Der seidene Faden reißt. Frances Cha: „Hätte ich dein Gesicht“

Die Texanisch-Koreanische Autorin, Journalistin und Dozentin Frances Cha war als Redakteurin für CNN International in Seoul und Hongkong tätig, lehrte Medienwissenschaften und kreatives Schreiben an der Columbia University und der Seoul National University. In ihrem Debütroman „Hätte ich dein Gesicht“ schreibt Cha über die schonungslose Klassengesellschaft, den brutalen Konkurrenzkampf und die unmöglichen Schönheitsstandards in Südkorea.

Welche inhaltlichen und kompositorischen Aspekte verleihen Chas erschreckender Erzählwelt ihre besondere Authentizität?


© Unionsverlag

Frances Chas Debütroman „Hätte ich dein Gesicht“ (If I Had Your Face, 2020), aus dem Englischen übersetzt von Nicole Seifert, geleitet Lesende in eine vielfältige Erzählwelt, die die unmöglichen ästhetischen Ideale und den brutalen Leistungsdruck in der Koreanischen Gesellschaft obduziert.

Von der unsichtbaren Hausfrau bis zum im ständigen Rampenlicht stehenden Popstar werden einzelne Introspektiven und gesellschaftliche Wahrheiten ans Licht gebracht – die sowohl entsetzlich als auch faszinierend sind.

Interessant ist bereits die perspektivische Komplexität dieses Romans: analytische Betrachtungen der Protagonistinnen geschehen oft zunächst aus der Perspektive anderer und stehen schlussendlich im vollständigen Widerspruch zu ihren eigentlichen Lebenswelten.


Zu den Figuren gehören beispielsweise die wunderschöne Kyuri, die als Eskorte in einem exklusiven Room-Salon arbeitet und den erfolgreichsten Geschäftsmännern von Seoul den Abend verschönert. Angehimmelt und bewundert wird sie von Sujin, die sich ein ebenso schönes Gesicht wünscht und für die entsprechenden Eingriffe zu allem bereit ist.

Allerdings erfahren Lesende an einem gewissen Punkt, dass Kyuris Beruf weder zufriedenstellend noch lukrativ noch ohne Gefahren ist – denn die Hintergründe ihres Werdegangs zerstören sie nach und nach seelisch und körperlich.


Trotz seiner Millionen Menschen ist Korea so groß
wie ein Goldfischglas, da blickt immer irgendjemand
auf jemand anderen herab.“(75)


Von einer freundlichen Bemerkung zur Gewichtszunahme bis hin zu brutalen Kritiken einzelner Gesichtszüge – in der koreanischen Gesellschaft ist es Knigge, dem Gegenüber absolute Ehrlichkeit zu zeigen, wenn es ums Äußere geht.


(Im Übrigen gilt diese Art von Offenheit auch in der Japanischen Gesellschaft – wohingegen anderer Art Individualismus wie im Restaurant eine Bestellung im Menü abändern zu wollen oder eine kontroverse Meinung zu aktuellen Themen zu besitzen als schwere Beleidigung gilt).

Inwiefern Cha selbst als US-Amerikanerin diesen Normen unterliegt, erläuterte sie in einem Interview mit der New York Times.


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Chas Gedanke, dass sich für ein Treffen mit anderen zu schminken und zurecht zu machen als Zeichen von Respekt zum Gegenüber gilt, ist dennoch eine milde Form derjenigen Mentalitäten, die in Seoul herrschen.

So werden in „Hätte ich dein Gesicht“ Freund*innen, Bekannte, Personen des öffentlichen Lebens und Kolleg*innen ständig an den Pranger gestellt und hinsichtlich ihrer Augenbrauen, Stirn, Nase, Kinn, Wangen, et cetera, beurteilt.


Allerdings sind es nicht nur äußere Merkmale, die vom Erzielen des ultimativen Glücks – bestehend aus gesellschaftlichem und finanziellem Erfolg, emotionale und seelische Aspekte sind unwichtig – abhalten können. Genauso wichtig sind Herkunft und sozialer Status eines Individuums.

Diese Konflikte bestimmen vorrangig das Leben der aus armen Verhältnissen stammenden Stipendiatin Miho und der hyperreichen, (augenscheinlich) unnahbaren Ruby, die eine unorthodoxe Freundschaft schließen – bis ein wichtiger Teil dieser Beziehung durch gesellschaftlichen Druck in Stücke zerschmettert wird.


Sie bestimmen deine Position auf der nationalen Statusskala,
und einen Herzschlag später spucken sie sich aus.“(75)


Der kompositorische Wechsel unterschiedlicher Figurenperspektiven – die dennoch alle entweder durch den gemeinsamen Wohnraum, das universitäre Umfeld oder gar Blutsbande aneinandergebunden sind – gestaltet die Lektüre als vielfältig, spannend und nuanciert. Cha geht den innigsten Wünschen und Ängsten ihrer Figuren mit Sorgfalt auf den Grund und scheut sich nicht vor den schwärzesten Szenarien im Leben einer Jungen koreanischen Frau.

„Hätte ich dein Gesicht“ thematisiert einerseits die kurze Lebenszeit einer jungen Frau, die unmöglichen ästhetischen Standards und die knallharte Klassengesellschaft, denen sie unterliegt – kompliziert diese Aspekte zudem erfolgreich mit einer scharfen Kontrastierung von Schein und Wahrheit.


Gerade diejenigen unter Chas Figurenvielfalt, die es äußerlich entweder zu Reichtum oder Status geschafft haben – und deren grausige Privatwelten zeitgleich durch Mühen und Masken verborgen werden – machen den beunruhigenden, erschreckenden Kern dieses psychologisch und sozikulturell faszinierenden Debüts aus.

Umso entrüstend ist es schließlich, nach einer eleganten erzählerischen Annäherung an den wahrhaftigen Horror dieser Existenzen, der Realität in Gänze, gegenüberzustehen und zu erkennen, wie die jungen Frauen sowohl seelisch als auch emotional – so wunderschön und beneidenswert sie von außen auch erscheinen mögen – nur noch an hauchdünnen Fäden (aus sehr teuren Stoffen) hängen, die seit einiger Zeit zu zerreißen drohen.


Für diejenigen, die sich trauen, diese Reise anzutreten, wartet hier ein wertvoller literarischer Beutel, gefüllt mit hartem Tobak.

Cha führt ihre Lesende gekonnt ein in diverse Räume und Facetten der koreanischen Gesellschaft, beansprucht eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit vollständig unmenschlichen Normen, Standards und Reglementierungen – und führt diese Sachverhalte mittels einer entsetzlichen, fesselnden, komplexen Figuren- und Perspektivenvielfalt aus.

Meinerseits spreche ich für Frances Chas Debütroman „Hätte ich dein Gesicht“ eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Hätte ich dein Gesicht
Autor*in: Frances Cha
Übs.*in: Nicole Seifert

288 Seiten | 23,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 11.07.2022
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00586-0

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