Eingemauerte Schreie. Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Die deutsche Schriftstellerin Bettina Wilpert (* 1989) erforscht in ihren Romanen aktuelle Debatten und brennende Themenkomplexe rund um den systemischen Missbrauch von und Gewalt gegen Frauen. In ihrem Debütroman „Nichts, was uns passiert“, thematisierte Wilpert die psychologischen und sozialen Auswirkungen sexueller Gewalt unter Personen im selben Freundeskreis.

Welche entsetzlichen Wahrheiten aus der Geschichte der DDR offenbart Wilperts neuer Roman „Herumtreiberinnen“ – und wie webt die Autorin drei zeitlich weit entfernte Erzählebenen hauteng ineinander?


© Verbrecher Verlag

Bettina Wilpert schreibt in ihrem neuen Roman „Herumtreiberinnen“ über grausame Facetten deutscher Geschichte – die sich bereits in dem aus zeitgenössischem Auge eher leichtherzig anmutenden Titel verbergen.

Herumtreiberei – so angenehm und frei dieses Wort heutzutage klingen mag – hat nichts mit Fernweh, Outdoor, Zerstreuung oder Freizeit zu tun.

Ein solches Verhalten bei Mädchen und Frauen deutete noch in den 1980er Jahren auf moralische Verwahrlosung und einen unsittlichen Umgang mit dem anderen Geschlecht hin, was in der DDR zur Zwangseinweisung in eine geschlossene venerologische Station oder „Tripperburg“ führen konnte.

Dies auf den kleinsten Verdacht hin und ab dem 12. Lebensjahr.


Zahlreiche solcher geschlossener Einrichtungen hat es gegeben: in Berlin-Buch, Erfurt, Frankfurt (Oder), Gera, Halle, Dresden, Leipzig, Chemnitz und anderen Städten. (bpb)

Wilpert beschreibt und verbindet in ihrem Roman drei Frauenschicksale, die allerdings auf unterschiedliche Art und Weise mit der „Tripperburg“ verbunden sind. „Herumtreiberinnen“ bewegt sich zwischen Protagonistinnen in den Jahren 1983, 1945 und 2016. Diese betreten das Haus in der Lerchenstraße aus unterschiedlichen Gründen: Lilo betritt das Backsteingebäude als Gefangene, Manja als „Asoziale“ und Robin als Sozialarbeiterin.


Sie sagen, dies sei eine Pesthöhle, doch eine Höhle
stellen wir uns anders vor, dunkel, warm und kuschelig,
hier werden wir von allen Seiten beobachtet,
es ist ein Käfig mit Mauer.“(64 f.)


Als vierter Protagonist türmt und wacht das Gebäude in seiner stummen Rolle als Zeitzeuge über Lilos Familie, die von der Gestapo verhaftet werden; über Robins Verzweiflung bei der Betreuung der ihr anvertrauten Flüchtlingsfamilien; über Manjas seelische Defragmentierung in der Tripperburg.


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Alle drei Frauenschicksale sind inhaltlich mitreißend und erzählerisch gekonnt ausgeführt worden – voller Aufregung stürzt man:frau sich beim Lesen zur nächsten Person, zeitgleich vor Spannung das folgende Kapitel nicht erwarten könnend.

Wilpert hat allen Protagonistinnen eine zeitgenössischen Bedingungen passende Figurenstimme verliehen, beherrscht ihr Erzähltempo und ihre Kulissen einwandfrei. Die drei Erzählwelten schmelzen ineinander, ihre respektive Authentizität behaltend.


Und doch ist es die bewusst in Ich-Perspektive geschilderte Manja, deren Werdegang am meisten interessiert: Galt die grausame Strafe auch Manuel, mit dem sie den Abend gemeinsam verbracht hatte? Was wurde aus ihrer Freundin Maxi, die mit Manuels Cousin unterwegs gewesen war? Wird sie je wieder aus dieser Anstalt rauskommen?

Es ist geradezu erstaunlich, dass die junge, starke Lilo, die im Gefängnis eingesperrt und gefoltert wird, niemanden verrät und ebenso unermessliche emotionale und körperliche Leidenswege auf sich nehmen muss – im Namen der Loyalität, im Namen der Liebe, im Namen dessen, was richtig ist – bei Weitem nicht so viel Empathie erzeugt wie Manja.


Manjas Geschichte ist umso mehr entsetzlich, da zeitgleich eine Enthüllung mit Neuwert; eine für die meisten Lesenden vollständig neue Kenntnis.

Obgleich sie auf historischen Tatsachen und seit Jahren in den Medien kreisenden Personenberichten basiert.


„Sexuelle Gewalt galt zu DDR-Zeiten als Erziehungsmaßnahme. Forscher gehen davon aus, dass bis zur Wende jedes Jahr ungefähr 3000 Mädchen und Frauen wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten in geschlossene Venerologische Stationen von Polikliniken und Krankenhäusern eingewiesen wurden. Die Eingewiesenen galten vielmehr als „Asoziale“ und „Rumtreiberinnen“. Unter dem Deckmantel der Medizin sollten sie zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden, sexueller Missbrauch, Gewalt und Demütigung waren an der Tagesordnung.“ (SZ)


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Je mehr Recherche und Lektüre zum Thema, desto mehr zeigt sich die detailgetreue Authentizität der im Roman erzählten Geschichten und konstruierten Kulissen: von der frei erfundenen Adresse in der Lerchenstraße abgesehen – die somit wahrscheinlich eine Typisierung darstellen soll – finden sich Spuren der Kleider, Instrumente, Tagesabläufe und wortwörtlicher Beleidigungen in „Herumtreiberinnen“ wieder.

So entsetzlich, so wahr sind diese Passagen und Kapitel.


Umso lobenswerter sind sprachliche und stilistische Entscheidungen der Autorin: kaum geschnörkelt, in einem enorm ruhigen Tempo und Stil berichtet sie über die drei Protagonistinnen und ihre individuellen Herausforderungen, Ängste, Geheimnisse und Hoffnungen für eine grau erscheinende Zukunft.

Nur in wenigen kurzen Fragmenten mit dem sich wiederholenden Titel „Wir, in der Lerchenstraße“, erlaubt die Autorin sich einen Millimeter Pathos:


Wir seien triebhaft und fragen: wer ist das nicht?
Wir seien in den Sumpf geraten und nur wieder herauszuholen,
wenn wir uns mäßigen, straff geführt würden. Wir seien labil,
verlebt, überheblich, undiszipliniert. […]


Wir sagen: Wir sind nicht schwatzhaft.
Wir sind flott und tollkühn und darauf sind wir stolz.
(188)


Kritik gebührt einigen Entscheidungen gegen Ende des Romans: verständlich ist der Wunsch der Autorin, weitere Facetten und Figuren aus der Tripperburg zu zeigen. Allerdings kommen dadurch einige Geschichten zu kurz, die wiederum nur zum Teil zu Ende erzählt werden.

Andererseits spricht es wiederum für das Talent der Autorin, die Geschichten bisher unbekannter Patientinnen ebenso fesselnd zu erzählen als die der Protagonistinnen, deren Schicksale man bereits länger verfolgt. Insofern hätten ein paar Seiten mehr dem Roman nicht geschadet, um auch interessanten Nebenfiguren mehr Aufmerksamkeit zu geben.


Im Nachhall harmonisieren die einzelnen Stimmen der drei sogenannten Herumtreiberinnen als Chor in der reflexiven Luft: Wilpert hat auf hervorragende Art und Weise institutionalisierte Methoden zur Unterdrückung von Freiheit; zur Erstickung von Individualität; zur Anfechtung von Solidarität aufgezeigt, nach denen es auch in zeitgenössischen Diskursen, Städten, Zeitungen und Personen zu suchen gilt.


Die Tripperburgen mögen heute zwar geschlossen sein – der Weg zur individualistischen Freiheit und geschlechtlicher Gleichstellung trotzdem noch lange nicht bestritten.

Bettina Wilperts „Herumtreiberinnen“ ist eine uneingeschränkte Leseempfehlung für diejenigen Lesenden, die sich im geringsten Sinne für die Geschichte ihres eigenen Landes interessieren.

Dies sollte heißen: jede hier lebende Person.

Bedanken möchte ich mich für eine herausragende Leserunde mit erhellendem Austausch bei meinen liebsten Buchbloggerinnen Laila und Jule. Du findest Lailas Gedanken im Blogbeitrag zum Roman hier und Jules Beitrag auf Instagram in Kürze hier.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: „Herumtreiberinnen“
Autor:in: Bettina Wilpert

266 Seiten | 25,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 08.03.2022
Verlag: Verbrecher
ISBN: 9783957325136

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  1. Und nicht zu vergessen dabei: die politisch Verantwortlichen wurden nie oder nur hochgradig milde bestraft, sind heute weiterhin wählbar und in vielen deutschen Länderparlamenten und im Bundestag vertreten, und besitzen noch die Frechheit, für sich feministische Politik in Anspruch zu nehmen.

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  2. Ameliebe 💜
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