mehr gelesen. Wird vielleicht mal wieder Zeit! Viele Grüße!

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    • Genau so ging es mir bis vor Kurzem auch, lieber Alexander – zurzeit lese ich „Der Name der Rose“ und genieße schon die blanke Tatsache, dass mich weitere 300 Seiten erwarten. Aber unter anderem auch dank mehrmaliger Teilnahme an Leserunden habe ich gelernt, die kurze Form und die offenen Flächen für eigenständiges Sinnieren immer mehr zu schätzen.
      Schönes Wochenende! 🙂

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  2. Ich habe vor ein paar Tagen „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler als Hörbuch gehört. Ganz große Empfehlung meinerseits. Bisher dachte ich oft, ich wäre nicht „der Typ für Erzählungen“, allerdings stellt sich – wie bei jedem Roman auch – eher die Frage nach der Umsetzung, statt nach der Textsorte. Daher nehme ich deine Antwort auf die Monatsfrage auch zum Anlass, mich öfter auf Kurzgeschichten einzulassen. In ihnen steckt sicher ein enormes Potential. 🙂

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  3. Mir geht es zwischen zwei Romanen oft so, dass ich, nachdem ich einen beendet habe, nicht gleich weiß, was ich als nächstes lesen möchte. Somit habe lese ich dann und auch, da es sich dort immer anbietet, in der Straßenbahn, oft Kurzgeschichten. Alice Munro kann ich auf jeden Fall empfehlen; momentan lese ich von Claire Keegan „Durch die blauen Felder“. Von ihr gibt es mehrere Kurzgeschichtenbücher – manche der Geschichten sind sehr eindringlich, sind aber wirklich zu empfehlen. Manchmal ist es auch so, dass man z. B. von Elizabeth Taylor, von der es ja nur wenige Romane gibt, in älteren Kurzgeschichtensammlungen („England erzählt“) dann auch noch interessante Sachen findet. Auch „Frauen in Japan“ finde ich sehr gut. Die Liste ließe sich weiter führen – gerade auch in den USA (z. B. David Foster Wallace) sind Kurzgeschichten ja viel üblicher… Liebe Grüße 🙂

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    • Munros Kurzgeschichten mag ich gerne, Moniz empfehle ich allerdings wirklich dringend! Bulgakow ist natürlich auch ganz großartig, naja ich wiederhole die Liste aus dem Video 😉
      Von US-Amerikanischen Autor*innen fällt mir spontan noch Salinger ein. Allerdings sind gerade in den letzten Jahren auch zahlreiche spannende Sammlungen in der deutschsprachigen Landschaft erschienen. Ich finde, dass Kurzgeschichten an sich hierzulande einen schönen qualitativen und quantitativen Aufschwung erleben, und finde das mittlerweile ganz gut! Liebe Grüße 🙂

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  4. Oh danke für deine Empfehlungen – ich schaue gleich einmal und werde wohl jetzt öfter hier hereinschauen 🙂

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