Zwischen Teufeln und Flammen. Catalin Dorian Florescu: „Der Feuerturm“

Der rumänisch-schweizer Romancier, Psychologe und Therapeut Catalin Dorian Florescu (* 1967) hat bisher sieben Romane verfasst. Seine Geschichten spielen größtenteils in Rumänien, umspannen beeindruckende Zeiträume und weisen eine erzählerische Tiefgründigkeit auf.

Kann „Der Feuerturm“ (2022), Florescus neuester Roman über eine rumänische Feuerwehrdynastie, auf historischer sowie figurenpsychologischer Ebene punkten?


© C. H. Beck

Catalin Dorian Florescus Roman „Der Feuerturm“ (2022) umfasst ein knappes Jahrhundert rumänischer Geschichte und porträtiert fünf Generationen einer Bukarester Familie.

Die Stoicas sind seit Dekaden als vorbildliche Feuerwehrmänner tätig – ihr Leben verläuft dementsprechend immer entlang der Peripherie des Feuerturms, der im absoluten Mittelpunkt dieser Geschichte steht.

So fokussiert der Roman die historischen Entwicklungen in Bukarest: beginnend im Jahr 1892, als der Feuerturm als höchstes Gebäude der Stadt errichtet wird – bis hin zum Ende des 20. Jahrhunderts, als der Feuerturm selbst in die Peripherie der gegenwärtigen Gesellschaft geraten ist, die ihre Lebenskreise längst um andere, höhere Bauten dreht.

Victor Stoica berichtet über den Werdegang seiner Familie in einem bedachten, introspektiven Ton, beschreibt die Bedeutung des Turms für die Feuerwehr, die Stadt, seine einzelnen Familienmitglieder – und für ihn selbst.

Als Auftakt wird die geheimnisvollen Legende von „Iane, der warnen wollte und verbrannte“ (S. 27) erzählt, somit wurzelt der narrative Kern des Romans eigentlich bereits im 16. Jahrhundert.

Die ersten Sätze fesseln direkt und weisen bereits auf die Dichotomie von Gott und Teufel, von Heiligen als Rettern und Ikonen als Schutzobjekten hin, in der ewigen Furcht vor dem Teufel per se – und den jeweiligen persönlichen Teufeln, die ebenso präsent sind.


Der Wald umschloss die kleine Stadt wie eine Faust. Ob es die
Hand Gottes war oder die des Teufels, wusste niemand so genau.

Wenn die Bewohner wieder einmal unsicher waren,
bauten sie eine weitere Kirche aus dem Holz des Waldes,
der großzügig ihren Glauben stützte. Sie schmückten sie mit
Ikonen, weihten sie und fühlten sich beschützt, für eine Weile.“(7)


Vom mystisch gehauchten Ton der einführenden Legende aus 1592 kehrt Florescu bald sprachlich ab, als Victor Stoica das erzählerische Lenkrad übernimmt – allerdings nur zum Teil.

Weiterhin kreisen die Familientraditionen ums Beten, um die sehr präsenten und Leben rettenden Heiligen, die Rolle von Gott, Teufel und Kirche im Alltag – und mehrwerdend um den Feuerturm, der bei den Männern nicht nur als Arbeitsstelle, sondern als alternative Gebetsstätte fungiert.


Wie der Teufel in jedem Jahrhundert eine aktive Rolle im Kulturgut, Alltagsdenken und sogar den Manierismen der Bukarester spielt, wird anhand von humorvollen Episoden und Beobachtungen geschildert, die – vom Feuer abgesehen – argumentativ als der am besten gelungene symbolische und erzählerische Ariadnefaden in „Der Feuerturm“ hervorzuheben sind.

Victor Stoica wendet sich von der Familientradition der Feuerbekämpfung ab und beginnt ein Geschichtsstudium – allerdings sterben seine Ambitionen, als er heimtückisch verraten und für neun Jahre als Staatsfeind in ein Foltergefängnis gesperrt wird.


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Faszinierend sind die sich ständig entwickelnde Bedeutung, Wirkung und Position des Feuerturms: zu Beginn seiner Errichtung erzeugt er Bewunderung und Staunen und steht im absoluten Mittelpunkt der Leben der Stadtbewohner, die ihn wie eine Sonne umkreisen.


Mit der zunehmenden Verstädterung und dem Wandel von Bukarest in eine Metropole verliert der Turm an Bedeutung – als Fossil beobachtet er die immer höher kletternden Neubauten, die ihn schließlich ganz in Vergessenheit geraten lassen.

Offensichtlich ist der Symbolwert des Turms als Vogelperspektive auf die Entwicklungen in Rumänien: Generationen von Stoicas blicken zu diversen Zeitpunkten auf die Stadt hinunter und werden Zeugen des durch die Jahrhunderte gleichbleibende Wechsels von Machthabern, die die Stadt zerstören, erobern, neu aufbauen und ihrem wandelnden Willen unterwerfen.

Da die Pflichten eines Feuerwehrmannes sich auch auf den Kampf mit vermeintlichen Staatsfeinden ausweiten, wird dem semantischen Feld des Wortes eine weitere Bedeutung zugetragen.


Feuerwehrmann zu sein, ist ein ehrenwerter Beruf […]
Aber wir sind auch Soldaten, und wenn man uns
etwas befiehlt, gehorchen wir
.“(107)


Wo es in welcher symbolischen Hinsicht schlussendlich brennt, warum Victor nicht nur mit der beruflichen, sondern auch mit der ideologischen Tradition der Feuerwehr bricht – und wer ihn eigentlich verraten hat, wird an dieser Stelle nicht offenbart.


Florescus ruhiges Erzähltempo, seine nachdenklichen Introspektiven und gemach errichteten sprachlichen Bauten verleihen Lesenden das Gefühl, mit einem neuen Bekannten am Feuer zu sitzen und seiner Familiengeschichte zu horchen.


Ich lebe nun, 1989, in einer gänzlich anderen Stadt, […]
an tausend Stellen verwundet. […] jene Häuser sind noch da,
die verfaulten Zähne einer genießerischen, vorwärtsstrebenden,
aber ebenso unbarmherzigen Zeit.“(107)


Es etabliert sich im Laufe der Lektüre allerdings das schleichende Gefühl, nicht vollständig eingeweiht worden zu sein, da auf gewisse Kausalitäten, Verknüpfungen und historische Momente verzichtet wird.

Insofern ist „Der Feuerturm“ nicht als sachliche historische Darstellung, sondern eine Karambolage an Momentaufnahmen zu interpretieren, die den Puls von Bukarest in diversen Dekaden zwar treffend beschreiben, doch keine stringenten Wechselwirkungen oder Kausalitäten aufzeigen.

Zeitgleich folgt man*frau den ungewöhnlichen, faszinierenden Figuren entlang des Familienbaums mit Aufmerksamkeit – und wird plötzlich von einer anderen Person oder einer weit entfernten Jahreszahl überrascht.


Obgleich Catalin Dorian Florescu in seinem neuen Roman beseelte Reflexionen zu grausamen Jahrhunderten aus Rumäniens Geschichte aufreiht und eine faszinierende Familiengeschichte erzählt, bleibt man*frau stets als Beobachter*in oben auf dem Turm stehen und wird gefühlt nie in das gesamte Vorgehen eingeweiht – sodass im geschichtlichen und im figurendynamischen Sinne immer eine kleine Menge an Informationen zu fehlen scheint.


An einigen Orten bleibt das Ungesagte so prominent vor der Perspektive bestehen, dass sogar das Gesagte dadurch unklar wird und die Erzählung selbst unter der Mystifizierung zu leiden hat.

Auch bleibt unklar, ob der Mittelpunkt des Romans nun durchgehend der Feuerturm sein oder ob die Handlung auf den großen Verrat und Victors Brandmarkung hinausführen soll. Der Wechsel im Spannungsbogen ändert das erzählerische Gleichgewicht des Textes und lässt Lesende unerwartet über eine vollständig neue Erzählung stolpern.


Obwohl „Der Feuerturm“ mein persönliches Interesse für Catalin Dorian Florescu geweckt hat, möchte ich seinen neuesten Roman lediglich denjenigen Lesenden empfehlen, die sich mit der Geschichte Rumäniens bereits auskennen und somit imstande sind, einige der entstehenden Lücken selbstständig zu füllen.

Meinerseits werde ich mich allerdings mit Sicherheit nach einem weiteren Roman des Autors umschauen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Der Feuerturm
Autor:in: Catalin Dorian Florescu

358 Seiten | 25,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 17.02.2022
Verlag: C. H. Beck
ISBN: 978-3-406-78148-3

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